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Wiedersehen: Geflüchtete aus Afghanistan treffen sich am Dulles-Flughafen nahe Washington, DC. Foto: imago images/UPI Photo
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Suche nach vermissten Flüchtlingen aus Afghanistan „Jeder gelöste Fall bedeutet für eine Familie die ganze Welt“

200.000 Kriegsflüchtlinge werden weltweit vermisst. Wegen der Afghanistan-Krise erwartet das Rote Kreuz einen drastischen Anstieg der Zahlen.

Sie sind nur ein kleiner Ausschnitt. Doch die Bilder der verzweifelten Menschen am Flughafen von Kabul zeigen, was viele in Afghanistan derzeit wollen: nichts als weg aus ihrer Heimat.

Schon vor dem Einmarsch der Taliban in die afghanische Hauptstadt befanden sich innerhalb des Landes nach Angaben der Vereinten Nationen etwa 3,5 Millionen Menschen auf der Flucht. Alleine 270000 sind seit Jahresbeginn aus ihren Heimatorten geflohen. Dass die Zahlen in den kommenden Tagen und Wochen noch drastisch zunehmen dürften, liegt auf der Hand.

Viele der Betroffenen werden während der Flucht, im Chaos des Krieges, den Kontakt zu ihren Angehörigen verlieren. Familien werden auseinandergerissen, Kinder von ihren Eltern getrennt, zahllose Menschen einfach spurlos verschwinden.

„Wir spüren das jetzt schon“

Der Suchdienst des Deutschen Roten Kreuzes (DRK), der seit mehr als 150 Jahren Kriegsvermisste ausfindig macht, hat sich auf die Situation am Hindukusch bereits eingestellt. „Wir erwarten einen deutlichen Anstieg der Anfragen aus Afghanistan. Wir spüren das jetzt schon“, sagte DRK-Präsidentin Gerda Hasselfeldt am Freitag anlässlich des Tags der Vermissten, der am 30. August ansteht.

Afghanistan ist dabei nur einer von vielen Krisenherden. 210.000 Menschen weltweit werden aufgrund von Flucht, Vertreibung oder Krieg vermisst. Fast 9.500 konnten im vergangenen Jahr ausfindig gemacht werden. Das sind im Schnitt 26 Menschen pro Tag. Das mag wenig erscheinen, sagt Martin Schüepp vom Roten Kreuz in Genf, „aber jeder gelöste Fall bedeutet für eine Familie die ganze Welt“.

Flüchtlingslager in Mazedonien: Seit mehr als 150 Jahren hilft das Rote Kreuz bei der Suche nach Kriegsvermissten. Foto: dpa/AP/Kemal Softic Vergrößern
Flüchtlingslager in Mazedonien: Seit mehr als 150 Jahren hilft das Rote Kreuz bei der Suche nach Kriegsvermissten. © dpa/AP/Kemal Softic

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Beim DRK-Suchdienst sind 2020 mehr als 1600 neue Anfragen eingegangen, bei denen der Suchende in Deutschland lebt oder die gesuchte Person hierzulande vermutet wird. In einem Drittel der Fälle konnte das DRK helfen.

Mehr als 1,5 Millionen Afghanen im Ausland

In Afghanistan ist die Suche nach Vermissten besonders schwierig. Ein landesweites Geburtenregister gibt es nicht, auch werden die Namen von Frauen nicht erfasst, oft ist man auf die Informationen von männlichen Verwandten angewiesen. Außerdem sind viele Afghaninnen und Afghanen längst in die Nachbarländer geflohen – gut 1,4 Millionen Menschen nach Pakistan, fast 800.000 in den Iran. In Deutschland leben mehr als 180.000 Menschen mit familiären Beziehungen nach Afghanistan.

Hasselfeld kritisiert, dass Anträge zur Familienzusammenführung nur in den deutschen Botschaften im pakistanischen Islamabad und dem indischen Neu-Delhi gestellt werden können. Sie fordert, dass die deutschen Vertretungen in anderen Nachbarländern wie dem Iran das ebenfalls anbieten. „Wir hoffen, dass das im Auswärtigen Amt auf offene Ohren stößt“, sagt sie.

Nicht nur von Menschen aus Afghanistan, sondern auch aus Syrien erhält der DRK-Suchdienst derzeit viele Anfragen. Gule A. etwa, eine Jesidin aus Syrien und Mutter zweier Kinder, vermisst mehrere Familienmitglieder. Ihr Mann sucht nach seiner Mutter und seinem Bruder, seit sie sich 2013 an der türkischen Grenze aus den Augen verloren haben. Gule A. hat von ihrer Cousine als letztes Lebenszeichen einen Brief aus Griechenland – und die Information, dass ihre Verwandten ebenfalls nach Deutschland wollten.

Nun hoffen Gule A. und ihr Mann auf die Hilfe des DRK, doch sie werden Geduld brauchen. „Oft kommt die erlösende Antwort nach Jahren oder Jahrzehnten der Suche“, sagt Dorota Dziwoki, die Leiterin des DRK-Suchdienstes. „Wir klären heute noch, 70 Jahre nach Kriegsende, Schicksale von Vermissten aus dem Zweiten Weltkrieg.“

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