Oberhausen

Strukturwandel im Ruhrgebiet Komm aus’m Pott!

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Da waren diese Schilder: rote Umrandung, Mahnung, Warnung. Das Kind darauf sah eigentlich ganz nett aus, es hätte bei Ute, Schnute, Kasimir dabei sein können, in den Zeichentrickfilmen im Vorabendprogramm. Doch es schrie und zappelte und stürzte, direkt hinein in den Schlund unter ihm, der aufgerissen war wie ein Haifischmaul. Als ob wir diese Warnung gebraucht hätten: Wennze da reinfälls, kommse nichmehr raus. Das wussten wir, zu steil war das Ufer, zu glitschig das Gras am Deich, zu sumpfig die flüssige Masse dort unten. Dass da Öl und Scheiße schwammen, verstärkte den wohligen Grusel. Trotzdem oder gerade deshalb fand sich immer ein Rocco oder Andi, der auf dem rostigen Rohr über den Abgrund balancierte – ich nicht, ich war immer von der vorsichtigen Sorte.

Vor allem bei Niedrigwasser stank es aus der Emscher, der offenen Abwasserrinne, die das Ruhrgebiet von Dortmund bis zum Rhein durchzieht. Die Kloake zu kanalisieren und einzudämmen, das war in einer Landschaft, in der sich unterirdische Kanäle wegen Bergschäden als problematisch erwiesen, schon ein Fortschritt. Vorher trat das mäandernde Flüsschen über die Ufer und gab den Haushalts- und Industrieauswurf ans umliegende Land zurück. „Jede Zeche entnahm Wasser und pumpte eine verbrauchte und verunreinigte Flüssigkeit in den Flusslauf zurück ohne Rücksicht auf die nächsten Zechen und Gemeinden, die weiter unten lagen.“ So hat das der Schriftsteller Heinrich Hauser in seiner unlängst wiederaufgelegten Reportage „Schwarzes Revier“ beschrieben. „Bergbau war Raubbau zu jener Zeit.“

Jetzt wird die Emscher renaturiert. Es müffelt zwar immer noch, doch auf den Deich, einst no-go, locken schon Wander- und Radwege. Zur Kulturlandschaft, die den Industriestandort abgelöst hat, gehört auch die menschengemacht wiedergewonnene Natur. Wenn wir auf dem Schulweg, auf dem Fahrrad, auf der Emscherbrücke nach links guckten, flussaufwärts, dann stand da am Horizont ein stählernes Trumm. Eigentlich guckten wir gar nicht, wir nahmen das Teil kaum wahr, trotz seiner pharaonischen Dimensionen. Sie war halt da, die olle Tonne, fügte sich ein in die Silhouette der Stahlwerke, Kokereien und Zechen, für uns nichts Spektakuläres. Heute ist der Gasometer für Oberhausen Fernsehturm, Reichstag und Brandenburger Tor in einem: Landmarke, Kulturdenkmal, Wahrzeichen. Christo war natürlich auch da, nicht zum Verhüllen, sondern um innen auszustatten.

Ohnehin liegt die Aura hier drinnen. Im gläsernen Aufzug am Tonnenrand emporzugleiten, macht die eigene Winzigkeit im finsteren Metallbauch erfahrbar. Oben und draußen ist dann vergleichsweise Antiklimax: Auf dem Gasometer steh’n, wo die Winde sausen, und alles, watte sieh’s, is Oberhausen. So ist das halt, wie im Lied der Missfits. Schön is anders, aber irgendwie is ja doch schön. Halt nicht zu schön.

Das Ruhrgebiet wurde in den vergangenen Jahrzehnten zu Kultur erklärt. Jeder Förderturm erscheint mir inzwischen historisch-künstlerisch aufgeladen. Es war ein Prozess, den ich verpasst habe, weil ich seit 1988 in Berlin lebe, aber mit dessen Ergebnissen ich bei jedem Heimatbesuch konfrontiert bin. Am Bahnhof werde ich mit einem aufgemalten Zitat von Erik Reger empfangen: „Gierig klammerten sich seine Augen an die Ruhe der schwimmenden Glut, die von den Gießlokomotiven behutsam dahergefahren wurde.“ Das ist ein eher industrieidyllischer Satz aus Regers Roman „Union der festen Hand“, in dem er den Aufstieg der Nazis in den Zwanzigerjahren beschrieb und Arbeiter wie Industrielle gleichermaßen für ihre Willfährigkeit kritisierte. Reger, der sich immer lustig machte über die Revierfeuilletonisten vom Schlage Heinrich Hausers, ist nun selbst Revierkulturgut. Schön, dass er noch ein zweites Leben hatte: in Berlin, als Gründer des Tagesspiegels. Markus Hesselmann

Vom Dach des Gasometers in 117 Metern Höhe sieht man bei gutem Wetter bis zur Schalker Arena in Gelsenkirchen

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