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Essen-Frillendorf

Strukturwandel im Ruhrgebiet Komm aus’m Pott!

Essen-Frillendorf

Für die meisten Menschen ist Frillendorf nur eine Autobahnausfahrt. Bekannt aus den Verkehrsnachrichten, dort herrscht nämlich Dauerstau. Es gibt zu viele Autos im Ruhrgebiet, die Autofahrer würden sagen, es gibt zu wenige Straßen. Die A40, die damals noch B1 war und Ruhrschnellweg hieß, aber Ruhrschleichweg genannt wurde, ist ein Nadelöhr.

Für uns war es Bullerbü. Frillendorf kommt von Vrylincthorpe, das Dorf der Freien, und so hat es sich auch angefühlt. Eine Kastanienallee führte zu unserem Haus, zumindest hieß sie so, auch wenn die Allee, wie ich bei einem Besuch Jahre später merkte, nur ein Straßenstummel war. Aber einer mit Kastanien. Auf der einen Seite der Allee lag ein wildes Holunderwäldchen, in dem wir an Bäumen schaukelten, dahinter war Bauer Schmidt, der uns zu Paten seiner Kälbchen machte.

Frillendorf, nur drei Straßenbahnhaltestellen vom Zentrum Essens entfernt, war ein Dorf, mit allem was dazugehört, Schluckerbude, Volksschule, Dorftrottel und Kirche. Zur Bude trugen wir unser Sonntagsgeld, 50 Pfennig die Woche, und tauschten es gegen Lakritze, Liebesperlen und Wundertüten ein, bei Tönshoff holten wir Würstchen, bei Reinecke am Sonntag Teilchen, eine ganze Tüte voll für fünf Mark.

Unsere Straße hieß Auf der Litten. Das Gelände, auf dem unsere Nachbarn und wir lebten, war auch mal Bauernhof gewesen, den Platz zwischen den Wohnhäusern nannten wir den Hof, auf dem wir Rollschuh fuhren und Schule spielten, als wir noch nicht wussten, wie die in Wirklichkeit war. Ein gutes Dutzend Kinder müssen wir gewesen sein, große und kleine, die Eltern hatten irgendwie alle was mit der Zeche zu tun, mit Hubert, Ernestine, Katharina, Königin Elisabeth, waren Kumpel oder Elektriker, vielleicht auch Verwaltungsangestellte. Der Bergbau war nicht nur Arbeitgeber, sondern sozialer Kitt. Der Hof mit seinen Teppichstangen war unser Dorf im Dorf, mit allem, was dazugehört, enger Zusammenhalt und soziale Kontrolle – Frau Böhler bettete ihren großen Busen aufs Fensterbrett und schaute zu. Es wurde getratscht, geholfen, missgönnt und gefeiert. Der Witz und die Wärme der Menschen hat uns geprägt, die Gelassenheit, der Sound, die Haltung: Man macht kein Gedöns, man macht einfach. Wie unser Nachbar, Herr Heiselmeier, zu unserer Mutter sagte: „Frau Kip’nberga, wattich sagn wollte: erst mal kucken. Ne.“

Das Karussell in unserem Garten stammte aus einem geschlossenen Zechenkindergarten, in den 60ern ging’s mit dem Bergbau schon bergab. Es sind nicht bloß die Fördertürme, die dann verschwunden sind, und das ganze Grün. Aus den Zechen, wurden Gewerbegebiete mit Verkehrsübungsplatz, Tönshoff wurde durch Aldi und Lidl ersetzt, die Bäckerei Reinecke hat dichtgemacht, die Schluckerbude gibt’s nicht mehr, aus den Feldern wuchsen Reihenhäuser statt Getreide, das Wäldchen wurde zugebaut, die Kastanien gefällt. Bald wird auch die katholische Kirche geschlossen. Frillendorf ist ein schrumpfendes Dorf, 1000 Menschen weniger, knapp 6000 sind es noch, mehr Alte als Kinder. Die Wohnhäuser auf dem Hof wurden abgerissen und durch noch hässlichere ersetzt, Solitäre, die keine Gemeinschaft mehr bilden. Bullerbü gibt’s nicht mehr. Susanne Kippenberger

Auf der Autobahn A40, die Frillendorf durchschneidet, fahren täglich 130 000 Fahrzeuge

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