Duisburg

Strukturwandel im Ruhrgebiet Komm aus’m Pott!

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Wenn ich früher abends in den Rheinhauser Rheinwiesen stand und von dort auf die andere Seite schaute, schien es, als liefen die Abertausenden Lichter der Stahlwerke auf mich zu. Der an dieser Stelle mächtige Rhein erweckte diesen Eindruck. Natürlich war mir auch damals klar, dass es sich dabei um eine optische Täuschung handelt und ich nicht im Zentrum des Universums stand. Aber der pubertierende Heranwachsende, der ich war, wollte denken, dass er das Zentrum ist.

Politik hieß Jupp Krings, der langjährige Oberbürgermeister von Duisburg. Große Bands waren El Shalom oder die Dusty Broom Blues Band. Meine Schulklasse bestand aus mehr als 40 Schülern und die 50 Kilometer ins niederländische Venlo bedeuteten eine echte Auslandsreise, weil man die D-Mark in Gulden umtauschte. Diese Welt war groß und die einzig richtige. Wir entwickelten eine pathetische Vorstellung vom Ruhrgebiet, die mit dem Mythos von Männlichkeit, harter Arbeit, Ehrlichkeit und klarer Kante verbunden war.

Aber als ich mich irgendwann entschloss, meine Heimatstadt zu verlassen, war dies mit jugendlichem Hochmut verbunden. Der Soundtrack dazu war „Thunder Road“ von Bruce Springsteen. Ein Song, der von Sehnsucht und einem Aufbruch in die unbekannte Welt handelt und der mit den Zeilen endet: „It’s a town full of losers, I’m pulling out of here to win.“

Duisburg, das war später die Stadt der Skandale und des Untergangs: Loveparade-Tragödie, Rockerrivalitäten, Arbeitslosigkeit und die Stahlwerke und Zechen gab es auch nicht mehr. Der Soundtrack dazu: „My City of Ruins“, natürlich auch vom Boss, der immer noch den Soundtrack zu allem zu schreiben schien.

Es hat einige Jahre gedauert, bis ich begriffen habe, wie viel Kraft, Leidenschaft und Innovation in der vermeintlichen Provinz steckt. Ich denke an den Bunker in Bruckhausen, wo Kinder mit Migrationshintergrund Radioprogramme selber machen und dabei nebenbei den Wert der Sprache lernen. Ich denke an das Platzhirsch-Festival, das aus der Duisburger freien Kulturszene entstanden ist. Ich denke an die Tränen in den Augen von Zwei-Meter-Kanten, wenn der MSV den Klassenerhalt schafft. Und ich denke an Musiker wie Tom Liwa, der seit mehr als 30 Jahren unbeirrt seinen musikalischen Weg geht und der vom Blumfeld-Mastermind Jochen Distelmeyer als herausragenden Einfluss auf seine Band und damit auf die Hamburger Schule genannt wird. Auch das ist Duisburg.

Muss nun eine Bewegung entstehen, die die Liebe für die Provinz beschwört und dafür Fördergelder beim Heimatministerium von Horst Seehofer beantragt? Sicher nicht! Gerade Duisburger können mit ihrer lakonischen Coolness zulassen, dass es da draußen eine andere Welt gibt, die vielleicht größer und schillernder ist. Das ertragen sie bei einem gut gezapften Köpi und einer richtigen Currywurst ganz locker. Markus Engels
Insgesamt löste das Duisburger Team um Götz George alias Kommissar Horst Schimanski 29 Fälle

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