Bottrop

Strukturwandel im Ruhrgebiet Komm aus’m Pott!

Bottrop

Ich bin in Bottrop aufgewachsen. Als Kind habe ich viel Zeit im Haus einer älteren Dame verbracht, Frau K. Das Haus gehörte der Ruhrkohle AG und lag in einer ruhigen Straße. Es war grau verputzt, hatte einen großen Hof mit Schuppen und einen Garten mit vielen Obstbäumen. Die einzige Heizung war ein Kohleofen in der Küche. In regelmäßigen Abständen lieferte die Zeche den Deputatkoks, auf den Frau K.s Mann als ehemaliger Zechenmitarbeiter Anspruch hatte. Damit wurde der Ofen befeuert. Ich sah gern zu, wie Frau K. mit dem Ofenhaken die Klappe anhob und in der Glut stocherte. Gekocht hat sie auf einem Elektroherd. Aber wenn viele Gäste im Haus waren, wurde auf dem alten Kohleofen die Suppe warm gehalten. Im Esszimmer neben der Küche gab es eine Nische zwischen der Wand und einem großen Schrank. Hinter der Wand lag der Abzug des Ofens. Die Nische war gerade groß genug für ein Kind. Sie war mein Lieblingsplatz. Die Ofenwärme war anders als die Wärme der Fußbodenheizung bei mir zu Hause, irgendwie echter. Sie schien dich zu umarmen.

So begann eine erste Variante dieses Textes. Ich hatte Frau K. angerufen, wir sprachen über früher und ich schrieb auf, was sie erzählte und woran ich mich zu erinnern glaubte. Geschichten auch von jenem anderen Haus, in dem sie gleich nach dem Krieg gewohnt hatte, wo noch Hühner und Gänse gehalten und geschlachtet wurden, weil es beim Metzger kein Fleisch zu kaufen gab. Von der Obsternte im Garten und ihren 100 Einmachgläsern. Während wir sprachen, schien es mir, als erinnere sie sich gern. Doch als sie den fertigen Text gelesen hatte, bat sie mich, ihn nicht zu veröffentlichen oder ihren richtigen Namen und die Straße nicht zu nennen. In unserem Gespräch waren auch emotionale Missverständnisse entstanden: Mein Text war nostalgisch.

Nostalgie verändert nicht unbedingt die Fakten, aber den Tonus einer Erzählung. Es ist, als überzöge man die Vergangenheit mit emotionalem Zuckerguss. Nostalgie kann entstehen, wenn Menschen, die etwas selbst erlebt haben, sich daran erinnern. Sie kann die eigene Geschichte schöner und erträglicher machen. Sie ist Distanzierung zum Zweck des Selbstschutzes. Sie kann auch fast ein Moment der Emanzipation sein, der emotionalen Überwindung von biografischen Härten. Unsere Großeltern und Eltern, die das industrielle Ruhrgebiet erlebt haben, werden manchmal gern nostalgisch. Das ist ihr gutes Recht. Wenn aber wir Nachgeborenen nostalgisch werden, hat das beinahe etwas Missbräuchliches: Wir usurpieren ihre Geschichte.

Im Zeitalter des Flüchtigen, der digitalen Arbeit, scheint die unmittelbare, konkrete, erschaffende Arbeit des Industriezeitalters plötzlich als beinahe positives Gegenbild. Armut und Härte werden auch erzählt – aber immer ein bisschen, um das wohlige Geborgenheitsgefühl der Danach-Geborenen zu steigern: Seht, wo wir herkommen, wie weit wir gekommen sind. In unserer Aneignung der Nostalgie liegt etwas Ungerechtes. Dafür, dass wir in der Lage sind, sie zu empfinden, haben wir nichts getan. Unsere Großeltern, teils auch unsere Eltern, wissen um die emotionalen und tatsächlichen Lücken in den Erzählungen der Nachgeborenen. Deren Ruhrgebietsnostalgie zwingt gerade das Ausgelassene zurück in die Erinnerung.

So mancher aus der älteren Generation fremdelt deshalb mit dem Ruhrgebietspatriotismus. Wenn jetzt bei der „Extraschicht“, einer Industriekulturveranstaltung, das Steigerlied geschmettert wird, denken unsere Eltern und Großeltern auch an den Steiger aus der Nachbarschaft und an den jungen Cousin, die bei einem Grubenunglück ums Leben kamen. Wenn Politiker bei Festveranstaltungen ihr Publikum mit „Glück auf!“ begrüßen, erinnert sie das auch an den Gestank der Kokerei, der durch die Straßen waberte, und an schwarze Rußflocken, die sich auf die frisch gewaschene Wäsche legten. Für mich sind der Kohleofen und der Obstgarten Symbole einer geborgenen Kindheit. Für Frau K. sind sie Relikte einer Vergangenheit, die von Armut und Entbehrung geprägt war – eine Vergangenheit, die ihr peinlich ist. Anna Sauerbrey

Von ehemals 900 angemeldeten Brieftaubenzüchtern im Reiseverein (RV) Bottrop sind noch 146 übrig

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