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Bochum-Wattenscheid

Strukturwandel im Ruhrgebiet Komm aus’m Pott!

Bochum-Wattenscheid

Früher war das Städtchen, das von Bochum, Gelsenkirchen, Essen und Herne umringt ist, selbstständig – und prosperierend. Der Bergbau, die „Zeche Holland“, hatte Wattenscheid groß gemacht. Kaum eine Familie, die nicht mit dem Kohleabbau unter Tage zu tun hatte. So auch meine. Mein Großvater war Bergmann. Sein Lohn reichte, um 13 Kinder, darunter meinen Vater, zu ernähren. Allerdings mehr schlecht als recht. Denn ein Teil des Geldes landete freitags in der Kneipe.

In meiner Kindheit war die Kohle in der Erde und in der Luft. Unsere Wäsche trockneten wir im Garten. Und zwar zügig. Weiße Bettlaken, Tischtücher und Hemden mussten von der Leine, bevor sich der graue Schleier aus der Luft auf sie legen konnte. „Zeche Holland“ bestimmte das Stadtbild. Ihre zwei Fördertürme ragten über die Stadt hinaus. Die Kohle brachte Geld und Arbeitsplätze. Und was der Bergbau nicht schaffte, das schaffte Klaus Steilmann. Europas größter Textilunternehmer gab Hunderten Näherinnen Arbeit – und auch den Halbprofis von Wattenscheid 09.

1970 lag die Arbeitslosenquote bei 0,8 Prozent. Es gab eine adrette Innenstadt mit dem inhabergeführten Herrenausstatter, es gab zwei Kinos und ein großes Horten-Kaufhaus am Ende der Fußgängerzone. All das ist verschwunden. 1974 war Schicht im Schacht. Nachdem Wattenscheid seine Zeche verloren hatte, verlor die Stadt ein Jahr später auch noch ihre Unabhängigkeit und wurde von Bochum eingemeindet. 1977 machte Horten zu, auch die Kinos sind schon lange Vergangenheit. Steilmann ist pleite, Wattenscheid 09, einst erstklassig im Fußball, spielt jetzt in der Regionalliga West, die Arbeitslosenquote in Wattenscheid-Mitte liegt nun bei 15,3 Prozent. Der Förderturm der denkmalgeschützten Zeche wird saniert, ein Kulturzentrum soll entstehen. Das ist schön, doch eines wäre noch schöner: Jobs für die Menschen – über Tage. Heike Jahberg

Schutzpatronin von Wattenscheid ist die heilige Jungfrau Gertrud von Nivelles, ebenfalls zuständig für Katzen, Reisende, Pilger, Arme, Witwen und Gärtner

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