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Annalena Baerbock, Co-Vorsitzende von Bündnis 90/Die Grüen und Kanzlerkandidatin, und Robert Habeck, Co-Vorsitzender der Grünen Foto: imago images/photothek/Florian Gärtner
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Stresstest für die Baerbock-Kampagne Zwei große Herausforderungen müssen die Grünen jetzt meistern

Die Kanzlerkandidatin verliert Vertrauen, auch in den eigenen Reihen. Auf dem Parteitag muss sie sich beweisen, und ihre Kampagne muss professioneller werden.

Diese Woche, ach was, die vergangenen Wochen haben sie sich in der Grünen-Bundeszentrale bestimmt auch anders vorgestellt. Mehr wie das Wetter jetzt: sonnenbeschienen. Auf dass die Sonnenblume, ihr Signet, noch heller zu strahlen beginne.

Weit gefehlt. Eher kommt einem gegenwärtig die Nähe der Bundesgeschäftsstelle zur Notaufnahme der Charité in den Sinn. Denn die Werte der Grünen sind – mindestens für sie – besorgniserregend. Und das vor ihrem Parteitag, der Bundesdelegiertenkonferenz, an diesem Wochenende!

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Jüngstes Beispiel: das Politbarometer. Da geht’s abwärts für Partei und Spitzenkandidatin, die ja auch noch ihre erste Kanzlerkandidatin ist. Annalena Baerbock – bisher konnte sie sich sonnen in rein positiven Zuschreibungen und hoher Zustimmung unter befragten Wähler:innen.

Seit wenig glücklichen Berichten über ihren Lebenslauf und Sonderzahlungen – einen Bonus für das gute Abschneiden bei der Europawahl und den steuerfreien Corona-Zuschuss – wird es kühler, unfreundlicher, härter.

In der Zentrale und in wichtigen Bundesländern, voran in dem vom einzigen grünen Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann weiter regierten Baden-Württemberg, macht das Wort vom „Härtetest“ die Runde, den Baerbock und mit ihr die Wahlkampfführung jetzt bestehen müssten.

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Wobei auch Unverständnis herrscht: darüber, dass offenkundig vor der erklärten Kandidatur Baerbocks nicht alles auf Angreifbares „gescreent“ wurde, darunter der Lebenslauf. Wie es halt bei Kanzlerkandidaten so üblich sei.

Was den Eindruck nahelegt, dass die Grünen in diese Situation hineingestolpert sind; als hätten sie selbst nicht glauben können, was und wie ihnen geschieht, dass sie nämlich mindestens kurzzeitig tatsächlich in Reichweite des Kanzleramts zu sein schienen. Das Politbarometer sagt im Moment wieder etwas anderes.

Kampf um den Profi-Status

Die weitere Professionalisierung der Kampagne des Kanzlerkandidaten der Union, Armin Laschet, kontrastiert mit dem, was bei den Grünen gerade zu sehen ist: Sie kämpfen um den Profi-Status. Dazu zählt, dass über Fehler im Management der Kandidatur in keinem Fall öffentlich gesprochen werden soll; darauf angesprochen, reagieren alle Parteivorderen schmallippig, ob Bundesgeschäftsführer Michael Kellner oder Co-Bundesvorsitzender Robert Habeck.

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Dem wird übrigens erkennbar einiges abverlangt: Baerbock zu verteidigen, offensichtliche Schwierigkeiten nicht ganz zu verneinen, damit die Grünen glaubwürdig bleiben, eigene Akzente setzen, aber nicht zu sehr – auch für Habeck wird das ein Härtetest.

Zumal einer auf Loyalität zur Baerbock-Truppe. Umgekehrt wird sich die Loyalität ebenfalls noch erweisen müssen. Am besten auf dem Parteitag, wo sich die beiden im Doppelpack zur Wahl stellen, als Spitzenduo und sie zugleich als Kanzlerkandidatin. Damit sich keiner zu sehr vom anderen abhebt?

Was ist noch übrig vom Gründungskanon?

Ihre Anstrengung ist den Beteiligten anzumerken. Die Lage ist ungewohnt: Sie müssen jetzt geschlossen aus der Defensive heraus argumentieren, nach innen wie nach außen.

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Grüne Mitglieder wie Sympathisanten fragen sich, was noch übrig ist vom Gründungskanon. Antikapitalistisch? Pazifistisch? Radikalökologisch? Die Liste der Fragen ans Selbstverständnis ließe sich verlängern. 3280 Änderungsanträge für den Parteitag sagen etwas darüber aus, dass die Basis auch erst noch wieder gewonnen werden will.

Das dezidiert Linke der Grünen ist noch nicht deshalb verschwunden, weil Realissimo Kretschmann in Stuttgart wiedergewählt worden ist. Die kritischen Geister wollen gewiss ein Entgegenkommen, und wäre es der Verzicht auf das Wort „Deutschland“. Für etliche Delegierte, nicht nur aus Berlin, läge darin mehr als Politsymbolik.

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