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Yad Vashem, hier die Halle der Namen, ist eine weltweit anerkannte und gerühmte Gedenkstätte für die Opfer des Holocaust. Foto: Ammar Awad/Reuters
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Streit über Direktorenposten Ein rechter Hardliner für Yad Vashem?

Der nationalreligiöse Politiker Efraim Eitan könnte Direktor der israelischen Holocaustgedenkstätte werden – Überlebende sind empört.

Es ist ein verstörender Satz. „Bringt ihn in einen Garten und schießt ihm in den Kopf.“ Klingt so der zukünftige Direktor Yad Vashems, der ehrwürdigen Holocaust-Gedenkstätte in Jerusalem? Möglich ist es.

Das Zitat wird Efraim Eitam zugeschrieben, einem rechten israelischen Politiker. Er soll sich 2002 so über Marwan Barghouti geäußert haben, einen palästinensischen Politiker und inhaftierten Anstifter von Anschlägen.

Diese und etliche ähnliche Äußerungen Eitams lassen sich seit Kurzem nicht mehr als Pöbeleien einer rechten Randfigur abtun. Denn Ende Oktober wurde bekannt, dass Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu plant, Eitam zum Nachfolger des derzeitigen Yad-Vashem-Direktor Avner Shalev zu machen.

Seitdem hagelt es Protest gegen die kontroverse Personalie. Denn Eitam ist ein ganz anderer Typ als der weithin geschätzte 82-jährige Shalev. Eitam, 68, zählt zu den sogenannten Nationalreligiösen, den eifrigsten Förderern des umstrittenen Siedlungsprojekt im Westjordanland.

Einen großen Teil seiner Karriere verbrachte er beim Militär. Ende der Achtziger befahl er seiner Einheit, einen palästinensischen Gefangenen zu verprügeln, woraufhin die Soldaten auf den Mann einschlugen, bis er starb.

Aufstieg bis zum Brigadegeneral

Der Militärgeneralanwalt sprach später eine scharfe Warnung gegen Eitam aus und empfahl, ihn nie wieder zu befördern. Eitam hat es dem damaligen Stabschef Ehud Barak zu verdanken, dass er schließlich doch zum Brigadegeneral aufstieg.

Nachdem er der Armee den Rücken gekehrt hatte, engagierte Eitam sich von 2002 bis 2009 in diversen nationalreligiösen Parteien und diente als Minister unter Ariel Sharon. Aus dieser Zeit stammen viele seiner berüchtigten Aussagen.

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So rief er während einer Parlamentsdebatte den arabischen Abgeordneten zu: „Ihr solltet nach Gaza deportiert werden, wo eure Leute uns bekämpfen, da gehört ihr hin!“ Im Gespräch mit der Zeitung „Haaretz“ verglich er israelisch-arabische Staatsbürger mit einem Krebsgeschwür.

Israels Premier Benjamin Netanjahu soll die Idee unterstützen, Eitam zum Direktor von Yad Vashem zu berufen. Foto: Adina Valman/Reuters Vergrößern
Israels Premier Benjamin Netanjahu soll die Idee unterstützen, Eitam zum Direktor von Yad Vashem zu berufen. © Adina Valman/Reuters

Yad Vashem, eine unpolitische Organisation, will die Personalie nicht kommentieren. Ansonsten jedoch mangelt es nicht an Meinungsäußerungen. Seine Ernennung, schrieb der polnische Historiker und Holocaustüberlebende Marian Turski an Israels Präsidenten Reuven Rivlin, würde „Yad Vashems Autorität rund die Welt untergraben“.

Die Vorsitzende des Dachverbandes der Organisationen für Schoa-Überlebende in Israel, Colette Avital, ließ verlauten: „Yad Vashem ist die Verkörperung einer Institution, die im Namen von Minderheiten spricht. Es ist wirklich sehr schwer, Äußerungen wie die seinen zu akzeptieren.“

Will Netanjahu mit der Personalie bei den Nationalreligiösen punkten?

In Deutschland sind die Reaktionen bisher zurückhaltender. Viele Holocaustüberlebende hätten die Debatte noch gar nicht wahrgenommen, sagt Lukas Welz, Vorstandsvorsitzender von Amcha in Deutschland, einer Organisation zur psychosozialen Unterstützung von Holocaustüberlebenden.

„Aber bei meinen vielen Besuchen in den Zentren oder in den Gesprächen mit Überlebenden der Shoah in den letzten Jahren habe ich selten Gefühle des Hasses erlebt, geschweige denn rassistische Äußerungen.“

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Ursprünglich hatte Zeev Elkin, Israels Minister für höhere Bildung, Eitams Kandidatur vorgeschlagen. Beobachter vermuten, dass Netanjahu die Idee unterstützt, um bei den Nationalreligiösen zu punkten.

Noch muss Eitams Kandidatur vom Parlament bestätigt werden. Für die Suche nach einer Alternative bliebe nicht viel Zeit: Bis zum Ende dieses Jahres will sich Shalev aus dem Amt zurückziehen.

Die nächsten Wochen dürften zeigen, welche Faktoren bei seiner Nachfolge eine größere Rolle spielen: innenpolitisches Kalkül oder der Ruf einer ehrwürdigen Institution.

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