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Flaggen zur Fußball-WM sind okay. Das mit dem Stolz auf die eigene Nation ist nicht unproblematisch in Deutschland. Foto: Imago
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Stoisch trotz Flüchtlings- und Corona-Krise Die Deutschen können ein bisschen stolz auf sich sein

Deutschland zeigt sich derzeit wieder als eine erstaunlich widerstandsfähige Nation. Wer das mit Lethargie verwechselt, hat nichts verstanden. Ein Kommentar.

Das mit dem Stolz auf die eigene Nation ist ja nicht unproblematisch, zumal in Deutschland. Flaggen zur Fußball-WM sind okay. Aber bitte keine Volkstümelei und Blut-und-Boden-Metaphorik, kein Chauvinismus und Überlegenheitsraunen.

Ein klitzekleines Stück Stolz lässt sich dennoch nicht verkneifen. Auf Berechenbarkeit und Stabilität. Auf Zivilität und Standfestigkeit. Um sie herum tobt die wilde Wutz, doch das politische Gefüge der Deutschen bleibt bestehen. Die SPD schwächelt, die Grünen sind im Aufwind, aber wahrscheinlich wird der nächste Kanzler wieder einer aus der Union sein. Die einzig offene Frage kreist um die Koalition. Wer hätte das gedacht?

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Da kracht das globale Finanzsystem zusammen, Banken müssen mit Steuergeldern gerettet werden. Der für stabil gehaltene Euro gerät heftig ins Trudeln, obwohl es geheißen hatte, er sei so hart wie die D-Mark. Der NSA-Skandal deckt gravierende Mängel in der Überwachungsabwehr auf. Hunderttausende Flüchtlinge strömen ins Land. Die Corona-Pandemie führt zu eklatanten Grundrechtseinschränkungen. Eine Jahrhundertüberschwemmung fordert Menschenleben.

Und die Deutschen? Halten am Euro fest, lassen sich impfen, spenden für die Hochwasser-Opfer und helfen vor Ort. Die AfD kommt bundesweit kaum über zehn Prozent und wird konsequent von jedem Regierungsbündnis ausgeschlossen.

Die „Querdenker“ sind nur laut

Die Aufregung über die „Querdenker“ steht in keinem Verhältnis zu deren politischen Potenzialen. Rekordhitzen und Waldbrände schärfen das Bewusstsein für die Klimakrise. Aber revolutionäre Impulse erzeugen sie nicht – einmal abgesehen von den Aktivisten von „Fridays for Future“.

Woanders hält die Politik den Stürmen kaum stand. In den USA kam Donald Trump an die Macht, in Osteuropa triumphierten Rechtsnationalisten, Großbritannien verließ die EU. In Frankreich erodierte das Parteiensystem, was Emmanuel Macron zum Präsidenten werden ließ. Nur in Deutschland bleibt alles, wie es war.

Als Wort des Jahres sollte die „Gesellschaft für deutsche Sprache“ in diesem Jahr den Begriff „Resilienz“ küren. Damit ist die Fähigkeit von Menschen gemeint, auf plötzliche Veränderungen und Brüche mit einer Anpassung ihres Verhaltens zu reagieren. Das Gegenteil der Resilienten sind die Vulnerablen, die Verwundbaren. Sie finden kein Mittel gegen den psychischen Dauerstress.

Die Deutschen, ein Volk von Resilienten? Natürlich gibt es Ausnahmen, die Wehen der Vulnerablen beherrschen die Schlagzeilen. Aber das Gesamtbild zeigt eine erstaunlich widerstandsfähige Nation. Wer das mit Lethargie verwechselt, hat nichts verstanden.

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