Zum Corona-Überblick: Alle Zahlen zu SARS-CoV-2 in Deutschland
Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer prahlte mit seiner Corona-Bilanz. Diese soll so allerdings nicht stimmen. Foto: Tom Weller/dpa
© Tom Weller/dpa

Statistik-Diskrepanz in Palmer-Aussagen Doch kein Corona-Wunder in Tübingen?

Anders als von Oberbürgermeister Palmer behauptet, gibt es Infektionen bei den Über-75-Jährigen. Die Landkreiszahlen sind teils sogar höher als in Berlin.

Es klang wie ein Wunder: Durch umfassende Schutzmaßnahmen für ältere Menschen – etwa kostenlose Masken, Sonderöffnungszeiten oder stark vergünstigte Taxifahrten – gebe es bei den über-75-Jährigen „zuletzt überhaupt keine Fälle“, erklärte Oberbürgermeister Boris Palmer diese Woche dem Tagesspiegel.

[Wenn Sie alle aktuellen Entwicklungen zur Coronavirus-Pandemie live auf Ihr Handy haben wollen, empfehlen wir Ihnen unsere App, die Sie hier für Apple- und Android-Geräte herunterladen können.]

Doch nach Recherchen dieser Zeitung stimmt dies womöglich so nicht: Wie der Landkreis Tübingen mitteilte, wurden in dieser Woche für die Stadt Tübingen bis Donnerstag sieben Fälle in der Altersgruppe gemeldet – und auch in den Vorwochen gab es jeweils einige Fälle.

Auf Nachfrage konnte die Stadt die Diskrepanz zunächst nicht auflösen. Offenbar lag die Aussage von Palmer darin begründet, dass dem städtischen Ordnungsamt andere Zahlen vorlagen als dem beim Kreis angesiedelten Gesundheitsamt – auf Nachfrage betonte Palmer, dass in der Risikogruppe in Tübingen dennoch weniger Fälle bekannt seien als im Bundesdurchschnitt.

Eine Sprecherin des Landkreises erklärte, dass dieser „die Fälle unter den angegebenen Tübinger Adressen ermittelt, erfasst und so auch an die Stadt weitergegeben“ habe.

Auf Kreisebene – wozu neben der Stadt Tübingen, in der Palmer Oberbürgermeister ist, auch zwei kleinere Städte und umliegende Gemeinden gehören – sieht es insgesamt nicht sehr positiv aus: Unter den über 80-Jährigen hat der Landkreis Tübingen laut einer Auswertung des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung derzeit 338 Fälle pro Woche und pro Hunderttausend Einwohner, Berlin liegt hier bei 318 Fällen und beispielsweise Freiburg bei 131.

Antigen-Schnelltest in Tübingen. In einem Pflegeheim gab es einen Corona-Ausbruch. Foto: Sebastian Gollnow/dpa Vergrößern
Antigen-Schnelltest in Tübingen. In einem Pflegeheim gab es einen Corona-Ausbruch. © Sebastian Gollnow/dpa

Palmer verwies in Interviews auch auf die gute Lage in Pflegeheimen, hier sorgt die Stadt durch regelmäßige Testungen mit Schnelltests vor. „Bei den Menschen in den Heimen hatten wir gar keine Fälle“, erklärte der Oberbürgermeister gegenüber dem Tagesspiegel.

Doch die Lage hat sich zwischenzeitlich geändert: Am Donnerstag gab die Stadt bekannt, dass es einen Ausbruch in einem Tübinger Pflegeheim gab – vermutlich habe eine unwissentlich infizierte Pflegekraft mehrere Personen angesteckt. Dies wurde über einen Schnelltest vor einigen Tagen bekannt – seitdem wurden mindestens zwei weitere Mitarbeiter sowie zwei Bewohner positiv getestet.

Die Tests hätten dazu beigetragen, die Ansteckungen noch vor Symptombeginn aufzuspüren, erklärte Palmer laut einer Pressemitteilung. „Wir hoffen, dass wir so einen größeren Ausbruch gerade noch verhindern konnten.“ Gegenüber dem Tagesspiegel erklärte er, dass in diesem Jahr zuvor bei drei Heimen Infektionen beim Personal erkannt wurden, ohne dass es zu Ausbrüchen unter den Bewohnern gekommen sei.

Im April hatte Palmer mit einer Äußerung bundesweit für Entsetzen gesorgt: In Deutschland würden Menschen gerettet, die aufgrund ihres Alters oder Vorerkrankungen „in einem Jahr sowieso tot wären“, sagte er. Hierfür entschuldigte er sich später. „Niemals würde ich älteren oder kranken Menschen das Recht zu leben absprechen“, sagte er. Es tue ihm leid, wenn er sich „da missverständlich oder forsch ausgedrückt“ habe.

Zur Startseite