Sicherheitskräfte im Innern der Antoniuskirche in Colombo. Foto: ISHARA S. KODIKARA/AFP
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Update Sri Lankas Regierung spricht von Terror Mehr als 200 Tote bei Anschlagserie auf Kirchen und Hotels

Eine Serie koordinierter Anschläge erschüttert Sri Lanka. Mindestens 207 Menschen sterben, Hunderte sind verletzt. Es gab Hinweise auf mögliche Angriffe.

Bei einer Serie von Bombenanschlägen auf Kirchen und Hotels am Ostersonntag in Sri Lanka sind mindestens 207 Menschen getötet worden. Darunter sind nach Angaben der Tourismusbehörde 32 Ausländer aus acht Staaten. Dazu gehörten den Angaben vom Sonntag zufolge Bürger Indiens, der USA, Großbritanniens, Portugals, Chinas, der Niederlande, Belgiens und der Türkei.

US-Außenminister Mike Pompeo bestätigte den Tod mehrerer US-Bürger, nannte dabei aber keine Zahl. Der Bürgerdienst des dänischen Außenministeriums teilte darüber hinaus mit, es seien auch drei Dänen getötet worden. Bei den Anschlägen wurden zudem mehr als 450 Menschen verletzt, wie aus Angaben der örtlichen Krankenhäuser hervorgeht. Die Taten lösten weltweit Entsetzen aus.

Die Regierung sprach von Terror durch Extremisten. Acht Menschen wurden nach Angaben der Behörden festgenommen. Bei den Verdächtigen handle es sich um Einwohner des Inselstaats, allerdings gingen die Behörden auch möglichen Verbindungen ins Ausland nach, sagte Regierungschef Ranil Wickremesinghe am Sonntag in einer Fernsehansprache. Die Polizei hatte zunächst von drei Festnahmen gesprochen.

Zugleich erklärte Wickremesinghe, es habe zuvor "Informationen" über mögliche Angriffe gegeben. Deshalb müsse auch geklärt werden, "warum keine ausreichenden Vorkehrungen getroffen wurden". Vorrangiges Ziel sei es jedoch zunächst, "die Terroristen zu fassen".

Explosionen während des Ostergottesdienstes

Innerhalb einer halben Stunde ereigneten sich am Sonntagvormittag (Ortszeit) Explosionen in drei Kirchen in drei verschiedenen Städten sowie in drei Luxushotels in der Hauptstadt Colombo. In den Kirchen fanden zu dem Zeitpunkt Ostergottesdienste statt, dort gab es auch die meisten Opfer. Zunächst bekannte sich niemand zu den Angriffen.

Später gab es eine siebte Explosion in einem kleinen Hotel in Dehiwala-Mount Lavinia, einem weiteren Vorort von Colombo. Dabei kamen nach Polizeiangaben zwei Menschen ums Leben. Eine achte Explosion ereignete sich am Sonntagnachmittag (Ortszeit) in einer Wohngegend in Dematagoda, einem Vorort von Colombo, wie die Polizei mitteilte. Es gab zunächst keine Angaben über Opfer oder weitere Einzelheiten.

Explosionen gab es in zwei katholischen und einer weiteren christlichen Kirche: in der St.-Antonius-Kirche in Colombo, der St.-Sebastians-Kirche im rund 30 Kilometer von der Hauptstadt entfernten Negombo sowie der Zionskirche in Batticaloa, rund 250 Kilometer östlich von Colombo. Sie ereigneten sich am Morgen zwischen 8.30 Uhr und 9 Uhr Ortszeit, berichtete die Tageszeitung „Colombo Telegraph“. Etwa zur gleichen Zeit seien Bomben in den drei Fünf-Sterne-Hotels Shangri-La, Cinnamon Grand und Kingsbury in Colombo in die Luft gegangen. Die dem heiligen Antonius von Padua geweihte Kirche gilt als Nationalheiligtum der Katholiken.

Staatspräsident Maithripala Sirisena sprach zunächst von „Angriffen“. Die Streitkräfte und die Polizei würden der „Verschwörung“ auf den Grund gehen. Am Nachmittag gab der stellvertretende Verteidigungsminister Ruwan Wijewardene an, die Verantwortlichen der Anschläge seien identifiziert worden. Er sprach bei einer Pressekonferenz von einem „terroristischen Vorfall“ und von „extremistischen Gruppen“. Zudem kündigte er eine zwölfstündige, landesweite Ausgangssperre ab 18 Uhr (1430 MESZ) an.

Deutsche Sicherheitskreise zeigen sich überrascht von der Wucht des Terrorangriffs. „Das spricht für eine aufwändige Vorbereitung“, sagte ein hochrangiger Experte dem Tagesspiegel. Aus zwei Gründen seien islamistische Täter zu vermuten: angesichts der Anschlagsziele – Christen und mutmaßlich westliche und andere ungläubige Touristen in Luxushotels – sowie des „Modus Operandi“, mehrere Anschläge in kurzer zeitlicher Abfolge zu verüben.

Im November 2008 hatten in der indischen Metropole Mumbai islamistische Attentäter an zehn Stellen zugeschlagen. Angegriffen wurden unter anderem zwei Luxushotels, mehr als 170 Menschen starben. Die Täter standen in Verbindung zum pakistanischen Geheimdienst ISI.

Polizei erhielt Warnung vor islamistischem Angriff

In Sri Lanka soll die Polizei vor knapp zwei Wochen Hinweise eines ausländischen Nachrichtendienstes auf einen bevorstehenden islamistischen Angriff auf Kirchen in Colombo erhalten haben. Genannt wurde die islamistische Gruppierung National Thowheeth Jamaath (NTJ). Sie hatte im vergangenen Jahr auf Sri Lanka buddhistische Heiligtümer attackiert. Die NTJ gilt als regionale islamistische Organisation. Möglicherweise gebe es Verbindungen zu Al Qaida, hieß es in deutschen Sicherheitskreisen. Al Qaida mache sich in Südasien stark.

Der Anführer der Terrororganisation, Aiman as Sawahiri, hatte im September 2014 per Video die Gründung eines indischen Ablegers verkündet. Die Filiale nennt sich „Al Qaida in the Indian Subcontinent (AQIS)“ und hat Anschläge in Pakistan und Bangladesch verübt. Die Terrormiliz „Islamischer Staat“ hat in Indien und Sri Lanka kaum Bedeutung. Der IS hatte allerdings 2014 im Irak bei der Eroberung der Großstadt Mossul 40 Inder gefangengenommen. Die Geiseln wurde fast alle ermordet.

Dass die Täter aus den Reihen der Separatistenorganisation „Liberation Tigers of Tamil Eelam“ stammen, sei nicht auszuschließen, aber eher unwahrscheinlich, sagten Sicherheitskreise. Die Tamil Tigers hatten im Norden Sri Lankas für einen eigenen Staat gekämpft. Die Armee des Inselstaates beendete den Bürgerkrieg 2009 nach mehr als 25 Jahren Dauer mit einer Militäroffensive gegen das Territorium der Separatistenmiliz.

Die Armee besiegte die Aufständischen schließlich mit aller Härte. Die UN wirft beiden Seiten Kriegsverbrechen vor, die bis heute nicht aufgearbeitet sind. Die Tamil Tigers sind allerdings nicht verschwunden. Nach Erkenntnissen deutscher Sicherheitsbehörden ist die Organisation auch in der Bundesrepublik aktiv und sammelt bei Tamilen Geld.

Im Bürgerkrieg hatten die Tamil Tigers auch Selbstmordattentäter eingesetzt. Die Organisation war damit eine der wenigen terroristischen Vereinigungen jenseits der militant islamistischen Szene, die gezielt Menschen als wandelnde Bomben einsetzte. Eine dezidiert christenfeindliche Agenda haben die Tamil Tigers allerdings nicht. Deshalb sei es zumindest fraglich, dass die Organisation mit der aktuellen Anschlagsserie zu tun habe, sagten Sicherheitskreise.

Minister: „Schreckliche Szenen“

Die Oberbefehlshaber der Streitkräfte hielten mit mehreren Ministern eine Krisensitzung ab, wie der Minister für Wirtschaftsreform, Harsha de Silva, auf Twitter schrieb. Er habe in einer Kirche in Colombo „schreckliche Szenen“ erlebt. Diese sei mit Körperteilen übersät gewesen. Er rief dazu auf, die Ruhe zu bewahren und zu Hause zu bleiben. Rettungsmaßnahmen liefen.

Das Auswärtige Amt aktualisierte kurz nach den Attacken seine Reisehinweise. „Reisende werden gebeten, die Anschlagsorte weiträumig zu meiden, die lokalen Medien zu verfolgen, engen Kontakt zu Reiseveranstaltern und Fluggesellschaften zu halten und Anweisungen von Sicherheitskräften Folge zu leisten“, schrieb das Ministerium. Die Lage sei unübersichtlich. „Mit weitreichenden Sicherheitsmaßnahmen wie Absperrungen, aber auch Einschränkungen im Flugverkehr und verstärkten Kontrollen vor dem Betreten des Flughafengebäudes und dem Abflug ist zu rechnen.“

Auswärtiges Amt richtet Krisenstab ein

Die deutsche Botschaft in Sri Lanka steht nach Angaben von Außenminister Heiko Maas mit den lokalen Behörden in Kontakt und bemühe sich mit Hochdruck um Aufklärung, ob auch Deutsche betroffen sind. Nach Informationen aus Sicherheitskreisen hat auch das Bundeskriminalamt noch keine Erkenntnisse dazu. Das Auswärtige Amt richtete einen Krisenstab ein. Besorgte Angehörige können sich unter der Telefonnummer 030-50000 melden. Die Bundesregierung reagierte tief betroffen. Der Sprecher von Kanzlerin Angela Merkel, Steffen Seibert, schrieb auf Twitter: „Wir trauern um sie und beten für die Verletzten und Familien. Terrorismus, religiöser Hass und Intoleranz dürfen nicht siegen.“

Der südasiatische Inselstaat ist ein beliebtes Touristenziel, auch für Europäer. Nur etwa sieben Prozent der 22 Millionen Einwohner des Inselstaates sind Christen. Zu ihnen gehören Mitglieder der tamilischen Minderheit und der singhalesischen Mehrheit. Die Mehrheit sind Buddhisten. (mit dpa, AFP, KNA)

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