Teilnehmer einer Kundgebung gegen die Corona-Maßnahmen stehen vor dem Reichstag, ein Teilnehmer hält eine Reichsflagge. Foto: Fabian Sommer/dpa
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Sozialpsychologin über Corona-Demonstranten „Narzissmus spielt auch eine Rolle“

Julia Becker erklärt, welche Persönlichkeitsmerkmale bei den Demonstranten zu finden sind und was die Gesellschaft daraus lernen kann.

Frau Becker, am Wochenende demonstrierten 38 000 Menschen in Berlin gegen die Corona-Maßnahmen, es kam zu teils gewaltsamen Ausschreitungen, eine Gruppe wollte sogar den Reichstag stürmen. Warum sind so viele Menschen so wütend?
Das ist gar nicht so überraschend, schließlich leben wir seit Monaten mit Restriktionen, von denen einige immer noch bestehen. Es wäre sogar erstaunlich gewesen, wenn es keinen Unmut gegeben hätte.

Das Interessante bei den Protestierenden ist, dass es eine sehr heterogene Gruppe ist: Da sind Querdenker*innen, Verschwörungsanhänger*innen, Impfgegner*innen, Esoteriker*innen und Rechtsextreme.

Was sie eint, ist die Wut auf die aktuelle Politik, sie haben kein Verständnis für „die da oben”. Dazu kommen dann Individualismus und Egoismus. Diese Menschen werden wütend, sobald man sie in ihrer Freiheit einschränkt.

Wir haben untersucht, was Menschen ausmacht, die an  Coronaprotesten teilnehmen würden. Die Ergebnisse zeigen: Sie würden unter anderem an den Protesten teilnehmen, weil sie ein Gefühl von Gruppeneffektivität bekommen. Sie glauben: Meine Gruppe kann Berge versetzen – oder sogar die Regierung stürzen.

Julia Becker ist seit 2013 Professorin für Sozialpsychologie an der Universität Osnabrück. Foto: Vergrößern
Julia Becker ist seit 2013 Professorin für Sozialpsychologie an der Universität Osnabrück.

Wie passen denn diese Menschen zusammen, wenn die Esoterikerin mit dem Wort „Liebe” auf der Stirn  neben dem gewaltbereiten Neonazi herläuft? Wird die Bewegung bald wieder zerfallen?
Momentan ist der Sog der Gruppe sehr stark, aber sie hat durchaus ihre Widersprüche. Man sah am Wochenende etwa viele Rechtsextreme, im Nachhinein distanzierte sich der Querdenken-Gründer Michael Ballweg von den Ausschreitungen in Berlin.

Eigentlich hat die Querdenken-Bewegung den Anspruch unpolitisch zu sein. Als Ballweg vor ein paar Wochen auf einer Demo fragte, wer denn weder links, noch rechts noch in der Mitte sei, jubelten alle.

Andererseits wollen sie die Regierung abschaffen, sind also durchaus politisch. Interessanterweise haben sie keine konstruktive Alternative für die aktuelle Regierung. Auf Dauer wird sich die Bewegung deutlich von rechts abgrenzen müssen und als kleinere Bewegung weitermachen müssen. Oder die rechten Kräfte radikalisieren die Bewegung – was sehr gefährlich wäre.

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Die Einschränkungen müssen alle Bürger hinnehmen. Was treibt genau diese Menschen auf die Straße?
Während der Pandemie hatten wir mit dem Präventionsparadox zu kämpfen, der Erfolg der Maßnahmen hat ihre Notwendigkeit infrage gestellt. Deswegen ist es so schwer, zu vermitteln, dass die Einschränkungen notwendig waren und sind.

Die Protestteilnehmer sind aber auch aus persönlichen Gründen immun gegen Argumente: Wir finden dort Menschen, die ich jetzt mal als „libertäre Egoisten” bezeichne, die ihre eigene Freiheit über die Bedürfnisse anderer Menschen stellen.

Unsere Daten zeigen, dass es einen Zusammenhang zwischen der Bereitschaft, an den Protesten gegen die Restriktionen teilzunehmen und Sozialdarwinismus gibt, also dem Gedanken, dass nur die Stärkeren ein Recht auf das Überleben haben.

Sie stimmen stärker der Einstellung zu, dass etwa ältere Menschen und solche mit Vorerkrankungen durchaus an der Covid-19 sterben dürften.

Sind es also eher individuelle Gründe, die Menschen anfällig machen für diese Bewegung? 
Wir stellen auf jeden Fall fest, dass bestimmte Persönlichkeitsmerkmale gibt, die bei den Protestierenden gehäuft auftreten. Dazu gehören auch Macchiavellismus, also ein hohes Misstrauen anderen Menschen und Institutionen und der Glaube, dass man angelogen wird und nichts von sich selbst preisgeben darf. Macchiavellisten glauben auch, dass der Zweck die Mittel heiligt. Das könnte den starken Widerstand und die Gewaltbereitschaft erklären.

Narzissmus spielt ebenfalls eine Rolle, also das Gefühl, man sei etwas Besonderes und die allgemeinen Regeln gelten nicht für einen selbst. Narzissten sind besonders anfällig für Verschwörungserzählungen, denn diese bestätigen den Verdacht, dass sie selbst in der Lage sind die Wahrheit zu erkennen, während der Rest der Gesellschaft im Dunklen tappt.

Auch der schizotype Persönlichkeitsstil ist vertreten. Diese Menschen haben das Gefühl, dass andere manchmal ihre Gefühle spüren, auch wenn sie sich woanders aufhalten. Sie glauben an Gedankenübertragung und übernatürliche Kräfte.

Das macht sie ebenfalls anfällig für Verschwörungserzählungen. Ich würde aber nicht sagen, dass es primär individuelle Gründe sind. Menschen können Kontrollverlust wiedererlangen, wenn sie sich Gruppen anschließen und eine neue soziale Identität als Corona-Rebellin entwickeln. Außerdem spielen auch Ideologien eine wichtige Rolle.

Welche Rolle spielte denn der Lockdown und die soziale Isolation – sehnen sich die Menschen wieder nach kollektiven Erlebnissen?
Der Lockdown spielte auf jeden Fall eine große Rolle. Das war der Zeitpunkt der stärksten Freiheitseinschränkung. Manche Menschen waren monatelang alleine zu Hause, Familien mussten im Homeoffice noch auf Kinder aufpassen.

Die waren bei dem Protest auch vertreten. Es ist nur menschlich und verständlich, dass man sich nach Menschen sehnt und erschöpft ist. Diesen Effekt hat man auch bei den Black-Lives-Matter-Protesten gesehen, die viel besser besucht waren als Proteste zu Polizeigewalt gegen Schwarze zuvor. Allerdings hielt man dort Abstand und setzte die Masken auf.

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Tragen Soziale Medien zu solchen Radikalisierungsbewegungen bei?
In den Sozialen Medien landet man durch Algorithmen schnell in einem Hallraum, in dem einem nur noch die eigene Meinung gespiegelt wird. Man bekommt keine „normale” Information mehr, kann und muss die eigene Ansicht nicht mehr mit anderen Ansichten abgleichen.

Natürlich gab es Verschwörungserzählungen schon vor Corona, aber die Sozialen Medien verstärken unseren sogenannten „confirmation bias”, also den Reflex, immer nur Informationen zu suchen, die unsere Weltsicht bestätigen.

Außerdem zeigt die Forschung, dass Menschen Gruppendiskussionen mit Gleichgesinnten radikaler verlassen, weil ihre Meinung bestätigt und damit ihr Selbstwert bestätigt wurde. Kommentarspalten ermöglichen genau solche Gruppendiskussionen.

Müssen wir als Gesellschaft etwas an Schule und Erziehung ändern, damit Menschen später im Leben weniger anfällig sind für die Persönlichkeitsmerkmale, die anfällig machen für Verschwörungstheorien und Eskalation?
Diese Persönlichkeitsmerkmale sind immer auf einem Kontinuum, nicht jeder Mensch mit einer narzisstischen Tendenz hat gleich eine Persönlichkeitsstörung und wird radikal.

Aber wir können unseren Kindern zum Beispiel beibringen, dass man anderen Menschen und Institutionen vertrauen darf. Sicherlich ist auch kritisches Hinterfragen sehr wichtig, aber es ist gut, wenn Kinder lernen, dass man nicht permanent misstrauisch und auf der Hut sein müssen. Außerdem ist es wichtig, dass Kinder einerseits gesehen, gehört und unterstützt werden, andererseits aber nicht zum Mittelpunkt der Welt erklärt werden, denn das fördert Narzissmus.

Ich finde aber, wir müssen auch etwas auf gesellschaftlicher Ebene tun. Viele Demonstrierende haben das Gefühl, sie hätten die Kontrolle verloren und dürften nicht mehr mitbestimmen.

Wir leben in einer Gesellschaft, die leider nicht fair und gerecht ist. Es ist klar, dass die Menschen, die weiter unten in der Hierarchie stehen, sich ungerecht behandelt fühlen. Deswegen müssen wir auch an einer faireren und sozial gerechteren Gesellschaft arbeiten.

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