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Wladimir Putin glaubt offenbar nicht an die Entschlossenheit des Westens. Foto: Alexander Zemlianichenko/AP/dpa
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So will Putin den Westen in die Knie zwingen „Die Stimmung im Kreml ist, dass wir nicht verlieren können“

Einem US-Zeitungsbericht zufolge ist Russland optimistisch, dass der Westen die Ukraine bald fallen lässt. Dafür will Putin zwei Druckmittel einsetzen.

Seit mehr als 100 Tagen tobt der russische Angriffskrieg bereits in der Ukraine. Täglich werden Dörfer und Städte angegriffen, am Sonntagmorgen nach einigen Wochen erstmals auch wieder die Hauptstadt Kiew. Täglich sterben viele Menschen – auf beiden Seiten. Täglich müssen Menschen aus ihrer Heimat fliehen. Wirklich große militärische Erfolge kann Russlands Präsident Wladimir Putin bisher nicht verbuchen.

Das liegt nicht zuletzt an der Unterstützung, die die Ukraine aus dem Westen erfährt: Waffen, Geheimdienstinformationen sowie humanitäre Hilfe und nicht zu vergessen natürlich: viel Geld. Nur so konnte die Ukraine mit ihrem Präsidenten Wolodymyr Selenskyj bisher den zahlenmäßig deutlich überlegenen Feind in Schach halten, ihn sogar wieder aus einigen bereits eroberten Gebieten vertreiben.

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Wie lange dieser Krieg in Europa noch dauern wird, vermag niemand wirklich abzuschätzen.

„Das kann sich noch zwei bis sechs Monate hinziehen“, sagte der ukrainische Präsidentenberater Mychajlo Podoljak am Freitagabend im Interview mit dem oppositionellen russischen Online-Portal „Medusa“. Verhandlungen werde es erst geben, wenn sich die Lage auf dem Schlachtfeld ändere und Russland nicht mehr das Gefühl habe, die Bedingungen diktieren zu können, sagte Podoljak. Am Ende hänge es davon ab, wie sich die Stimmung in den Gesellschaften Europas, der Ukraine und Russlands verändere.

Putin bereitet sich auf einen langen Zermürbungskrieg um die Ukraine vor

Podoljak spielte mit seiner Aussage auf einen Punkt an, der tatsächlich kriegsentscheidend werden könnte - die Frage, wie lange der Westen bereit sein wird, die Ukraine im bisherigen Umfang zu unterstützen – nicht zuletzt auch mit den beschlossenen Sanktionen, die längst weltweit Auswirkungen haben. Und wenn man einem Bericht der renommierten „Washington Post“ Glauben schenkt, ist genau dies die neue Strategie des russischen Diktators.

Demnach bereitet sich Putin auf einen langen Zermürbungskrieg um die Ukraine vor und werde versuchen, wirtschaftliche Waffen wie eine Blockade der ukrainischen Getreideexporte einzusetzen, um die Unterstützung des Westens für Kiew zu schmälern, so die Meinung von Mitgliedern der russischen Wirtschaftselite, schreibt das Blatt. Putin glaube, „dass der Westen erschöpft sein wird“, zitiert das Blatt einen angeblich gut vernetzten russischen Milliardär, der, so die Zeitung, aus Angst vor Vergeltungsmaßnahmen anonym bleiben wollte.

Putin habe zwar nicht mit der anfänglich starken und einheitlichen Reaktion des Westens gerechnet, „aber jetzt versucht er, die Situation neu zu gestalten, und er glaubt, dass er auf lange Sicht gewinnen wird“, so der Milliardär. Westliche Staatsoberhäupter seien anfällig für Wahlzyklen, und Putin sei der Ansicht, „dass sich die öffentliche Meinung an einem Tag ändern kann“.

Putin „ist ein sehr geduldiger Mann. Er kann es sich leisten, sechs bis neun Monate zu warten“, erklärt der Milliardär. „Er kann die russische Gesellschaft viel besser kontrollieren, als der Westen seine Gesellschaft kontrollieren kann.“

Nahrungsmittelkrise und Flüchtlinge als Druckmittel

Das Blatt zitiert zudem einen russischen Beamten, der dem Bericht zufolge Moskauer Diplomatenkreisen nahestehen soll und ebenfalls aus Angst vor Repressalien anonym bleiben wollte.

Das von der Europäischen Union in dieser Woche angekündigte Embargo für russische Ölexporte auf dem Seeweg – von Charles Michel, dem Präsidenten des Europäischen Rates, als maximaler „Druck auf Russland zur Beendigung des Krieges“ begrüßt – würde „kurzfristig wenig Einfluss haben“, sagte der Beamte demnach. „Die Stimmung im Kreml ist, dass wir nicht verlieren können - egal wie hoch der Preis ist.“

Landwirte ernten mit ihren Mähdreschern Weizen auf einem Weizenfeld in der Nähe des Dorfes Tbilisskaya in Russland. Das Land ist größte Weizenexporteur. Foto: Vitaly Timkiv/AP/dpa Vergrößern
Landwirte ernten mit ihren Mähdreschern Weizen auf einem Weizenfeld in der Nähe des Dorfes Tbilisskaya in Russland. Das Land ist größte Weizenexporteur. © Vitaly Timkiv/AP/dpa

Und diese Haltung spiegelt sich auch in offiziellen Aussagen es Kreml wider. „Der Westen hat einen Fehler nach dem anderen gemacht, was zu wachsenden Krisen geführt hat, und zu sagen, dass dies alles auf die Vorgänge in der Ukraine und das, was Putin tut, zurückzuführen ist, ist falsch“, sagte Kreml-Sprecher Dmitri Peskow der „Washington Post“.

Der ehemalige Chefökonom der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung, Sergej Guriew, sagte der Zeitung, Putin habe kaum eine andere Wahl, als den Krieg fortzusetzen, in der Hoffnung, dass die Getreideblockade der Ukraine „zu Instabilität im Nahen Osten führen und eine neue Flüchtlingswelle auslösen wird“.

Das Blatt führt in diesem Zusammenhang auch Interviewaussagen des Chefs des russischen Sicherheitsrats, Nikolai Patruschew, an. Der als Hardliner geltende soll dem Blatt zufolge als einer der wenigen gelten, die noch Zugang zu Putin haben.

Macron will Putin eine „Startrampe“ bauen

In mehreren Interviews habe der der Zeitung zufolge eigentlich öffentlichkeitsscheue ehemalige KGB-Weggefährte Putins betont, dass Europa am Rande einer „tiefen wirtschaftlichen und politischen Krise“ stehe, wobei sich die steigende Inflation und der sinkende Lebensstandard bereits auf die Stimmung der Europäer auswirkten, und dass eine neue Migrantenkrise neue Sicherheitsbedrohungen schaffen würde.

„Die Welt gerät allmählich in eine noch nie dagewesene Nahrungsmittelkrise. Dutzende Millionen Menschen in Afrika oder im Nahen Osten werden am Rande des Verhungerns stehen - wegen des Westens. Um zu überleben, werden sie nach Europa fliehen. Ich bin mir nicht sicher, ob Europa die Krise überleben wird“, sagte Patruschew demnach in einem der Interviews der staatlichen russischen Zeitung Rossijskaja Gaseta.

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Dem Bericht der „Washington Post“ zufolge sehe der Kreml bereits erste Anzeichen dafür, dass die Haltung des Westens zu bröckeln beginne. So würde das wochenlange diplomatische Gefeilsche um die Bedingungen des EU-Ölembargos als ein Zeichen für die schwindende Entschlossenheit des Westens gewertet, so Wirtschaftsexperten und der russische Beamte.

Putin dürfte sich daher auch über die jüngste Aussage des französischen Präsidenten Emmanuel Macron gefreut haben. Dieser hatte am Samstag in einem Interview gesagt, Putin dürfe nicht gedemütigt werden, damit nach einem Ende der Kämpfe in der Ukraine eine diplomatische Lösung gefunden werden könne. „Wir dürfen Russland nicht demütigen, damit wir an dem Tag, an dem die Kämpfe aufhören, mit diplomatischen Mitteln eine Startrampe bauen können“, sagt der Präsident. „Ich bin davon überzeugt, dass es die Rolle Frankreichs ist, eine vermittelnde Macht zu sein.“

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