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Eklat in Tokio. Sprinterin Kristina Timanowskaja wollte nicht in die Diktatur zurück. Foto: Martin Meissner, dpa
© Martin Meissner, dpa

Skandal um Olympionikin Was der Fall Timanowskaja über das Regime in Belarus verrät

Belarussische Sportfunktionäre hatten versucht, die Sprinterin zwangsweise nach Hause zu schicken. Der Fall geht weiter über den Sport hinaus.

Die belarussische Leichtathletin Kristina Timanowskaja wird am Mittwoch nun doch in ein Flugzeug steigen und die Olympischen Spiele in Tokio verlassen. Es wird dann ihr freier Wille sein, keine Reise der Angst zurück in eine Diktatur. Denn sie wird – wenn alles nach Plan verläuft – nicht in Minsk enden, sondern in der polnischen Hauptstadt Warschau.

Belarussischen Sportfunktionäre hatten versucht, Timanowskaja unter Bedingungen, die einer Entführung glichen, zwangsweise nach Hause zurückzuschicken. Nun hat ihr am Montag Polen Asyl gewährt. Der Fall geht weit über den Sport hinaus, er wirft ein Schlaglicht auf das Klima der Furcht, in dem Diktator Alexander Lukaschenko in Belarus herrscht, seit es ihm gelungen ist, die Massenproteste gegen seine Fälschungen bei den Präsidentenwahlen vor einem Jahr mit großer Gewalt niederzuschlagen.

Ursprünglich hatte Timanowskaja am Montag in den Vorläufen über 200 Meter starten wollen. Doch die Nacht zuvor verbrachte sie in einem Hotel am Flughafen, „sicher und geschützt“, wie das Internationale Olympische Komitee (IOC) erklärte.

Die Sprinterin hatte es gewagt, die Sportfunktionäre ihres Landes zu kritisieren. Sie habe gar nichts Politisches getan, beteuerte sie. Die 24-Jährige hatte nur auf Instagram dagegen protestiert, dass sie ohne jedes Gespräch mit ihr auch für die 4x400-Meter-Staffel nominiert worden sei.

Mutige Sportler

Gewöhnlich gibt es nach einem solchen Vorfall maximal ein paar Verwerfungen innerhalb der eigenen Mannschaft. Doch in Belarus werde jeder Konflikt sofort politisch, schrieb der Politologe Valery Karabalewitsch auf seinem Telegram-Kanal. In dem Land herrsche eine Atmosphäre, „in der jede Kritik – und sei es nur an den Granden des Leichtathletik-Verbandes – sofort als Angriff auf die Staatsmacht aufgefasst“ werde. „Alle Bürger haben die Befehle von oben zu erfüllen. Widerspruch ist Verrat.“ Das erinnere ihn an Nordkorea, schrieb Karabalewitsch.

Timanowskaja hat ihre Angst vor Repressionen im Fall einer Rückkehr nach Minsk öffentlich gemacht. Sie hat ihr letztes Gespräch mit der belarussischen Delegationsleitung aufgezeichnet, 19 Minuten lang. Schon diese Geistesgegenwart straft die Erklärung der Funktionäre Lügen, Timanowskaja sei wegen ihrer psychischen Verfassung aus der Mannschaft genommen worden. Das Gespräch zeigt dann, dass die Sportlerin keine Sekunde den Versicherungen glaubt, es werde ihr nichts passieren, wenn sie nur den Mund halte und abreise.

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Timanowskajas Misstrauen wie auch die Angst vor Repressionen sind begründet. Als vor einem Jahr die Massenproteste gegen Lukaschenko begannen, erhoben auch zahlreiche Athleten, Trainer und Betreuer ihre Stimme gegen den Diktator. 350 von ihnen schrieben einen offenen Brief an Lukaschenko, indem sie Neuwahlen und die Freilassung aller politischen Gefangenen forderten.

Es war ein mutiger Schritt, denn die meisten von ihnen waren von den Zuwendungen des Regimes abhängig. Nicht nur, weil Lukaschenko als Chef des Nationalen Olympischen Komitees damals auch oberster Sportfunktionär war. Viele Sportler waren bei staatlichen Institutionen angestellt, vorrangig bei Polizei, Armee oder dem Geheimdienst KGB. Die Repressionen des Regimes ließen nicht auf sich warten. Die Basketballerin Jelena Leutschenko und der Zehnkämpfer Andrej Krautschanka landeten im Gefängnis. Die genaue Zahl der Sportler und Funktionäre, die ihren Job verloren, ist nicht bekannt.

Sanktionen gegen Lukaschenko

Die Sportwelt nahm das zunächst schweigend hin. Nach massiven Interventionen der Politik handelte der Eishockey-Verband doch und entzog Belarus die Weltmeisterschaft. Das IOC warf Alexander Lukaschenko raus und verhängte Sanktionen gegen dessen Sohn Viktor, den der Vater selbstherrlich im Februar als seinen Nachfolger zum Chef des Nationalen Olympischen Komitees machte.

Im aktuellen Fall erklärte das IOC, es könnten weitere Sanktionen folgen oder vielleicht sogar die gesamte belarussische Delegation von den Spielen ausgeschlossen werden. Zu groß ist offensichtlich das Aufsehen, das der Fall erregt hat.

In Warschau wird Timanowskaja ihren Mann und ihre Tochter wiedersehen. Beiden ist es gelungen, Belarus zu verlassen. Sie sind derzeit in der ukrainischen Hauptstadt Kiew. Die belarussische Oppositionsführerin Swetlana Tichanowskaja warnte jedoch. Sie schrieb auf ihrem Telegram-Kanal: „Kein Belarusse, der Belarus verlassen hat, ist sicher, denn er kann gekidnappt werden.“ Es ist ein Hinweis auf das Schicksal des Bloggers Roman Protassewitsch, der nach einer erzwungenen Flugzeuglandung in Minsk festgenommen worden war.

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