Zum Corona-Überblick: Alle Zahlen zu SARS-CoV-2 in Deutschland

Islamfeindlichkeit wird in Deutschland seit Jahren heruntergespielt

Sind Muslime die neuen Juden? Reden wir über Antisemitismus und Islamfeindlichkeit

Bundeskanzlerin Angela Merkel konnte es sich offenkundig nicht verkneifen, ein Statement zu einer Handvoll junger Männer zu geben, die sich in Wuppertal als sogenannte "Scharia Polizei" aufgespielt haben. Zu den jüngsten Übergriffen auf Moscheen indes sagt sie selbst nichts. Islamfeindlichkeit wird in Deutschland seit Jahren von einzelnen Politikern, Journalisten und Intellektuellen heruntergespielt.

Manche bezeichnen einfach alles beschönigend als Islamkritik oder sprechen lieber verallgemeinernd von Fremdenfeindlichkeit. Vor diesem Hintergrund ist es ein Stück weit nachvollziehbar, dass gewöhnliche Muslimen, die von den lauten Debatten um islamistischen Terror beinah erdrückt werden, versuchen, mit drastischen Mitteln auf ihre Sorgen aufmerksam zu machen. Sie wollen endlich Gehör finden und ernst genommen werden.

Gegen Vergleiche von Islamfeindlichkeit und Antisemitismus ist ausdrücklich nichts zu sagen. Wir haben geradezu die Pflicht, aus den Erkenntnissen des Antisemitismus Lehren zu ziehen - für den Umgang mit Juden aber auch mit anderen Gruppen. Wie die eingangs geschilderten Beispiele zeigen, wird bei der Islamfeindlichkeit offensichtlich mit Mechanismen gearbeitet, die man aus der Antisemitismusforschung kennt.

Vergleiche dürfen nicht zu einer Gleichsetzung führen

Bei solchen Vergleichen muss allerdings nur sicher gestellt sein, dass sie nicht zu einer Gleichsetzung führen. De facto sind Muslime meilenweit davon entfernt, die neuen Juden Europas zu sein. Das war schon falsch, als es der damalige Chef des Essener Zentrums für Türkeistudien Faruk Sen 2008 geschrieben hatte, und es ist es auch heute noch. Um das zu belegen, braucht man nicht gleich auf den Zivilisationsbruch Holocaust zu verweisen. Juden schauen auf eine fast 2000-jährige Geschichte der Verfolgung und Diskriminierung in Europa zurück. Muslime sind mit Ausnahme der Mittelmeerregion erst seit ein paar Jahrzehnten in nennenswerte Anzahl zugegen.

Muslime mussten hier noch nie Pogrome befürchten geschweige denn erleben. Der Antisemitismus vor dem Zweiten Weltkrieg wurde von oben, von staatlichen Stellen geschürt. Die Islamfeindlichkeit heute wird von staatlichen Stellen bekämpft - auch wenn hier und da noch mehr Engagement nötig ist. Es gibt zahlreiche muslimische Staaten auf der Welt. Vor allem während der Sarrazin-Debatte spielten einige Muslime mit dem Gedanken, sicherheitshalber lieber in diese Länder auszuwandern. Die Juden hatten bis zur Staatsgründung Israels über Jahrhunderte keinen einzigen sicheren Rückzugsort. Sie waren ihren Peinigern ausgeliefert oder gelangten nach ihrer Flucht über kurz oder lang vom Regen in die Traufe.

 Lamya Kaddor ist Publizistin, Islamwissenschaftlerin und Pädagogin. Sie hat mehrere Bücher zum Islam in Deutschland geschrieben und ist Vorsitzende des Liberal-islamischen Bundes.

 

Zur Startseite