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Eine andere Lesart: Muslime haben Angst

Lamya Kaddor schreibt in ihrem Gastbeitrag beim Tagesspiegel über das Verhältnis von Antisemitismus und Islamfeindlichkeit in Deutschland. Foto: dpa
Sind Muslime die neuen Juden? Reden wir über Antisemitismus und Islamfeindlichkeit

Wir vergessen auch immer wieder, dass jüdische Bürger im 19. und 20. Jahrhundert an vorderster Front in anarchistischen und bolschewistischen Bewegungen aktiv waren. Ähnlich wie heute vor dem Islamismus fürchteten sich Menschen damals auch vor solchen Bestrebungen. Und deshalb soll dies nun eine reale Grundlage für den Antisemitismus der Gründerzeit oder der Weimarer Republik bieten? Nein! Vorurteile brauchen keine reale Basis, sie sind immer irrational. Es hat nichts mit Jüdisch sein zu tun, dass jemand in die Finanzbranche wechselt. Und es hat nichts mit Muslimisch sein zu tun, dass jemand Terrorist wird.

Letzteres hat sehr wohl etwas mit Islam zu tun, aber hier muss man zwischen Menschen und Strukturen unterscheiden. Ausschlaggebend sind in der Regel soziale und politische Gründe, Religionen oder Ideologien sind nur Beiwerk. Sie dienen erst nachgeordnet als vermeintliche Legitimationsgrundlage und als Propagandainstrument.

Antisemitismus ist nicht gleich Islamfeindlichkeit

Hass auf Minderheiten, Ausgrenzung und Diskriminierung von Randgruppen, gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit, wie Soziologen heute sagen, gibt es in jeder Gesellschaft. Vermutlich wird sie auch als ein Attribut der Menschheit fortdauern. Es muss also ununterbrochen Menschen geben, die dagegen angehen, um erneute Barbareien zu verhindern. Die Abwertung des Anderen bündelt sich gegenwärtig laut Studien bei Muslimen - nicht allein bei ihnen, auch die Volksgruppe der Roma und Sinti gehört dazu, auch der Antisemitismus ist weiter virulent, aber Muslime sind die größte Gruppe und stehen in den vergangenen Jahren am stärksten in der öffentlichen Diskussion.

Das verleitet manche dazu, verstärkt auf die Judenverfolgung früherer Jahre hinzuweisen - ja, auch um davon zu profitieren. Keine Frage: Das Narrativ der Juden in Deutschland wird umgedeutet und von Muslimen benutzt. Das kann man sicherlich moralisch kritisieren, aber dahinter steckt inzwischen auch ein Hilfeschrei. Denn was sagt es aus, wenn Muslime zu solch drastischen Vergleichen greifen? Es besagt nicht allein, dass sie die fürchterliche Geschichte instrumentalisieren, um dadurch Profit zu schlagen. Es besagt auch: „Wir haben Angst!“ Dies ist ebenfalls eine Lesart der Aussage: Muslime seien die neuen Juden Europas.

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