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Afghanische Kinder in Herat Foto: AFP/Hector Retamal
© AFP/Hector Retamal

Seit Machtübernahme der Taliban Hilfsorganisation sieht Afghanistan als weltweit schlimmsten humanitären Krisenherd

Unter den Taliban hat sich die Lage der Bevölkerung in Afghanistan verschlimmert, sagt die Organisation IRC. Amnesty berichtet derweil über Kriegsverbrechen.

Nach der Eroberung Afghanistans durch die Taliban ist das Land nach Einschätzung des International Rescue Committee (IRC) zum schlimmsten humanitären Krisenherd geworden. In der am Mittwoch vom IRC veröffentlichten Liste der Konflikte mit besonders schweren Folgen für Zivilisten folgt das von einem Bürgerkrieg zerrissene Äthiopien auf Platz zwei. Der seit Jahren unter einem Bürgerkrieg leidende Jemen kommt auf Platz drei.

„Im Jahr 2022 sind 274 Millionen Menschen auf humanitäre Hilfe angewiesen, ein deutlicher Anstieg gegenüber den 235 Millionen 2021, was bereits der höchste Wert seit Jahrzehnten war“, teilte die Organisation dazu mit.

Auf den weiteren Plätzen der zehn schlimmsten humanitären Krisen folgen Nigeria, der Südsudan, der Kongo, Myanmar, Somalia, Syrien und der Sudan.

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Verantwortlich für die zusehends wachsende Not wird dabei das Versagen des internationalen Systems gemacht. Während viele Staaten ihren Pflichten gegenüber Schutzsuchenden nicht nachkämen, könne „die Diplomatie Konflikte nicht lösen, das Völkerrecht schützt die Zivilbevölkerung nicht mehr, humanitäre Maßnahmen können die immer größer werdenden Lücken nicht schließen“.

Die angespannten Lage bezeichnete der IRC-Geschäftsführer in Deutschland, Ralph Achenbach, als „Weckruf“ auch für die neue Bundesregierung: „Um die deutsche humanitäre Hilfe und Diplomatie zu stärken, müssen Kanzler (Olaf) Scholz und Außenministerin (Annalena) Baerbock die ersten 100 Tage im Amt für strategische Weichenstellungen nutzen.“ Der Maßstab müsse es sein, der Schutzverantwortung als zweitgrößter Geber humanitärer Hilfe und fünftgrößtes Aufnahmeland von Geflüchteten gerecht zu werden.

Amnesty wirft Taliban Kriegsverbrechen vor

Der Machtwechsel in Afghanistan hat laut Amnesty International (AI) viele Menschenleben gefordert. In der Endphase des Konflikts hätten die militant-islamistischen Taliban eine Reihe von Kriegsverbrechen verübt, darunter außergerichtliche Tötungen, hieß es in einem am Mittwoch veröffentlichten Bericht. Auch durch US-Luftangriffe sowie den Beschuss mit Mörsergranaten durch die afghanische Armee seien Dutzende Menschen getötet worden.

Die Taliban hatten Anfang Mai eine Militäroffensive in dem Land gestartet, nachdem die USA ihren Abzug aus dem Land verkündet hatten. Die Islamisten eroberten erst hunderte Bezirke und ab Anfang August binnen weniger Tage fast alle Provinzhauptstädte. Die Hauptstadt Kabul nahmen sie Mitte August kampflos ein.

Im Zuge ihrer fortschreitenden Offensive im Juli und August hätten Taliban bei Vergeltungsanschlägen Angehörige ethnischer und religiöser Minderheiten, ehemalige Regierungskräfte und Sympathisanten der Regierung gefoltert und getötet, hieß es weiter. Das gesamte Ausmaß der Tötungen im Land sei schwer zu beziffern, da die Taliban den Zugang für Medien und Menschenrechtsorganisationen einschränkten und in vielen ländlichen Gebieten Mobilfunk und Internetzugang unterbrachen.

Ein Taliban-Kämpfer in Jalalabad Foto: AFP/Wakil Kohsar Vergrößern
Ein Taliban-Kämpfer in Jalalabad © AFP/Wakil Kohsar

Der Bericht dokumentiert zudem vier Luftangriffe der vergangenen Jahre, von denen drei höchstwahrscheinlich von US-Streitkräften und einer von der afghanischen Luftwaffe ausgeführt wurden. Diese seien für den Tod von Dutzenden Zivilisten verantwortlich, da Bomben über dicht besiedelten Gebieten abgeworfen worden seien. Afghanische Bodenkräfte hätten zudem Mörsergranaten auf Wohngebiete abgefeuert, auch dabei seien Zivilisten ums Leben gekommen.

„Durch alle drei Konfliktparteien - Taliban, afghanische Streitkräfte und US-Militär - kamen Zivilistinnen und Zivilisten zu Tode“, sagte Julia Duchrow, Stellvertreterin des AI-Generalsekretärs in Deutschland. Die Recherchen belegten, dass die afghanische Bevölkerung den Machtwechsel „wieder einmal mit vielen Menschenleben bezahlt hat“. (dpa)

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