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Wolfgang Thierse hat mit einem Essay zur Identitätspolitik die Kritik der SPD-Spitze auf sich gezogen. Foto: Kai-Uwe Heinrich
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„Sehr geehrte Saskia Esken...“ Thierses Erklärung im Wortlaut

Die SPD-Spitze ist Wolfgang Thierse nach seiner Kritik an manchen Identitäts-Debatten hart angegangen. Wir dokumentieren seinen Brief an die Parteichefin.

Sehr geehrte Saskia Esken, einer Pressemitteilung bei „Queer.de“ (die vom SPD Medien- und Informationsdienst verbreitet wurde) entnehme ich, dass Du (und auch Kevin Kühnert) "verstört" über mich seist, dass Du Dich meiner (und vor allem Gesine Schwans) schämst und Dich von mir (von uns beiden) distanzierst.

Du beziehst Dich einerseits auf einen Jour-fixe von Grundwertekommission und Kulturforum vom 18. Februar (an dem ich gar nicht teilgenommen habe) und andererseits auf einen FAZ-Essay von mir (den ich in der Woche zuvor geschrieben habe und der der Zeitung seit dem 16. Februar vorlag). In diesem Essay unternehme ich den Versuch, angesichts verschärfter, aggressiver werdender Konfrontationen in der gesellschaftlichen Debatte, zu Mäßigung zu mahnen und verstärkte Anstrengungen auf das Gemeinsame und Verbindende einer mehr denn je pluralen, diversen Gesellschaft zu richten.

Der Essay endet mit den Sätzen: „Weil der gesellschaftliche Zusammenhalt in einer diversen, sozial und kulturell fragmentierten 'Gesellschaft der Singularitäten' (Andreas Reckwitz) nicht mehr selbstverständlich ist, muss er ausdrücklich das Ziel von demokratischer Politik und von kulturellen Anstrengungen sein, eben vor allem auch der Sozialdemokratie.

Es muss ihr kulturelles Angebot sein, dass Solidarität, um die geht es nämlich, kein einseitiges Verhältnis ist, kein Anspruchsverhältnis gegen die Anderen, sondern auf Wechselseitigkeit und das Ganze umfassend zielt.“ Ich meinte, dies sei gut sozialdemokratisch.
Nun aber lese ich, dass die Vorsitzende (und ein stellvertretender Vorsitzender) meiner Partei meinen, sich meiner öffentlich schämen und sich von mir distanzieren zu müssen.

„Ich bitte Dich, mir mitzuteilen, ob mein Bleiben wünschenswert ist“

Ich überlege, wie ernst ich dies nehmen soll. Da ich aber selbst 15 Jahre stellvertretender Parteivorsitzender war und immer meinte, man sollte mich ernst nehmen und die SPD-„Obersten“ erst recht, nehme ich Dich also ganz selbstverständlich ernst. Deshalb bitte ich Dich, mir ebenso öffentlich mitzuteilen, ob mein Bleiben in der gemeinsamen Partei weiterhin wünschenswert oder eher schädlich ist.

Mir jedenfalls kommen Zweifel, wenn sich zwei Mitglieder der Parteiführung von mir distanzieren - angesichts eines Textes, der auf sozialen Zusammenhalt, auf kulturelle Gemeinsamkeiten, auf politische Solidarität zielt und eben auf die Bedingungen gesellschaftlicher Verständigungsprozesse. (So haben ihn übrigens sehr viele in und außerhalb unserer Partei verstanden, die sich bei mir gemeldet haben.) Mit freundlichem Gruß, Wolfgang Thierse

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