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Ein einsamer Mann. Bis zu 75.000 Menschen flüchten wegen der schweren Gefechte um Berg-Karabach. Foto: David Ghahramanyan/dpa
© David Ghahramanyan/dpa

Schwere Gefechte im Kaukasus Die Hälfte der Bewohner Berg-Karabachs ist auf der Flucht

Armenien und Aserbaidschan kämpfen unter Einsatz von Bomben und Kampfdrohnen um Berg-Karabach. Bis zu 75.000 Menschen mussten ihre Häuser verlassen.

In der umkämpften Kaukasusregion Berg-Karabach sind nach Angaben der örtlichen Behörden zehntausende Menschen vor den Gefechten auf der Flucht. Nach ersten Schätzungen sei etwa die Hälfte der Bevölkerung betroffen, also bis zu 75.000 Menschen, sagte der Bürgerbeauftragte der selbsternannten Republik Berg-Karabach, Artak Belgarjan, am Mittwoch.

Russlands Staatschef Wladimir Putin bezeichnete die Ende September wieder aufgeflammten Kämpfe als „Tragödie“. Schauplatz des Konflikts ist vor allem die Hauptstadt Stepanakert. Fast stündlich heulten dort auch in der Nacht zum Mittwoch die Sirenen. Zwischen den verfeindeten Staaten herrscht der Kriegszustand.

Erneut schlugen am Mittwoch mehrere Bomben in der Stadt ein, auch Kampfdrohnen waren wahrscheinlich im Einsatz, wie ein AFP-Reporter berichtete. Die Flugabwehr der Stadt versuchte, die Drohnen abzuschießen. Erstmals war Stepanakert am vergangenen Freitag bombardiert worden.

Am Mittwoch seien die Gefechte entlang der gesamten Front fortgesetzt worden, teilte Aserbaidschans Verteidigungsministerium in der Hauptstadt Baku mit. Nach armenischer Darstellung versuchten Truppen des verfeindeten Nachbarlandes, im Südosten des Konfliktgebietes an der Grenze zum Iran weiter vorzurücken. Armenien habe mit Angriffen darauf reagiert, teilte das Verteidigungsministerium in der Hauptstadt Eriwan mit.

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Die Behörde teilte zudem mit, dass es dabei viele Tote auf aserbaidschanischer Seite gegeben habe. Baku bestritt das und behauptete wiederum, Soldaten der armenischen Armee würden sich wegen Problemen bei der Versorgung mit Nahrungsmitteln zurückziehen. Diese Informationen lassen sich nur schwer überprüfen, weil es keine unabhängigen Beobachter in der Konfliktregion gibt.

Seit Beginn des Konflikts wurden nach offiziellen Angaben fast 300 Menschen in Berg-Karabach getötet, darunter mehr als 46 Zivilisten. Vermutlich starben jedoch weit mehr Menschen. Armenien schätzt, dass bereits mehr als 3700 aserbaidschanische Soldaten umkamen. Die verfeindeten Nachbarstaaten Armenien und Aserbaidschan werfen sich gegenseitig vor, gezielt zivile Einrichtungen unter Beschuss zu nehmen.

Kriegsszene. Viele Regionen Berg-Karabachs sind unbewohnbar. Foto: Dmitri Lovetsky/dpa Vergrößern
Kriegsszene. Viele Regionen Berg-Karabachs sind unbewohnbar. © Dmitri Lovetsky/dpa

Angesichts der Opfer unter der Zivilbevölkerung zeigte sich der EU-Außenbeauftragte, Josep Borrell, alarmiert. „Wir haben äußerst beunruhigende Berichte über einen Anstieg der Angriffe auf besiedelte Gebiete gesehen“, sagte er. Borrell rief Armenien und Aserbaidschan zu Verhandlungen „ohne Vorbedingungen“ auf. Diese könnten unter Vermittlung der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) beginnen.

„Es kann keine militärische Lösung für diesen Konflikt geben“, sagte er weiter. Vor allem dürften die Kämpfe nicht zur Einmischung ausländischer Akteure führen. Die EU aber auch Staaten wie Frankreich, Deutschland und Russland forderten die Konfliktparteien mehrfach auf, die Kampfhandlungen unverzüglich einzustellen.

Der russische Staatschef Putin, sagte am Mittwoch, dass ein Waffenstillstand müsse „so schnell wie möglich“ erreicht werden müsse – auch wenn es keine Einigung über die Hoheitsrechte in Berg-Karabach gebe. Mit Blick auf eine mögliche Rückendeckung Eriwans merkte Putin an, dass Russland „seine Verpflichtungen“ einhalten werde.

Armenien erwartet, dass sich Russland einmischt

Bisher hätten die Kampfhandlungen nicht auf dem Territorium Armeniens stattgefunden. Am Dienstag hatte Armeniens Regierungschef Nikol Paschinjan in einem Interview mit AFP die Erwartung geäußert, Russland werde sich zugunsten seines Landes in den Konflikt einschalten, sollte die Lage weiter eskalieren.

Die ehemaligen Sowjetrepubliken Armenien und Aserbaidschan liefern sich bereits seit Jahrzehnten einen erbitterten Konflikt um die Region im Südkaukasus, die mehrheitlich von Armeniern bewohnt wird. Die selbsternannte Republik Berg-Karabach wird international nicht anerkannt und gilt völkerrechtlich als Teil Aserbaidschans.

Russland gilt historisch als Armeniens Schutzmacht und unterhält dort einen Militärstützpunkt. Zugleich pflegt Moskau auch gute Beziehungen Aserbaidschan und beliefert es mit Waffen. Das ölreiche Aserbaidschan hat militärisch in den vergangenen Jahren aufgerüstet. Das turksprachige Land kann auf die Türkei als Verbündeten zählen. Experten sehen es als erwiesen an, dass Ankara Aserbaidschan mit Waffen unterstützt. (AFP, dpa)

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