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Dieses von Group DF herausgegebene Handout-Foto zeigt die Chemiefabrik "Asot" in Sjewjerodonezk in der Ostukraine. Foto: dpa
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Update Schwer umkämpfte Stadt Sjewjerodonezk Haben die Ukrainer Putins Truppen in eine Falle gelockt?

Seit Wochen toben um die einst 100.000 Einwohner große Stadt Sjewjerodonezk im Donbass schwere Kämpfe. Der Ukraine gelingt eine überraschende Gegenoffensive.

Militärisch könnten die Ukrainer die russischen Truppen wieder einmal überrumpelt haben. In der schwer umkämpften Stadt Sjewjerodonezk scheinen sie Moskaus Armee in eine Falle gelockt zu haben. Dafür sprechen zahlreiche aktuelle Berichte in den sozialen Netzwerken.

Wie so häufig in diesem Krieg lassen sie sich nicht unabhängig überprüfen.

Sicher ist: Die ukrainische Armee führt in der Stadt im Donbass eine sehr überraschende und bisher erfolgreiche Gegenoffensive durch. Glaubt man den zahlreichen Berichten, die auf Quellen von vor Ort basieren sollen, haben die Ukrainer zuvor einen Rückzug vorgetäuscht. Daraufhin stießen die russischen Truppen bis ins Zentrum vor und besetzten damit rund zwei Drittel des Stadtgebietes. Allerdings ist das wohl ohne die entsprechende Absicherung und Ausrüstung geschehen, was die Truppen verwundbar machte.

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Dann schlugen die Ukrainer auf breiter Front in der Stadt zu. Inzwischen soll die Hälfte des Stadtgebietes wieder unter ukrainischer Kontrolle sein, wie der Gouverneur von Luhansk, Serhij Gaidai, auf Twitter schreibt. Im ukrainischen Fernsehen sagte er am Samstag: "Es war eine schwierige Situation. Die Russen haben 70 Prozent der Stadt kontrolliert, aber in den vergangenen zwei Tagen sind sie zurückgedrängt worden."

Im Laufe des Montags scheint es den russischen Truppen allerdings gelungen zu sein, den Vorstoß der Ukrainer auszubremsen. Die ukrainischen Soldaten unternähmen alles, um ihre Stellungen zu halten, sagt Olexander Strjuk, der Bürgermeister der Stadt im Fernsehen. Russland schicke mehr Soldaten und wolle die gesamte Stadt einnehmen. "Unsere Streitkräfte haben ihre Positionen verstärkt und halten die Stellung."

Sjewjerodonezk ist die letzte größere Stadt der Region Luhansk, die Russland noch nicht erobert hat. Erklärtes Ziel der russischen Streitkräfte ist es, die gesamte Donbass-Region, zu der noch die Region Donezk gehört, einzunehmen. Teile des Donbass wurden seit 2014 bereits teilweise von prorussischen Separatisten kontrolliert.

Die Nachbarstädte Sjewjerodonezk und Lyssytschansk liegen rund 80 Kilometer östlich von Kramatorsk, der Hauptstadt des ukrainisch kontrollierten Teils der Region Donezk. Sjewjerodonezk hatte vor Beginn der russischen Offensive rund 100.000 Einwohner. Einige zehntausend sollen verblieben sein. Die Versorgungslage in der Stadt ist katastrophal. Es gibt kaum Strom, wenig Essen und Wasser. Große Teile der Stadt liegen in Trümmern. Beobachter befürchten ein zweites Mariupol.

Wie am Samstag auf Videos in den sozialen Netzwerken zu sehen war, sollen inzwischen frische ukrainische Truppen in der Stadt sein. Darunter eine Brigade von ausländischen Kämpfern und paramilitärische Einheiten. Das überrascht, denn die Nachschubwege in die Stadt hatten sich in der vergangenen Woche auf eine Schnellstraße in Richtung Westen reduziert. Und auch die stand unter konstantem russischen Artilleriebeschuss.

Der Kampf um Sjewjerodonezk gilt als besonders blutig und verlustreich

Dass die Ukrainer auch in nahezu ausweglosen Situationen Nachschub- und Versorgungsweg aufrecht erhalten können, haben sie allerdings schon in Mariupol bewiesen. Dort wurden die Kampfer im Stahlwerk Asovstal mit Hubschraubern versorgt. Auch frische Truppen wurden gebracht. Erst als diese Nachschublinie von prorussischen Kämpfern entdeckt wurden, mussten die Ukrainer die Flüge einstellen.

Der Kampf um Sjewjerodonezk gilt als besonders blutig und verlustreich für beide Seiten. Kämpfe in den Städten bevorteilen eher die Ukraine, weil Russland seine Artillerieüberlegenheit weniger ausspielen kann. Zudem ist das russische Feuer häufig so ungenau, dass es auch die eigenen Truppen gefährden würde.

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Der britische Geheimdienst geht in seinem täglichen Briefing zur Lage in der Ukraine am Samstag davon aus, dass in Sjewjerodonezk vor allem schlecht ausgerüstete prorussische Milizen im Einsatz sind. Die würden vorgeschickt, um bei den verlustreichen Kämpfen die eigentlichen russischen Truppen zu schonen.

Dass die Ukraine die Stadt halten kann, hatte zuletzt kaum noch ein Experte für möglich gehalten. Der britische Geheimdienst ging zuletzt davon aus, dass Russland das gesamte Gebiet Luhansk in den kommenden zwei Wochen erobert. Mit der Gegenoffensive der Ukrainer könnte das allerdings etwas länger dauern.

Selenskyj besucht Truppen nahe Sjewjerodonezk

Das Kalkül der Ukraine dahinter: Den russischen Vormarsch möglichst so lange aufzuhalten, bis ausreichend Waffen aus dem Westen – Artilleriesystem und Mehrfachraketenwerfer – an der Front angekommen sind. Sie sind die russischen Geräten in Präzision und Reichweite überlegen und könnten eine großangelegte ukrainische Gegenoffensive unterstützen.
Um die Moral der unter Feuer stehenden Truppen zu heben, besuchte der ukrainische Präsident Wolodimir Selenskyj am Sonntag die Städte Lyssytschansk und Soledar nur wenige Kilometer südlich der umkämpften Stadt Sjewjerodonezk besucht.

Zwei aufgezeichnete Videos, die am Sonntag ausgestrahlt wurden, zeigen Selenskyj bei Gesprächen mit Soldaten in bunkerähnlichen Gebäuden und bei der Verleihung von Auszeichnungen. "Ihr alle habt den Sieg verdient - das ist das Wichtigste. Aber nicht um jeden Preis", sagt Selenskyj in einem der Videos.

Zuvor hatte Selenskyj erklärt: Sollte Russland im Donbass einen Durchstoß erzielen, werde es schwer für die Ukraine. Vom Donbass aus könne Russland strategische industrielle Ziele in der Zentral-Ukraine angreifen. (mit Agenturen)

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