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Gustavo Garcia-Siller (r), Erzbischof von San Antonio, tröstet Familien vor dem Civic Center. Foto: dpa/Dario Lopez-Mills
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Schulmassaker in Texas Auch diese Tragödie wird wohl folgenlos bleiben – eine untragbare Lage

Verzweiflung, Trauer und Wut wachsen. Die Situation wiederholt sich mit grausamer Regelmäßigkeit. Die politische Blockade aber löst sich nicht. Ein Kommentar.

Wann, in Gottes Namen, hört das auf? Das fragt mit verzweifelter Stimme Präsident Joe Biden in einer Ansprache an die Nation.

Wann, in Gottes Namen, hört das auf? Das fragen mit tränenerstickten Stimmen die Eltern, Großeltern, Geschwister und Freunde der Opfer des Schulmassakers in der texanischen Kleinstadt Uvalde.

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Mit Erschütterung und Empörung stellen Millionen Amerikaner, aber auch Millionen Deutsche dieselbe Frage: Wann, in Gottes Namen, hört das auf? Oder anders gewendet: Warum gelingt es den Politikerinnen und Politikern der USA nicht, diesen grauenvollen Schießereien ein Ende zu setzen?

Warum werden die Waffengesetze nicht verschärft? Warum gibt es keine landesweiten Erziehungsprogramme gegen den Waffenkult, vergleichbar den Kampagnen gegen Rassismus? Warum entfalten landesweite Proteste von mehreren Hunderttausend Schülern, zum Beispiel 2018 nach dem Schulmassaker in Parkland, Florida, keine nachhaltige Wirkung?

Obama stellte mit Tränen in den Augen dieselben Fragen

Vom Himmel wird keine befriedigende Antwort kommen – allenfalls eine Linderung der seelischen Schmerzen für diejenigen, denen der Glaube Trost spendet. Das Problem ist menschengemacht. Es wird, wenn das überhaupt gelingt, von Menschen gelöst werden müssen.

Verzweiflung, Schmerz und Trauer diktieren, dass endlich etwas geschehen muss, damit es sich nicht wieder und wieder und wieder wiederholt. Zugleich ist leider zu erwarten, dass sich auch nach dem Massaker an Kindern in Uvalde wenig ändern wird – wie nach ähnlichen Schulmassakern in der Vergangenheit.

Zum Beispiel 2012 in der Sandy-Hook-Grundschule in Newtown, Connecticut. Dort starben 20 Erstklässler und sechs Betreuer. Der damalige Präsident Barack Obama stellte mit Tränen in den Augen die gleichen Fragen: Wann und wie finden die USA einen Ausweg aus diesen Tragödien? Er und sein damaliger Vize Joe Biden, der sich um schärfere Gesetze kümmern sollte, ahnten zugleich, dass es in ihrer gemeinsamen Amtszeit nicht gelingen wird.

Ein Schulbus fährt an einem Schild mit der Aufschrift „Sandy Hook Schule“ vorbei. Foto: REUTERS/Carlo Allegri/File Photo Vergrößern
Ein Schulbus fährt an einem Schild mit der Aufschrift „Sandy Hook Schule“ vorbei. © REUTERS/Carlo Allegri/File Photo

Patentrezepte dafür gibt es nicht. Und schnell wird sich aus verschiedenen Gründen wenig ändern, heute ebenso wenig wie damals. In den rund 230 Jahren seit 1791, als die damals junge US-Verfassung um das „second amendment“ ergänzt wurde – das Recht der Bürger, Waffen zu tragen –, haben sich vielfältige Ursachen zu einem Knäuel verbunden, das sich nur schwer entwirren lässt.

Die Waffenlobby ist gut organisiert – und argumentiert erfolgreich

Es gibt inzwischen mehr Waffen in den USA als Einwohner. Die Zahl der Bürgerinnen und Bürger, die Waffen haben und sich an die Auflagen und Gesetze halten, ist größer als die Zahl derer, die Waffen missbrauchen. Sie wehren sich gegen eine Beschränkung ihrer Freiheiten.

Und es gibt eine gut organisierte Waffenlobby, die National Rifle Association (NRA). Nach jeder neuen Tragödie, die den Druck auf die Politik erhöht, findet und verbreitet sie Argumente, warum diese oder jene Maßnahme im vorliegenden Fall gar nichts geholfen hätte. Oder unverhältnismäßig wäre.

Nach den bisherigen Informationen hat der Täter von Uvalde seine Waffen legal erworben. Die Auflagen, etwa die „background checks“, wurden eingehalten, wird die NRA sagen. Nicht das generelle System sei schuld, auch nicht die Freiheit des Waffentragens. Man brauche kein nationales Waffenregister, wie es oft verlangt wird. Denn die Herkunft der Tatwaffe ließ sich zügig und problemlos nachverfolgen.

Gängige Ausrede: Kranke Einzeltäter, es liegt nicht am System

Die US-Debatte wird wohl auch diesmal zu dem Schluss kommen, dass da ein psychisch kranker oder geistig verwirrter Einzeltäter handelte. Und wie will man dieser Ursache beikommen, wird die Waffenlobby scheinheilig fragen. Etwa mit einem nationalen Register psychisch labiler Bürger?

Es ist zum Verzweifeln. Die Lage ist untragbar, aber Abhilfe ist nicht in Sicht. Und die gängigen politischen Schuldzuweisungen, etwa an verbohrte Republikaner, die sich den berechtigten Forderungen der Demokraten widersetzen, helfen auch nicht weiter. Die Konfliktlinien sind in Wahrheit komplizierter.

Das Für und Wider im Ringen um schärfere Waffengesetze ist zwar auch eine Frage von Rechts und Links. Kulturell ist es aber weit mehr eine Frage von Stadt und Land. Republikaner in kriminalitätsgeplagten Großstädten wie New York, Chicago oder Los Angeles sind durchaus für Verschärfungen zu haben.

Der linke Senator Sanders als Vertreter der Waffenfreiheit

Demokraten aus ländlichen Regionen, in denen die Jagd und der Waffensport zur traditionellen Lebensform gehören, reagieren hingegen sehr zurückhaltend auf solche Forderungen. Ein Paradebeispiel dafür ist Bernie Sanders, ansonsten eine Galionsfigur der Linken. Der Senator und mehrfache Präsidentschaftskandidat stammt aus Vermont. Dort haben viele Bürger Waffen zuhause.

Sanders hat in der Regel nicht für Verschärfungen des Waffenrechts gestimmt. Im Präsidentschaftswahlkampf 2020 hat er behauptet, das sei ein Fehler gewesen, und er habe seine Position geändert. Mal sehen, ob er das nach dem Massaker von Uvalde mit Taten untermauert.

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