Maske auf und Bücher raus: Das dürfte - ein Teil der - Schulwirklichkeit sein, wenn die Schulen wieder öffnen. Foto: imago
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Update Schulkinder unter Corona Nur noch halb so viel Zeit fürs Lernen

Während der Schulschließungen hat sich die Zeit mit Büchern und Lernstoff mehr als halbiert. Eine Elternumfrage weist auch auf Versäumnisse der Schulen hin.

Durch Corona hat sich die Zeit mehr als halbiert, die Schulkinder mit Schulstoff verbracht haben. Zugleich nahm erwartungsgemäß die Zeit zu, die sie mit Handys, vor dem Fernseher, mit Computerspielen und sozialen Medien verbrachten – nämlich um eineinviertel Stunden auf 5,2 Stunden täglich.

Dies hat ein Forschungsteam des Münchner ifo-Instituts in einer Befragung festgestellt, an der im Juni Eltern in ganz Deutschland teilnahmen. In der Zeit seit März, als die deutschen Schulen flächendeckend geschlossen waren, waren die Kinder und Jugendlichen, die normalerweise zur Schule gingen, täglich im Schnitt 3,6 Stunden lang mit Lernen beschäftigt – wobei 0,9 Stunden auf Schulbesuche zum Beispiel in der Notbetreuung entfielen, und 2,7 Stunden auf Hausaufgaben, das Bearbeiten von Lernblättern oder im  Videounterricht.

In der Zeit vor den Schulschließungen waren sie dagegen insgesamt 7,4 Stunden täglich mit Büffeln beschäftigt. Und während sich in normalen Zeiten 89 Prozent der Schülerinnen und Schüler von der ersten Klasse bis zum Abitur im Schnitt fünf Stunden täglich dem Lernen widmeten, waren es in den Corona-Monaten nur noch 18 Prozent.

Mädchen büffeln, Jungs daddeln

Interessanterweise stellten  die Forscherinnen und Forscher, anders als oft erwartet, keinen signifikanten Unterschied zwischen dem Nachwuchs gutbürgerlich- akademischer Eltern und dem von nichtakademischen Familien fest. Der Schwund der Zeit, die dem Lernen gewidmet wurde, heißt es im Text, war „bei Kindern von Akademikern mit 3,7 Stunden fast genauso stark ausgeprägt wie bei Nicht-Akademikerkindern (3,8 Stunden)“.

Einen leichten Unterschied gebe es beim Konsum von Fernsehen, Computerspielen und Smartphones, mit dem die Nichtakademiker-Kinder 1,3 Stunden verbrachten, die mit Akademiker-Eltern immerhin 1,1. Auch die Zeit, die beide Elterngruppen mit den Kindern verbrachten, stieg in Zeiten von Corona gleichermaßen an, nämlich um eine halbe auf eine Stunde täglich. 

Einen deutlichen Geschlechterunterschied gibt es allerdings, der durch Corona erst entstand: Mädchen verbrachten in der Zeit der geschlossenen Schulen eine halbe Stunde mehr als die Jungen mit Lernen, 20 Minuten mehr für Lesen und Kreatives und eine Viertelstunde mehr mit sozialen Medien. Eine ganze Stunde weniger als ihre Schulkameraden verbrachten sie aber daddelnd an PC, Fon oder Spielkonsole.

Nichtakademikerkinder bekamen kaum Hilfe - von den Lehrern

Einen deutlichen Unterschied stellt die Studie zudem für Kinder fest, die sowieso schon  von zu Hause aus begünstigt sind, und denen mit weniger günstigen Startbedingungen – das unterschiedliche Engagement ihrer Schulen und der Lehrkräfte. Nach Aussagen ihrer Eltern hatten 49 Prozent der Akademikerkinder, aber nur 28 Prozent der Nicht-Akademikerkinder mindestens einmal pro Woche ein Gespräch mit einer Lehrerin oder einem Lehrer.

33 Prozent beziehungsweise 49 Prozent erlebten das nie. Kinder aus nichtakademischen Haushalten sollten besonders oft Aufgaben allein bearbeiten; „sie mussten diese allerdings seltener einreichen und bekamen auch seltener Rückmeldungen.“ Solche Unterschiede gab es, „obgleich nicht ganz so ausgeprägt, auch zwischen leistungsschwächeren und -stärkeren Schüler*innen“, schreibt das Forschungsteam. Larissa Zierow, stellvertretende Leiterin des Zentrums für Bildungsökonomik am ifo-Institut und eine der Autorinnen, hält das für gravierend: "Aus der Bildungsforschung wissen wir, dass für den Lernerfolg Feedback wichtig ist, Erklärungen von Lehrerinnen und Lehrern. Das können Eltern, egal ob akademisch vorgebildete oder nicht, nie so gut hinbekommen." Gerade für Kinder von Eltern ohne diesen Bildungshintergrund wäre es aber wichtig, "die zusätzlichen Lernstunden nicht mit Nichtverstehen zu verbringen", ergänzte der Leiter des Zentrums, Ludger Wößmann, währed der Vorstellung des Papiers in München am Mittwoch. Als eine der Schlussfolgerungen seines Teams nannte er, Schulen künftig unter Beachtung von Schutzmaßnahmen "so weit wie möglich im Regelbetrieb offenzuhalten".

Insgesamt stellen die befragten Eltern den Schulen kein gutes Zeugnis aus: Knapp die Hälfte der Kinder (45 Prozent) hatte demnach nie gemeinsamen Unterricht, ebenso viele hatten nie individuelle Gespräche mit ihren Lehrerinnen und Lehrern, per Telefon oder Chat.  45 Prozent hatten kein einziges Mal gemeinsamen (Video-)Unterricht. Noch weniger (42 Prozent) hatten auch nur die regelmäßige Möglichkeit, sich bei Fragen per Mail, Telefon oder über Messengerdienste an die Lehrkräfte zu wenden.

Für 44 Prozent gab es die Möglichkeit in Einzelfällen. Entsprechend wünscht sich eine überwältigende Mehrheit ihrer Eltern (87 Prozent), auch zur Vorbereitung auf neue Wellen der Pandemie, verpflichtende Online-Fortbildungen für Lehrer. Mehr als drei Viertel wollen, dass sie verpflichtet werden, täglich Kontakt zu den Kindern zu halten.

Viele litten, fanden Schulschließungen aber richtig 

Interessant sind auch die Daten, die das ifo-Team zu den Erwartungen der Deutschen, nicht nur der Eltern, an ein Corona-Management der Politik erhoben hat. Sie begründen das damit, dass für künftige Lockdowns bekannt sein müsse, welche Maßnahmen mehrheitsfähig seien, da davon wesentlich abhänge, ob sie von der Mehrheit mitgetragen werde.  

Dabei fällt zunächst auf, dass eine überzeugende Mehrheit mit dieser ersten flächendeckenden Schließung der Schulen (79 Prozent) einverstanden war - und das, obwohl sie die Zeit als anstrengend erlebten: Mehr als ein Drittel (38 Prozent) gab an, dass sie für ihre Kinder und sie selbst sehr belastend war. Gleichzeitig bescheinigt sich aber eine sehr große Mehrheit (86 Prozent), dass sie mit den Anstrengungen gut zurechtgekommen sei.

Für die Zukunft wollen 79 Prozent der Deutschen, dass alle Schulen zu Online-Unterricht verpflichtet werden, wenn die Schule mehr als eine Woche lang geschlossen bleiben muss. Eine deutliche Mehrheit von 67 Prozent spricht sich auch dafür aus, dass Familien mit kleinen Kindern sich mit zwei bis drei anderen Familien zu festen Gruppen zusammentun dürfen und sich so die Betreuung und die Arbeit mit lernenden Kindern teilen.

Eine große Mehrheit von 83 Prozent ist dafür, dass Kinder aus schwierigen sozialen Verhältnissen – aber auch wenn ihre Eltern nicht zu Hause arbeiten können oder andere spezielle Probleme mit fehlender Betreuung haben – von ihren Lehrerinnen stärker betreut werden, sobald die Schulen dicht sind. Über die exakten Maßnahmen, wie in den Schulen Ansteckung am besten vermieden werden kann, ist das Meinungsbild geteilt.

"Nichtlernen wird später teuer"

Das Team des Münchner Wirtschaftsforschungsinstitut mahnt zu gutem Management solcher Phasen: „Die Folgekosten ausbleibenden Lernens sind immens. Die bildungsökonomische Forschung legt nahe, dass es zu Einbußen im späteren Erwerbseinkommen in Höhe von 3–4% kommen könnte, wenn aufgrund der Schulschließungen die Kompetenzentwicklung von einem Drittel Schuljahr ausbleibt", heißt es in ihrer Studie. Zentrumschef Ludger Wößmann sagte während der Vorstellung in München, gerade weil zu fürchten sei, "dass die Schere zwischen leistungsstarken und -schwachen Kindern durch Corona noch weiter auseinandergeht", sei jetzt schnell nachholende Förderung nötig. "Dass wir in Deutschland mit der Digitalisierung zurück sind, fällt uns jetzt massiv auf die Füße."

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