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Die Klimaaktivisten Lea Bonasera und Henning Jeschke trafen Olaf Scholz - und stritten. Foto: Kay Nietfeld/dpa
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Scholz trifft hungernde Klimaaktivisten „Sie führen uns in eine Klimahölle!“

Wochenlang aßen Klimaaktivisten nichts, um die Aufmerksamkeit der Politik zu bekommen. Ein Gespräch mit Vizekanzler Olaf Scholz endete nun im Streit.

27 Tage hat Henning Jeschke im Spätsommer nichts gegessen, am Ende sogar viele Stunden nichts mehr getrunken. Aus Protest wegen der Klimapolitik der Bundesregierung und um, die Aufmerksamkeit der Politik im Bundestagswahlkampf zu bekommen. Mit Erfolg: die Medien berichteten bundesweit, Grünen-Chef Robert Habeck besuchte den Greifswalder Klimaaktivisten und seine Mitstreiterin Lea Bonasera im Protestcamp in Berlin, um sie vom Ende ihres Hungerstreiks zu überzeugen. Den beendete Jaschke jedoch erst Stunden vor der Bundestagswahl, als ihm SPD-Kanzlerkandidat Olaf Scholz telefonisch ein Gespräch zusicherte.

Knapp sieben Wochen später trafen Jeschke, Bonasera und Scholz nun am Freitagabend in der Friedrich-Ebert-Stiftung in Berlin aufeinander. Man sei ein Ort des „Dialogs und des offenen Respekts und des Brückenbauens“, sagte der Vorsitzende der Ebert-Stiftung, Martin Schulz, zu Beginn der Veranstaltung. Daher sei die Ebert-Stiftung der richtige Ort für das Aufeinandertreffen, so der frühere SPD-Parteichef und gescheiterte Kanzlerkandidat.

Doch viel Dialog wurde es dann nicht zwischen den Klimaaktivisten und dem Kanzler in spe. „Ich bin verzweifelt, wir befinden uns in einer tödlichen Klimakrise“, sagte die 24-jährige Bonasera. Sie warf der Politik vor, nicht angemessen auf den Klimawandel zu reagieren. „Wir werden die 1,5-Grad überschreiten“, sagte sie und skizierte eine Welt mit Fluten, Hunger, Dürre und Ernteausfälle. „Wir sprechen heute über eine Frage von Leben und Tod“, sagte Bonasera zu Beginn in Richtung Scholz.

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Der SPD-Politiker sagte zwar, dass man sich in einer „sehr ernsthaften Lage“ befinde, wollte aber lieber über Lösungsvorschläge sprechen, als über die Zustandsbeschreibung. Deutschlands Aufgabe in der Welt sei es, zu beweisen, dass es möglich sei, ein starkes und gleichzeitig klimaneutrales Industrieland zu sein. „Wir haben das Geld, wir haben die Ingenieure, wir haben die Unternehmen, wir haben die Wissenschaft.“

Scholz genervt: "Wollen Sie immer dazwischenreden?"

Die Klimaaktivisten unterbrachen Scholz jedoch fortlaufend, was diesen sichtlich nervte. „Wollen Sie immer dazwischenreden? Dann machen Sie das“, sagte Scholz säuerlich. Jeschke ließ sich davon jedoch wenig beeindrucken und schilderte über Minuten die Bedrohungslage durch den Klimawandel. Die Debatte blieb damit auf zwei unterschiedlichen Ebenen.

Im Sommer hatten Lea Bonasera und Henning Jeschke viele Tage nichts gegessen. Foto: Jörg Carstensen/dpa Vergrößern
Im Sommer hatten Lea Bonasera und Henning Jeschke viele Tage nichts gegessen. © Jörg Carstensen/dpa

„Ihr Kurs trägt uns weit über die zwei Grad“, sagte Jeschke und erklärte mit Verweis auf Wissenschaftler, dass der Politik nur noch drei oder vier Jahre bleiben würden, um ein Erreichen der Kipppunkte zu verhindern. Sonst drohe eine Erhitzung der Erde um vier Grad mit „Todeszonen“ rund um den Äquator. Darunter würden 3,5 Milliarden Menschen leiden und müssten teils sterben, so der 21-jährige Jeschke.

„Bei dieser Krise ist einzigartig, dass sie ab einem Punkt nicht mehr unserer Kontrolle unterliegt“, sagte Jeschke mit Verweis auf die Klima-Kipppunkte. Mit zunehmender Debatte griff er dabei Scholz auch immer direkter an. „Sie führen uns in eine Klimahölle“, schrie er Scholz an. Auch Deutschland werde unter dem Klimawandel leiden, prophezeite Jeschke. In seinem Szenario sprach er von einer Republik, in der Hunger herrscht, Supermärkte geplündert werden und Tote auf der Straße liegen.

Klimaaktivisten kündigen "massive" Proteste an

Scholz bemühte sich, ruhig zu bleiben und sprach unverdrossen von seinen Vorstellungen eines Umbaus einer klimaneutralen Industrie. „Ich glaube, dass die Welt besser werden kann, durch das, was wir tun“, sagte Scholz. Fatalismus und den Kopf in den Sand zu stecken, bringe niemanden voran. Er kritisierte die Klimaaktivisten für ihren Stil: „Es ist nicht akzeptabel, dass sie keinen einzigen, praktischen Vorschlag haben.“

Konkret wurden die beiden Klimaaktivsten dann aber doch noch am Ende der knapp einstündigen Veranstaltung. Es brauche sofort ein Gesetz, das es verbiete, Lebensmittel wegzuwerfen. Zudem forderten Bonasera und Jeschke eine Agrarwende bis 2030. Sollte die künftige Ampel-Koalition unter einem Kanzler Scholz dies nicht noch in diesem Jahr auf den Weg bringen, werde es „gewaltlose, aber massive“ Proteste im Januar geben, kündigte Bonasera an. Brücken wurden an diesem Abend in der Ebert-Stiftung definitiv keine gebaut.

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