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Sibel Kekilli ist unter anderem durch die Serie „Game of Thrones“ bekannt. Foto: Joachim Sielsk/Imago Imagesi
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Schauspielerin Kekilli fühlt sich hilflos „Menschen haben keine Angst mehr, rassistische Gedanken auszusprechen“

Großes Thema der USA-Reise des Bundespräsidenten war auch der Populismus. Sibel Kekilli ist angesichts der Lage zunehmend fassungslos. Ein Interview.

Sibel Kekilli erwartet man nicht unbedingt auf der Reise eines Bundespräsidenten ín die USA. Die erfolgreiche Schauspielerin („Gegen die Wand“, „Tatort“), ist mit Frank-Walter Steinmeier nach Boston gereist, um in Zeiten der politischen Polarisierung durch US-Präsident Donald Trump die kulturellen Brücken zu stärken. Die 39-Jährige ist durch die Serie „Game of Thrones“ auch hier vielen ein Begriff.

Zunächst müssen Kekilli, Steinmeier und Co. aber erstmal in Island Station machen, die angespannte Lage bei den Regierungsfliegern zwingt zum zweistündigen Tankstopp. Da Kanzlerin Angela Merkel und ihrer Minister parallel nach Indien zu Regierungskonsultationen unterwegs sind und für diese Reisegruppe aus Angst vor Pannen der zweite verfügbare A340 als Backup bereitgehalten wird, muss die Steinmeier-Truppe den kleineren A-321 nehmen, der es ohne Stopp nicht in die USA schafft. Kekilli macht sich besonders bei einer Debatte von Steinmeier mit Experten zum  Thema „Populismus und Polarisierung – Herausforderungen auf beiden Seiten des Atlantiks“, viele Notizen. Sie ist zunehmend fassungslos, wie sie im Interview erläutert.

Frau Kekilli, wie kommt es, dass Sie den Bundespräsidenten in die USA begleitet haben?
Er hat mich eingeladen, es ist meine zweite Delegationsreise. Die erste war mit unserem Außenminister Heiko Maas im April nach Brasilien, Kolumbien und Mexiko, zur Gründung des Frauennetzwerkes Unidas zwischen Deutschland und Lateinamerika. Wir haben hier ein großes Auslandsjahr in den USA, zum Motto „Wunderbar together“. Es geht darum, dass uns Deutsche und Amerikaner viel mehr verbindet, als das uns trennt. Das Auswärtige Amt hat in den USA innerhalb eines Jahres rund 2000 Projekte dazu auf die Beine gestellt.

Auf beiden Seiten des Atlantiks wächst der Rechtspopulismus. Wie erleben Sie zum Beispiel der Aufstieg der AfD in Deutschland, Hetze und Verächtlichmachung im Netz?
Eigentlich muss man immer aufpassen, wie man etwas sagt, weil jedes Wort im Mund umgedreht wird. Ich finde aber, man darf auch keine Angst haben vor Kritik. Das hatte ich auch nie. Ich habe immer meine Meinung gesagt. Aber es macht mich schon sprachlos. Ich weiß wirklich nicht, wie ich damit umgehen soll. Das eine Phänomen gab's eigentlich schon immer. Es ist nichts Neues. Ich meine den Rechtsextremismus, nicht nur in Deutschland, sondern überall. Wenn wir jetzt von Deutschland reden, in den Achtzigern, in den Neunzigern zum Beispiel die Ereignisse in Rostock. Was aber neu ist, glaube ich, dass die Menschen nicht mehr in Springerstiefeln durch die Gegend laufen, sondern in Anzügen und Krawatten. Plötzlich haben Menschen keine Angst, rassistische Gedanken auszusprechen. Und auch unterbewusst gibt es überall Alltagsrassismus.

Ein schleichender Dammbruch, der die Demokratie auch in Deutschland aushöhlt...
Ich bin genauso hilflos wie viele andere Menschen auch. Ich meine, jüngst in Halle passiert etwas ganz Schreckliches. Zwei Wochen später folgt die Wahl in Thüringen mit dem bekannten AfD-Ergebnis. Aber es ist ja nicht nur Rechtsextremismus. Ich glaube, alles, was mit Extremismus zu tun hat, ist einfach gefährlich, auch von links. Das gibt's ja auch, wenn auch da Menschen niedergebrüllt werden, ihre Meinung nicht sagen dürfen oder können oder sollen.

Der Bundespräsident wirkt auch etwas ratlos. Er fordert mehr zivilisierten Streit, aber es dominieren Schwarz-Weiß und Aggression. Lässt sich die Welle noch brechen?
Es gibt eine Welle dagegen, nur die andere Welle ist immer lauter. Oder sagen wir es mal so: aggressiver. Was bekommt denn meistens besonders viel Aufmerksamkeit in sozialen Medien? Die Posts, die irgendwie Fake News beinhalten, irgendwas behaupten. Es ist oft automatisch so, dass diese News Aufmerksamkeit kriegen, weil genauso viele Menschen schreiben oder sagen: Hey, Moment mal, das stimmt ja nicht. Aber die anderen sind halt lauter.

Was nehmen Sie als Lehre mit?

Wir müssen noch mehr Menschen und ihre Themen einbinden, die sich nicht gehört fühlen. Ich als diplomatischer Mensch finde schon, dass man sich hinsetzen sollte und reden sollte über Probleme, ohne sich gegenseitig fertig zu machen, anzuschreien, sondern wirklich auf eine respektvolle Art und Weise. Aber auch das passiert inzwischen nicht mehr, weil die Menschen in Social Media denken, da kann ich jetzt machen, was ich will. Und wenn man dann auch noch von einem Richter nicht mehr geschützt wird, macht mich das hilflos und sprachlos. Ich weiß nicht, wo man sich dann noch Hilfe holen kann. Ich habe das Gefühl, dass wir die andere Seite, die falsche Seite, mehr schützen als die richtige Seite.

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