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„Wir müssen endlich lernen, Leute zur Verantwortung zu ziehen und zu feuern"

Die junge Frau in der Mall träumt von einem ganz normalen Leben. Foto: Katharina Eglau
Saudi-Arabiens erste Chefredakteurin Erster Riss in der gläsernen Decke

Inzwischen schreiben unter ihrer Regie 15 junge Reporterinnen, aber nur noch drei männliche Journalisten. „Viele Männer haben eine schlechte Arbeitsmoral. Bei Bewerbungsgesprächen lassen sie von vorneherein durchblicken, dass sie eigentlich nichts tun wollen.“ Der Ölreichtum habe die Mentalität des Landes korrumpiert. Die Leute hätten nie gelernt, dass man sich seinen Wohlstand hart erarbeiten müsse, sagt die Blattmacherin, die in ihrer Zeitung auch den Schlendrian vieler Ministerien offen anprangern lässt. „Wer ist dafür verantwortlich?“, steht unter einem Foto, das einen riesigen Krater in einer Durchgangsstraße zeigt.

„Wir müssen endlich lernen, Leute zur Verantwortung zu ziehen und zu feuern, wenn sie nicht richtig arbeiten.“ Vor allem das Wohnungsbauministerium lenkt momentan den Zorn vieler Saudis auf sich. Seit fünf Jahren existiert die Behörde, ausgestattet mit einem Budget von 50 Milliarden Euro für 600 000 Wohnungen, ohne dass bisher ein einziges neues Haus fertig geworden ist.

Stattdessen wurden kürzlich in einer nationalen Lotterie mit großem Pomp die virtuellen Apartments verlost. „Schaut euch dieses Ministerium an, wie es operiert. Glaubt ihr wirklich, ihr werdet diese Wohnungen jemals sehen“, fragt die „Saudi Gazette“ in sarkastischem Ton ihre Leser.

Geboren in Saudi-Arabien wuchs Somayya Jabarti als Kind in den Vereinigten Staaten auf. Arabisch lernte sie erst als Neunjährige. Ihre erste Begegnung mit dem Journalismus hatte die junge Frau dann durch ein Praktikum bei der „Salt Lake Tribune“ im US-Bundestaat Utah. In Saudi-Arabien studierte sie an der Universität von Riyadh Englisch und Literatur und arbeitete zunächst als freie Journalistin und Englischlehrerin. Dann folgten einige Jahre bei der „Arab News“ in Dschidda. 2003 wechselte sie zur Konkurrenz, der „Saudi Gazette“, die eine Auflage von 47 000 Exemplaren hat.

Seit Mitte Februar steht sie nun an der Spitze des überregionalen Blattes, das für saudische Verhältnisse einen relativ kritischen Ton anschlägt. Ihr Vorgänger und Mentor Khaled Almaeena, der die Redaktion mehr als zehn Jahre führte, schrieb in einem Brief an die Leser, es mache ihn stolz, eine Frau als Nachfolgerin präsentieren zu können. Ihr Erfolg sei nicht das Ergebnis einer Frauenquote, sondern der Leistung zu verdanken, mit der sich Somayya Jabarti diese Chance erarbeitet habe. „Wir müssen kühn agieren, dann können wir vielleicht weitere Türen aufstoßen. Aber vor uns liegt ein steiler, dorniger Weg“, retourniert die Chefredakteurin nüchtern. Mitten auf ihrem Schreibtisch hat sie einen hölzernen Hammer liegen, wie ihn Richter und Auktionatoren benutzen, um sich Gehör zu verschaffen. „Das Boot muss schaukeln, das Boot muss fahren“, lacht sie. „Denn Leben, das ist Bewegung“.

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