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Wenn Schienen weinen könnten. Der Münchner Hauptbahnhof im Juniregen. Foto: dpa
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Sanierung statt Expansion Die Bahn ist für die Verkehrswende nicht gerüstet

Bundesverkehrsminister Wissing muss das Bahndesaster endlich erklären. Es braucht einen Fokus auf die umweltfreundliche Schiene. Ein Kommentar.

Für die Präsentation ihres neuen Bahnkonzepts haben sich Verkehrsminister Volker Wissing und der Chef der Deutschen Bahn, Richard Lutz, eine feine Adresse ausgesucht. In der Bundespressekonferenz haben sie diesen Mittwoch erklärt, wie sie das aktuelle Chaos auf der Schiene auflösen wollen. Das meiste war bereits bekannt.

Lutz will bis zum Ende des Jahrzehnts die wichtigsten Bahnkorridore des Landes nacheinander sanieren. Dabei soll an den Strecken am besten alles gleichzeitig erneuert werden - von den Gleisen über die Signale bis hin zum Schotter. Dort, wo die meisten Züge fahren und es Engpässe gibt, verspricht Lutz ein Hochleistungsnetz mit der modernsten Technik.

Das ist richtig, es gibt dabei allerdings eine böse Wahrheit, die Lutz und Wissing nicht aussprechen: Ein zuverlässiges und halbwegs leistungsfähiges Schienennetz wird es damit erst ab 2030 geben. Zum „Klimaretter“ wird die Bahn so erst im nächsten Jahrzehnt.

Die Bundesregierung fordert von der Bahnbranche aber weiterhin eine Verdopplung der Fahrgastzahlen bis 2030 und von den Güterbahnen einen höheren Marktanteil von 25 Prozent. Wie soll das gehen, wenn auf den wichtigsten Strecken Baustellen das Bild prägen?

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Halten Lutz und Wissing an dem Expansionskurs fest, wird es in den kommenden Jahren bei den Verspätungen bleiben, die derzeit die Nerven von Fahrgästen und der Industrie strapazieren. Denn in Bauzeiten fahren sinnvollerweise nicht mehr, sondern weniger Züge. Es ist deshalb Zeit, dass Wissing und Lutz die Deutschen auf schwierige Jahre einstimmen, in denen es darum geht, den Bahnbetrieb stabil zu halten. Dann wächst auch das Verständnis der Bahnkunden.

Nicht nur bei der Energiesicherheit haben die Bundeskanzler Schröder und Merkel das Land nicht zukunftssicher gemacht. Ihre Austeritätspolitik hat auch zu verrotteten Gleisen und Autobahnen geführt. Die Schweiz und Österreich haben ihr Schienennetz in den vergangenen Jahren erneuert. Sie können nun die Verkehrswende einleiten. Deutschland ist dafür derzeit nicht gerüstet.

Fokus Umweltfreundlichkeit

Ein Eingeständnis dieser harten Wahrheit befreit Lutz und Wissing jedoch nicht davon, alles für einen Ausbau des Bahnverkehrs zu tun - im Gegenteil. Der Verkehrsminister muss in den laufenden Haushaltsverhandlungen mehr Geld für den Schienenausbau durchsetzen. Denn allein die Sanierung der bestehenden Strecken wird die Kapazitätsprobleme nicht lösen. Die Verkehrsplanung braucht endlich einen Fokus auf die umweltfreundliche Schiene. Alles gleichzeitig bauen – auch noch mehr Autobahnen und Ortsumgehungen – funktioniert nicht mehr.

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Richard Lutz steht in der Pflicht, die effektive und zügige Grundsanierung der wichtigsten Strecken auch umzusetzen. Ein solches „kapazitätsschonendes Bauen“ hat zuvor schon der gescheiterte DB-Infrastrukturvorstand Ronald Pofalla angekündigt.

Die Fahrgastzahlen können und müssen Deutsche Bahn und Bundesregierung auch mit dem aktuellen Problemnetz zumindest etwas erhöhen. Dafür gibt es kluge Ideen: Die „Brancheninitiative Fahrrad und Bahnen“ hat am Montag eine Million neue sichere Radabstellplätze an Bahnhöfen vorgeschlagen.

Das macht den Weg zum Bahnhof für viele Fahrrad- und E-Bike-Fahrer attraktiver. In den Niederlanden hat so ein Programm viele neue Kunden in die Züge gelockt. Und auch für zweistöckige ICE-Züge sollte sich die Bahn öffnen. Die Doppelstöcker mit etwa 40 Prozent mehr Kapazität bieten sich gerade für Sprinterzüge zwischen den Metropolen an. Nicht nur das Bauen muss bei der Bahn endlich smarter werden.

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