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Russisches U-Boot bei einer Parade im Jahr 2015. Foto: REUTERS/Yuri Maltsev
© REUTERS/Yuri Maltsev

Russlands neue Marine-Doktrin Nun droht die Militarisierung der Arktis

Putins Ukraine-Krieg weitet die Konfrontation aus: Nach dem Nato-Beitritt Finnlands und Schwedens fehlen im Polarkreis künftig neutrale Anrainer. Ein Kommentar.

Ungeachtet aller Konflikte mit Russland hielt der Westen lange am Ziel fest, möglichst viele Bereiche für die zivile Kooperation offenzuhalten. Dazu gehören der Weltraum und die Arktis.

Wladimir Putin beendet diese Ära. Er steigt aus der ISS aus. Die neue Marine-Doktrin treibt die Militarisierung des Polarkreises voran.

Erneut zeigt sich, dass die Folgen seines Angriffs auf die Ukraine weit über den ersten Augenschein hinausreichen. Finnland und Schweden waren stolz auf ihre Neutralität. Ihr Nato-Beitritt verändert die Lage in Ostsee und im Polarkreis.

Im Ostseeraum schließt sich der Verteidigungsring um die zuvor hochverwundbaren Baltischen Staaten. Bisher grenzten die nur im Süden an die Allianz. Mit Finnland und Schweden gewinnen sie auch im Norden direkten Anschluss an Nato-Gebiet.

Die Ostsee wird bis auf die relativen kleinen Küstenabschnitte um Kaliningrad und St. Petersburg zu einem Binnenmeer der Nato. Finnland und Schweden bringen schlagkräftige Streitkräfte mit, sind also „Netto Provider“ gemeinsamer Sicherheit und nicht „Netto Consumer“ wie manche Neumitglieder der vergangenen Jahre.

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Auch im Polarkreis verändert sich die sicherheitspolitische Konstellation. Bisher hatte es Russland dort mit fünf Nato-Staaten zu tun – Norwegen, Island, Dänemark (wegen Grönland), Kanada und den USA – sowie zwei Neutralen, Finnland und Schweden.

Wladimir Putin erlässt am Tag der Marine am 31. Juli eine neue offensive Militärdoktrin. Foto: Mikhail Klimentyev/Pool Sputnik Kremlin/AP/dpa Vergrößern
Wladimir Putin erlässt am Tag der Marine am 31. Juli eine neue offensive Militärdoktrin. © Mikhail Klimentyev/Pool Sputnik Kremlin/AP/dpa

Künftig sind es sieben Nato-Länder. Die vermittelnde Rolle der Neutralen, die auf Vertrauensbildung, Naturschutz, umweltfreundliche Nutzung der Bodenschätze drängten und die Militarisierung ablehnten, wird fehlen.

Kooperative, zivile Nutzung der Arktis wird zum Auslaufmodell

Für Russland hat die militärische Nutzung des Polarkreises schon lange Priorität. Die geografischen Gegebenheiten nutzt es für sein Bastionskonzept. Es kontrolliert gut die Hälfte der arktischen Küstenlinie, möchte den Raum, erstens, westlichem Zugang entziehen und, zweitens, als Basis nutzen, um seine Dominanz dort auf Teile des Nordatlantiks auszuweiten.

Auf der Halbinsel Kola ist die russische Nordflotte mit ballistischen Atomraketen stationiert. Sie wird mit neuen Atom-U-Booten der vierten Generation, der Borei-Klasse, modernisiert. In der russischen Wahrnehmung der Arktis spielt auch ihre mystische Überhöhung für die eigene Identität eine Rolle.

Mehr zu den militärischen Aspekten des Ukraine-Krieg bei Tagesspiegel Plus:

Den Rückgang des Meereises empfindet Russland subjektiv als Verlust an Sicherheit. Dies verstärkt das Belagerungsdenken. Wenn sich Seewege, die bisher durch Eis versperrt waren, für die internationale Handelsschifffahrt, aber auch gegnerische Kriegsmarine öffnen, ist das Bastionskonzept bedroht.

Chinas Energiehunger verschärft den Wettbewerb um Bodenschätze

Zudem verstärkt Chinas Hunger nach Gas und Öl für sein Wirtschaftswachstum die ohnehin vorhandene Konkurrenz um die reichen Bodenschätze der Arktis. China gehört zwar nicht zu den Arktis-Anrainern. Aber Russlands Wirtschafts- und Finanzstrategie basiert auf dem Verkauf der Energieträger, zu einem Gutteil an China.

Auf den ersten Blick stärkt die Norderweiterung der Allianz ihren Einfluss im Polarkreis. Zugleich erhöht sie jedoch das Risiko einer Konfrontation dort, wie Russlands neue Marine-Doktrin zeigt.

Diese Doppelfolge stellt das Bündnis vor ein Dilemma: Hat das Konzept der Konfliktprävention in der Arktis durch Dialog und Kooperation nach dem Nato-Beitritt Finnlands und Schwedens noch eine Zukunft? Oder muss nun auch die Allianz auf eine stärkere militärische Präsenz dort setzen?

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