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Einstimmig mehrstimmig. Ein russischer Soldatenchor bei der Eröffnung eines internationalen militärisch-technischen Forums im patriotischen Kongress- und Ausstellungszentrum in der Region Moskau am 23. August. Foto: /Maxim Shemetov / REUTERS
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Russische Großmachtpolitik Die verordnete Schizophrenie

Nina L. Krushcheva

Verführtes Denken: Warum die Russen gegen Putin nur wenig Widerstand leisten. Ein Gastbeitrag.

Nina L. Khrushcheva ist Professorin für internationale Beziehungen an der New Yorker New School. _ Aus dem Englischen von Jan Doolan. Copyright: Project Syndicate, 2021. www.project-syndicate.org

In diesem Monat ist es 30 Jahre her, dass eine Gruppe kommunistischer Hardliner die Kontrolle über Moskau ergriff und den sowjetischen Staats- und Parteichef Michail Gorbatschow in seiner Datscha auf der Krim unter Hausarrest stelle. Die Putschisten lehnten Gorbatschows Reformen – Perestroika und Glasnost – ab und wollten seine Regierung stürzen. Innerhalb von drei Tagen jedoch brach der Staatsstreich in sich zusammen. Mit Jahresende war es auch mit der Sowjetunion vorbei.

In den 20 Jahren, die der russische Präsident Wladimir Putin nun an der Macht ist, wurde die Bedeutung dieses Umsturzversuchs in ihr Gegenteil verkehrt. Heute wird er als Versuch russischer Kräfte zum Erhalt des Staates dargestellt, der durch eine antisowjetische Stimmung vereitelt wurde. Laut einer jüngsten Meinungsumfrage erinnern sich bloße 50 Prozent der Russen an diese unruhigen Tage, als Moskau von Soldaten in Panzern besetzt war und im Fernsehen in einer Endlosschleife „Schwanensee“ gezeigt wurde. Und da der Kreml nichts tut, um ihrem Gedächtnis auf die Sprünge zu helfen, glauben heute nur noch sieben Prozent, dass dies ein „Sieg der Demokratie“ war.

Zwar wird jedes Jahr der „Tag der Nationalflagge“ – Jahrestag des offiziellen Sieges über die Putschisten – begangen. Doch werden die Feierlichkeiten von freiheitlichen Parteien, Menschenrechtsaktivisten und der Handvoll verbleibender Oppositioneller angeführt – jenen, die danach streben, den Kampf für ein freies Russland zu feiern. Putin selbst hat nie teilgenommen. Tatsächlich war der Sieg über die Putschisten genauso erfolglos wie der Putsch selbst. Schließlich ist Russland heute alles andere als frei.

Wer etwas schreibt oder postet, das als gegen Putin, die Regierung oder die Kirche gerichtet angesehen werden kann, riskiert die Verhaftung. Die Zivilgesellschaft hat kaum noch Luft zum Atmen.

Natürlich ist Putin nicht Stalin: Die Menschen werden heute anders als 1937 nicht en masse vor Gericht gestellt. Doch wurden unter Gorbatschow mehr oppositionelle Stimmen geduldet als heute. Fragen Sie bloß Alexei Nawalny, den Korruptionsbekämpfer, Anwalt und prominenten Putin-Kritiker, der nun unter vorgeschobenen Vorwürfen im Gefängnis schmachtet. Sie könnten auch alle fragen, die für seine Stiftung arbeiteten, die erst als „extremistische Gruppe“ etikettiert und dann zur Auflösung gezwungen wurde, oder die der Organisation auch nur Geld gespendet haben.

Doch die meisten Russen leisten bisher kaum Widerstand. Das sollte vielleicht kein Schock sein. Allerdings wurde die Tendenz, Stabilität zu preisen und sogar einen Teil der eigenen Freiheit dafür aufzugeben, lange als Reaktion auf die Unsicherheit und Not der sowjetischen und postsowjetischen Zeit angesehen. Heute leben die Russen in relativem Wohlstand und Komfort. Vielen ging es noch nie so gut. Warum also bleiben so viele überzeugt, dass es eines starken Mannes bedarf?

Zunahme des Wohlstands

Zwar ist Russland noch immer nicht die Supermacht, die es einst war. Doch ist seine Bevölkerung nicht besonders durch externe Bedrohungen gefährdet. Und Putins Bemühungen, Russlands Großmachtstatus „wiederherzustellen“ – einschließlich Annexion der Krim und Einmischung in die Wahlen anderer Länder – stützen weder die Sicherheit noch den Wohlstand des Durchschnittsbürgers. Tatsächlich tun sie das Gegenteil.

Doch die Russen kapitulieren weiterhin vor dem Putinismus. Als Nawalny im vergangenen Jahr verhaftet wurde, stellte ich ein Schild mit der Aufschrift „Befreit Nawalny“ ins Fenster der Wohnung meiner Mutter in Moskau. Schon kurz darauf baten mich ihre Nachbarn – Angehörige der Intelligenzija mittleren Alters –, es zu entfernen. „Wir wollen hier keine zusätzliche Aufmerksamkeit“, sagten sie.

Als Kompromiss ersetzte ich das Schild mit einer euphemistischeren Version: „Befreit den Nicht-Putin“. Sie klingelten wieder und drohten höflich, die Polizei zu rufen, obwohl sie mir versicherten, sie seien auf meiner Seite. Wenn wir auf derselben Seite stehen, antwortete ich, dann sollte das ganze Gebäude Schilder aufstellen, die Unterstützung für Nawalny bekunden. Man könne uns ja nicht alle verhaften. Meine Nachbarn lehnten ab. Als ich versuchte, mir Unterstützung zu holen, indem ich bei anderen Hausbewohnern klingelte, drohte man mir weiter, die Polizei zu rufen.

Der polnische Literaturnobelpreisträger Czeslaw Milosz widmete sich diesem Phänomen in seinem Essay „Verführtes Denken“ (1953). Das Buch beginnt mit einer Diskussion von Stanislaw Ignacy Witkiewiczs 1930 erschienenem Roman „Unersättlichkeit“, in dem der Bevölkerung im neu besetzten Polen als „Heilmittel“ gegen unabhängiges Denken sogenannte Murti-Bing-Pillen verabreicht werden.

Gehorsam durch eine Droge

Diese Droge bringt (ähnlich der marxistisch-leninistischen Ideologie) Zufriedenheit und Gehorsam hervor und erzwingt zugleich eine Art kognitiver Dissonanz, die dazu führt, dass die Menschen gespaltene Persönlichkeiten entwickeln – nicht viel anders als die Moskauer Nachbarn meiner Mutter, die ihre Zustimmung gegenüber Nawalny proklamieren und zugleich jedem, der ihn öffentlich unterstützt, mit der Polizei drohen.

Milosz merkt an, dass Menschen, die unter totalitärer Herrschaft leben, die westlichen Demokratien als zu freiheitlich betrachten und der Ansicht sind, dass dies – zusammen mit der Anwendung des Rechts auf staatliche Akteure – diese Länder instabil und renitent macht. Wer heute das russische Fernsehen einschaltet, bekommt genau diese Botschaft zu hören.

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Letztlich, so Milosz, unterwerfen sich die Menschen einer repressiven Herrschaft nicht bloß aus Furcht. Sie sind auch durch ein „inneres Verlangen nach Harmonie und Zufriedenheit“ motiviert, und autoritäre Herrscher verstehen es geschickt, hieraus ihren Vorteil zu ziehen. Für Wladimir Putin gilt dies mit Sicherheit. Das Problem ist, dass all diese Herrscher den Menschen das bessere Leben, das sie ihnen versprechen, nicht wirklich verschaffen.

Wenn Russland je seinem Putin-Dilemma entgehen will, müssen die Russen die Einnahme ihrer Dosis Murti-Bing verweigern, und zwar immer und immer wieder. Wir können nicht warten, bis jemand wie Gorbatschow oder Nawalny daherkommt und die Russen wachrüttelt, nur damit sie Wochen oder Monate später wieder in Schlaf verfallen. Auf die Freiheit muss man jeden Tag hinarbeiten.

Vor 30 Jahren befreite Gorbatschow die Russen aus dem Gefängnis des Kommunismus. Nawalny hat tapfer versucht, den Menschen den Weg aus dem Putinismus zu weisen, doch bisher halten zu viele die Augen fest verschlossen. Die Lehre aus diesem falsch erinnerten Jahrestag ist klar: Eine freie Gesellschaft lässt sich nicht von Menschen erschaffen, die es zufrieden sind, sich einem verführten Denken hinzugeben.

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