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Verhaltene Kommunkation: RKI-Präsident Lothar H. Wieler spricht in Schwerin mit Politikern. In der Vergangenheit musste Wieler einige Empfehlungen zurücknehmen. Foto: Jens Büttner/dpa
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Robert Koch-Institut in der Kritik Gute Arbeit, mäßige Kommunikation – das RKI kämpft gegen drohenden Vertrauensverlust

Das Robert-Koch-Institut soll Deutschland durch die Coronakrise führen. Aber wie arbeitet es, welche Kritik gibt es an seinem Vorgehen - und was will es tun?

Da war die Sache mit den Masken: Ende Februar sagte der Präsident des Robert-Koch-Instituts (RKI) Lothar Wieler, es gebe für den Alltag „keinerlei Evidenz, dass das in irgendeiner Weise hilfreich ist“. Eine Aussage, die angesichts der aktuellen Maskenpflicht nicht gut gealtert ist.

Das RKI hat seine Empfehlungen inzwischen revidiert, Wieler warnt aber bis heute davor, dass Masken zu Nachlässigkeit bei anderen Vorsichtsmaßnahmen führen könnten. Das RKI habe seine Meinung geändert, als klar wurde, dass über 50 Prozent der Ansteckungen durch symptomfreie Infizierte stattfinden, sagt eine Sprecherin. Sie bittet um Verständnis - erst wenn eine ausreichende, wissenschaftliche Grundlage vorliege, könnten zuverlässige Aussagen getroffen werden.

Beamte oder Superhelden?

Das RKI macht mit einer Pandemie ohne Impfstoff seit Wochen den ultimativen Stresstest durch. In dieser Situation offenbart sich der hybride Charakter der Organisation: einerseits Behörde unter Fachaufsicht des Bundesgesundheitsministeriums (BMG), andererseits Forschungsinstitut mit hohen wissenschaftlichen Standards. Und auch ein bisschen Start-up, das mit der Datenspende-App Zugriff auf die Gesundheitsdaten von mehr als 500 000 Menschen hat.

Was ist die Rolle der Behörde mit den 1100 Angestellten - ist sie das oberste Gesundheitsamt, Zahlenzulieferer für die Politik, Forschungsanstalt oder auch für die breite Bevölkerung da? Und was muss geschehen, damit das Institut das Vertrauen der Öffentlichkeit nicht verspielt?

Auf Youtube präsentiert sich das Institut bunt und modern, ihren Gründer als Superhelden im flatternden Kittel, der gegen immer gefährlichere Viren und Bakterien kämpft. In den vergangenen drei Monaten zeigte sich das Robert-Koch-Institut aber nicht in Gestalt von Superhelden.

Die Öffentlichkeit lernte es in Gestalt von ernsten Verwaltungsmenschen vor blauen Stellwänden kennen. RKI-Präsident Lothar Wieler, eigentlich Veterinärmediziner, und sein Stellvertreter Lars Schaade informierten die Öffentlichkeit zu Neuinfektionen und gaben Empfehlungen zu Vorsichtsmaßnahmen ab.

Dabei mussten sie sich mehrmals berichtigen, gerade in der Kommunikation offenbarten sich Probleme: Lars Schaade berief das letzte Briefing am 12. Mai eigens dafür ein, um den R-Wert, an dem sich das Land wochenlang orientiert hatte, ausführlich zu erklären. Verkürzt gesagt bildet der R-Wert nur die Reproduktionszahl der vergangenen Woche im Vergleich zu den vier Tagen davor ab, ist also mitnichten eine Live-Abbildung der Infektionsrate. Sie sei „nie als Orientierung für die Bevölkerung gedacht“ gewesen, sagt eine Sprecherin.

Doch an der Debatte um die R-Zahl zeigt sich, wie schwierig die Kommunikation zwischen Wissenschaft, Politik und Medien sein kann, vor allem in einer Situation, in der jeder gerne die schnelle Lösung hätte. Nicht nur bei den Masken irrte sich das RKI; auch mit der Empfehlung, Tote mit Corona-Verdacht aus Sicherheitsgründen nicht zu obduzieren, lag es falsch. Tino Sorge, CDU-Bundestagsabgeordneter und Mitglied im Gesundheitsausschuss, sagt dazu: „Es ist natürlich suboptimal, wenn der Eindruck entsteht, an einem Tag würde das eine und am nächsten Tag etwas völlig Gegenteiliges gesagt.“

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Sorge fordert eine bessere finanzielle Ausstattung des RKI und eine Neuausrichtung. „Perspektivisch könnte es auch mehr strategische Kompetenzen übernehmen, bei der Arbeit durchaus zu einem Public-Health-Thinktank für Deutschland werden.“ Sorge will das RKI auf das Niveau seines amerikanischen Pendants, des Center for Disease Control and Prevention, heben. Das hat ein Budget von über zehn Milliarden Dollar - mehr als hundertmal so viel wie das RKI. Dem wurden im Haushalt für 2019 sogar noch 4,5 Millionen Euro gestrichen.

Verwirrung um die App

Neue Aufgaben übernimmt das RKI durchaus: So ist es für die Entwicklung der Tracing- und der Datenspende-App verantwortlich. Hier gab es Verwirrung, als Lothar Wieler am 7. April die Datenspende-App vorstellte. Eigentlich wartete die Öffentlichkeit auf eine Tracing-App, mit der auch die Hoffnung auf eine Lockerung der Lockdown-Regeln einherging.

Dirk Brockmann, Leiter der Projektgruppe für Epidemiologische Modellierung von Infektionskrankheiten und aufseiten des RKI verantwortlich für die Datenspende-App, erinnert sich an das Kommunikationswirrwarr: Bei einem Treffen im Thinktank des RKI lagen Anfang April verschiedene Apps und digitale Anwendungen zu Covid-19 auf dem Tisch, die zu der Zeit in der Entwicklung waren. „

Das wurde dann in der Kommunikation alles ein bisschen durcheinandergeworfen“, sagt Brockmann. Die Tracing-App ist noch immer nicht auf dem Markt, Brockmann rechnet erst im Juni mit dem Launch.

Bei der Datenspende-App klappte der Start zwar schnell, Brockmann und der Entwickler Thryve mussten aber nachbessern: Eine Analyse des Chaos Computer Club zeigte, dass es zunächst Sicherheitslücken gab. So verschaffte die App dem RKI etwa Zugang zu allen Fitnessdaten und den Namen der Spender, nicht nur zu Puls-, Temperatur- und Bewegungsdaten. Außerdem waren Pseudonymisierung und Verschlüsselung der Daten mangelhaft.

Brockmann räumt ein: „Ich bin selbst etwas naiv in das Projekt gegangen. Im Idealfall hätten wir zwei Jahre gehabt, um eine bombensichere App zu entwickeln.“ Unter dem Druck der Pandemie hätte er aber schnell helfen wollen. Das Vertrauen der Bevölkerung scheint nicht gelitten zu haben. 519.254 Spender haben sich die Datenspende-App bisher auf das Mobiltelefon geladen.

Insgesamt sieht Brockmann einen Willen zur Veränderung im RKI. Er habe überlegt, ob er die App an der Humboldt-Universität entwickeln solle, wo er eine Professur innehat, oder am RKI. „Ich wusste, dass Lothar Wieler die der klassische Epidemiologie um digitale Herangehensweisen erweitern will, deswegen habe ich mich für das RKI entschieden.“

In Teilen sei das Institut aber immer noch von Behördendenken geprägt. So hätten sich Kollegen gewundert, dass bei einem Kolloquium auch englischsprachige Vortragende eingeladen wurden. Dabei ist internationaler Austausch an anderen staatlichen Forschungsinstituten wie dem Helmholtz-Institut längst Standard.

Das RKI ist durch Föderalismus beschränkt

Dass das RKI eine Behörde im föderalen System ist, zeigt sich in der Covid-19-Pandemie besonders deutlich: Nicht nur muss das Institut auf die Meldungen der Gesundheitsämter, die wiederum bei den Ländern gebündelt werden, warten und hinkt damit in der Aktualität der Zahlen hinterher. Es darf außerdem nur auf Einladung der Länder und unter der Federführung der lokalen Gesundheitsämter eigene Forschung betreiben.

„Wir waren in Heinsberg“, sagt die RKI-Sprecherin auf die Frage, warum ihr Institut keine Forschungsgruppen ausgesendet habe. Den Zuschlag für eine größere Studie erhielt dann aber Hendrik Streeck von der Universität Bonn. Umgekehrt weiß der Gesundheitsminister Nordrhein-Westfalens aber nur Positives zu berichten: „Wie immer eng, gut und verlässlich“, beschreibt Karl-Josef Laumann die Zusammenarbeit mit dem RKI.

Der FDP-Abgeordnete und Professor für Infektiologie Andrew Ullmann wünscht dem Institut mehr Ressourcen und Kompetenzen. „Das RKI ist sehr abhängig vom BMG“, sagt er. „Ich sähe es gerne als unabhängiges Institut mit besserer Ausstattung.“ Er schlägt vor, dass der RKI-Präsident gleichzeitig der Chief Medical Officer sein könnte, der die Bundesregierung berät. Das Institut solle sich globaler orientieren und sich besser mit dem European Center for Disease Control vernetzen. Denn in einem sind sich alle Befragten einig: Das RKI macht insgesamt gute Arbeit - es sollte sie nur besser kommunizieren.

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