RKI-Chef Lothar Wieler mahnte am Donnerstag abermals eindringlich. Wieler: Virus könnte sich regional unkontrolliert ausbreiten
© Wieler: Virus könnte sich regional unkontrolliert ausbreiten

Update RKI-Pressekonferenz zur Pandemielage „Die Situation ist sehr ernst geworden“

Der Anstieg der Corona-Zahlen hierzulande hat laut RKI-Chef Wieler vor allem einen Grund. Zudem gibt es Reisewarnungen für weitere Nachbarländer.

Der Präsident des Robert Koch-Institutes (RKI), Lothar Wieler, hat sich angesichts der hohen Infektionszahlen besorgt zur Pandemie-Lage in Deutschland geäußert: "Inzwischen ist die Situation insgesamt sehr ernst geworden", sagte Wieler in Berlin. Treiber für die aktuell stark steigenden Zahlen seien Kontakte im privaten Bereich.

Kurz zuvor hatte das RKI verkündet, dass sich in Deutschland innerhalb eines Tages erstmals mehr als 10.000 Menschen nachweislich neu mit dem Virus infiziert haben. Außerdem wurde die Liste der Risikogebiete erneuert. Auch vor Reisen in die Schweiz, nach Polen und fast ganz Österreich wird nun gewarnt. Die einzige Ausnahme in Österreich bleibt das südlichste Bundesland Kärnten.

Ansonsten erklärte das RKI auch große Teile Italiens, Irland, Liechtenstein und Großbritannien bis auf die Kanalinsel und die Überseegebiete zu Risikogebieten. Die Kanarischen Inseln werden dagegen von der Liste gestrichen.

Auch Dänemark kommt als Urlaubsziel nicht mehr infrage: Denn Menschen aus Deutschland dürfen wegen der steigenden Corona-Neuinfektionszahlen ohne triftigen Einreisegrund nicht mehr nach Dänemark einreisen. Das teilte der dänische Außenminister Jeppe Kofod am Donnerstag mit. Die Maßnahme bedeutet unter anderem, dass deutsche Touristen nicht mehr ins Land kommen dürfen.

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Deutsche Urlauber, die in den italienischen Regionen Rom, Mailand, Venedig, Toskana oder Sardinien in den Herbstferien sind, müssen nun bei Rückkehr in Quarantäne oder sich „freitesten“ lassen - es sei denn, sie fahren oder fliegen noch vor Samstag nach Hause. 

Die Einstufung als Risikogebiet und die damit automatisch verbundenen Reisewarnungen des Auswärtigen Amts bedeuten zwar kein Reiseverbot, sollen aber eine möglichst große abschreckende Wirkung auf Touristen haben. Sie erfolgt, wenn ein Land oder eine Region den Grenzwert von 50 Neuinfektionen auf 100.000 Einwohner in den vergangenen sieben Tagen überschreiten.

Diesen Grenzwert hatten zuletzt auch immer mehr deutsche Landkreise überschritten, am Mittwoch waren es 148. Mittlerweile liegt die Inzidenz sogar bundesweit bei mehr als 50. Der aktuelle Anstieg der Corona-Zahlen hängt RKI-Chef Wieler zufolge vorwiegend mit Ansteckungen im privaten Bereich zusammen. 

Wieler: Virus könnte sich regional unkontrolliert ausbreiten

Wieler sagte am Donnerstag, Übertragungen in Verkehrsmitteln oder nach Übernachtungen bei Reisen spielten keine so große Rolle oder kämen eher selten vor. „Ansteckungen in Schulen (...) sind zwar bisher nicht sehr häufig und wesentlich seltener, als wir das zum Beispiel von Influenzaausbrüchen kennen, aber klar ist, je stärker die Fallzahlen steigen, desto höher werden auch Schulen betroffen sein“, so Wieler.

Wieler appellierte an die Bürger, unbedingt die Corona-Regeln einzuhalten. Denn: Es sei inzwischen möglich, dass sich das Coronavirus regional unkontrolliert ausbreiten könne. Um die Ausbreitung zu verlangsamen, seien Abstandhalten, Hygienemaßnahmen und wo nötig das Tragen von Mund-Nase-Masken sowie Lüften, unbedingt zu beherzigen.

Einen Grund zur Strategieänderung sieht er derzeit nicht, obgleich sich das ändern könnte, wenn noch mehr Gesundheitsämter an ihre Kapazitätsgrenzen kommen. Diese seien „ernst und besorgniserregend“, sagte Wieler. Aber man müsse jede Anstrengung auch unter diesen Umständen aufrechterhalten und dürfe nicht aufgeben, sondern weitermachen „nach bestem Wissen und Gewissen“.

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Er wies darauf hin, dass in einigen anderen Ländern schon vor einigen Monaten die Kontaktnachverfolgung eingestellt worden sei, weil sie es nicht mehr geschafft hätten - etwa Schweden und Großbritannien. Danach hätten die Fälle nur umso stärker zugenommen.

Dass die Todesfälle im Frühjahr höher lagen als jetzt im Herbst erklärte der RKI-Chef damit, dass Deutschland am Anfang der Pandemie von der Geschwindigkeit der Ausbreitung bis zu einem gewissen Grad überrascht worden sei. Der Schutz der Risikogruppen wie alte oder kranke Menschen sei noch nicht so gut gewesen. 

Inzwischen würden Altenheime oder Krankenhäuser besser geschützt. Zudem würden im Herbst viel mehr junge Menschen angesteckt. Allerdings könnte die Zahl der schweren Erkrankungen und der Todesfälle wieder stärker steigen, denn alte Menschen könnten nicht auf Dauer völlig isoliert werden, mahnte Wieler. Man stelle inzwischen wieder ein langsames Eindriften des Virus in diese Einrichtungen fest. (mit dpa)

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