Bei der Kontaktnachverfolgung zählt Schnelligkeit und Gründlichkeit. Foto: dpa
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Reisen in Risikogebieten Wie Rückkehrer Berlins Gesundheitsämter an ihre Grenzen bringen

Ein Ehepaar fliegt mit Hals- und Kopfschmerzen von Manchester nach Schönefeld. Wenig später gibt es in Spandau einen Corona-Hotspot. Amtsärzte schlagen Alarm.

Sie wollten offenbar nur mal ein paar Tage ohne ihre vier Kinder nach Großbritannien, doch damit haben sie für einen neuen Coronahotspot in Berlin gesorgt. Eine Spandauer Ehepaar war am 16. Juni mit einer Maschine aus Manchester abends in Schönefeld gelandet. Schon auf dem Flug hätten sie leichte Kopf- und Halsschmerzen gehabt, heißt es später.

Doch es vergehen vier Tage, bis sich das Ehepaar testen lässt. Am Tag darauf – fünf Tage nach der Landung – haben sie Gewissheit: Das Paar hat sich mit dem Coronavirus infiziert – und das Gesundheitsamt in Spandau jede Menge Arbeit.

„Eigentlich haben sie nichts falsch gemacht, aber in Pandemiezeiten könnte man auch bei leichten Symptomen vorsichtiger sein“, sagt Gudrun Widders, Leiterin des Gesundheitsamtes Spandau am Telefon. Im Hintergrund klingelt immer wieder das Telefon, viel Zeit hat Widders nicht. In der vergangenen Woche musste ihr Corona-Team vor allem Kontakte im Umfeld des Ehepaars ermitteln.

Am naheliegendsten sind die vier Kinder und die Schwiegermutter – sie alle haben sich in der Zwischenzeit auch mit dem Virus infiziert. Darüberhinaus hat das Team von Widders inzwischen 51 weitere Kontaktpersonen ermittelt. 14 wurden positiv getestet, insgesamt also 21 Erkrankte.

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Die infizierten Eheleute gelten bislang als einzige infizierte Reise-Rückkehrer im Bezirk. Trotzdem hat das Gesundheitsamt bereits seit Wochen immer mehr mit Urlaubern zu tun, die aus sogenannten Risikogebieten (zum Beispiel Albanien, Luxemburg, Türkei und Ukraine, aber nicht Großbritannien) zurück nach Spandau kommen. Aktuell müssen sie sich nach Ankunft 14 Tage in häusliche Quarantäne begeben, die mit einem negativen Corona-Test aber aufgehoben wird.

Zum Abstrich bitte. Reiserückkehrer gehen zum Corona-Testzentrum im Flughafen Düsseldorf. Foto: Henning Kaiser/dpa Vergrößern
Zum Abstrich bitte. Reiserückkehrer gehen zum Corona-Testzentrum im Flughafen Düsseldorf. © Henning Kaiser/dpa

Mehr als 600 Fälle solcher Fälle haben Widders und ihr Team bereits bearbeitet, doch die Zahl nimmt zu. 50 bis 70 Personen betreut das Gesundheitsamt täglich zu Fragen rund um Quarantäne und Tests. „Allein dafür habe ich bislang zwei Mitarbeiter abgestellt, doch die reichen nicht mehr aus“, sagt Widders.

In der Hochzeit der Infektionen war das Corona-Team von acht auf 124 Mitarbeiter aufgestockt worden, nun sind es etwa 35. Widders schließt nicht aus, dass Studierende und Soldaten bald wieder aushelfen müssen. „Es ist doch erstaunlich, wie viele Menschen trotz Pandemie in Risikogebiete reisen.“

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Die Politik hat darauf inzwischen reagiert. Für Rückkehrer aus Risikogebieten soll es kostenlose Coronatests an Flughäfen geben, ab der kommenden Woche sogar verpflichtend. In Berlin, wo täglich zwischen sechs und zehn Maschinen aus der Türkei landen, sollte ab Mittwoch getestet werden. „Die Vorbereitungen laufen auf Hochtouren“, sagte Senatssprecherin Melanie Reinsch.

Am Dienstagabend wurde bekannt, dass die Tests in Schönefeld erst am Donnerstag starten. In Tegel hingegen setzt die Maßnahme wie geplant am Mittwoch ein.

Amtsarzt: Kostenlose Tests sind ungerecht

Der Reinickendorfer Amtsarzt Patrick Larscheid kritisiert die neuen Corona-Tests. „Die Politik umgarnt hier Menschen, die sich ohne jede Not in Risikogebiete begeben.“ Gleichzeitig bekäme seine Tochter, die als Hebamme arbeitet, keinen Corona-Test. Larscheid findet das nicht gerecht.

Auch fachlich hält er die Tests für falsch. „Das einzige, was effektiv hilft, ist eine 14-tägige Quarantäne.“ Massenhaft gesunde Menschen zu testen, sei teuer und wegen der langen Inkubationszeit ein Risiko. In seinem Bezirk gibt es ihm zufolge noch keine infizierten Rückkehrer und auch durch die neue Teststelle in Tegel entsteht seinem Team keine Mehrarbeit, da dort die Charité die Abstriche vornehmen soll. Doch auch in Reinickendorf spüre man die Mehrarbeit durch Urlauber. Belastend für die Gesundheitsämter seien die vielen Anrufe von Reisenden. „Die Leute sind extrem schlecht informiert“, sagt Larscheid. Und die, die anrufen würden, seien immerhin noch die „ehrlichen“.

„Wir dürfen nicht kapitulieren“, sagt der gesundheitspolitische Sprecher der SPD im Berliner Abgeordnetenhaus, Thomas Isenberg. Auch er beobachtet die Mehrbelastung der Gesundheitsämter mit Sorge und fordert eine Aufstockung des Personals. Weniger Tests sei jedenfalls keine Option. Im Gegenteil: „Wir brauchen mindestens zwei Tests, die zeitlich ein paar Tage auseinanderliegen“, sagt Isenberg.

Er forderte die Gesundheitsminister der Länder und den Bund auf, die geplante Strategie für Rückkehrer zu erweitern. Sein Credo: „Viel hilft viel.“ Mittelfristig will er auch Rückkehrer aus Nicht-Risikoländern am Flughafen testen lassen. Vielleicht hätte sich so der Spandauer Hotspot vermeiden lassen – ohne Quarantäne.

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