Zum Corona-Überblick: Alle Zahlen zu SARS-CoV-2 in Deutschland
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Update „Regierung steckte sich die Finger in die Ohren“ Und plötzlich zeigte die Kurve in Irland senkrecht nach oben

Irland als Negativ-Beispiel für Deutschland: Kürzlich lag die Inzidenz bei 41, jetzt bei 942. Ein Grund sind Lockerungen, ein anderer die neue Virusvariante.

Vom Musterschüler im Kampf gegen Corona zur höchsten Rate an Neuinfektionen – und das in nur einem Monat: In Irland sind die Corona-Zahlen regelrecht explodiert, die Kurve der Neuinfektionen steigt nahezu senkrecht. Die Sieben-Tage-Inzidenz liegt bei 942 pro 100.000 Einwohner.

Andere Staaten stehen laut der interaktiven Coronavirus-Karte des Tagesspiegel deutlich besser da:

  • In Tschechien liegt die Inzidenz bei 853
  • In Großbritannien bei 630
  • In Portugal bei 549
  • In Deutschland bei nur 175
  • In Griechenland bei nur 43
  • In Finnland liegt die Inzidenz bei gerade mal 33

Wie konnte Irland das passieren? Noch am 10. Dezember wies das Land eine Inzidenz von nur 41 auf. Vorausgegangen war diesem damaligen Best-Wert innerhalb von Europa ein sechswöchiger Lockdown. Doch dann lockerte Irland die Beschränkungen in dem fatalen Irrglauben, einen Anstieg des Virus über Weihnachten trotzdem eindämmen zu können. Somit zeigt das Beispiel Irland, wie gefährlich eine schnelle Lockerung sein kann.

Kurz vor Weihnachten hatte sich die Inzidenz bereits in etwa verdoppelt, zu Heiligabend dann verdreifacht. Das gesellige Beisammensein in den heimischen Wohnungen war über die Feiertage wieder erlaubt, Restaurants und Gastro-Pubs wurden geöffnet. Und genau dann trat die wahrscheinlich leichter übertragbare Virusvariante aus Großbritannien auf: Diese neue Variante taucht inzwischen laut der britischen Zeitung „Guardian“ bei 45 Prozent der Virusproben auf. Vor einer Woche waren es demzufolge aber erst 25 Prozent. Und in der Woche über den Jahreswechsel bis zum 3. Januar lediglich neun Prozent.

Just seit Silvester aber schießt die Neuinfektionskurve in die Höhe wie noch nie zuvor in Europa. Das Coronavirus rast regelrecht über Irland hinweg. Eine Entwicklung, die selbst Worst-Case-Szenarien noch in den Schatten stellt. Die Iren zeigen sich schockiert: Mittlerweile sind gut 3000 von 100.000 Menschen infiziert. In Deutschland liegt die Vergleichszahl bei 2300.

[Mehr zum Thema: Erst wir, dann der Rest? Warum Impf-Nationalismus richtig sein kann, lesen Sie hier. (T+)]

Seán L'Estrange, Sozialwissenschaftler am University College in Dublin, macht für die Horror-Zahlen dezidiert die Entscheidung der Regierung verantwortlich, die Beschränkungen zu Weihnachten zu lockern und nicht mir härteren Maßnahmen gegenzusteuern. Demnach deuten Ergebnisse von Probenahmen darauf hin, dass die Situation bereits außer Kontrolle geraten war, bevor sich die englische Variante durchsetzte.

„Es war rücksichtslos“, sagte L'Estrange dem „Guardian“. Selbst der britische Premierminister Boris Johnson habe letztlich eine Kehrtwende hingelegt und Weihnachten in England doch noch abgesagt. „Aber unsere Regierung steckte sich die Finger in die Ohren.“

Irlands Premierminister Micheál Martin verteidigte die Öffnungspolitik. „Wir akzeptieren unsere Verantwortung, aber wir haben zu jeder Zeit effektiv auf die Wellen reagiert, die aufgetaucht sind“, sagte er dem Radiosender „Newstalk“. Konkreter wurde er dabei nicht.

Gäste trinken an Heiligabend ein paar Bier vor einem Pub. Foto: Damien Storan/PA Wire/dpa Vergrößern
Gäste trinken an Heiligabend ein paar Bier vor einem Pub. © Damien Storan/PA Wire/dpa

In Deutschland schaut man fassungslos auf die Lage in Irland. Der Schluss für Kanzlerin Angela Merkel und Kanzleramtschef Helge Braun ist klar: Es darf keineswegs zu früh gelockert werden, zudem wird mit Sequenzierungen bundesweit nun bei positiven Corona-Tests auch nach der Mutationsvariante B117 gesucht.

Und zum zweiten kommt dem Impfen eine noch größere Bedeutung zu, um aus der Spirale der Lockdowns herauszukommen, es ist der einzige Schlüssel dafür. Doch bei allen Nachbestellungen und zusätzlichen Produktionskapazitäten wie von Biontech im früheren Novartis-Werk in Marburg: Das wird alles nicht mehr Verfügbarkeit in dem heiklen ersten Quartal bringen, aber dann danach.

Nie da gewesene Gesundheitskrise in Irland

Das irische Gesundheitssystem gerät zunehmend an die Belastungsgrenze: Fast 1.600 Covid-19-Patienten liegen in den Spitälern, davon rund 150 auf Intensivstationen. Die Akutkrankenhäuser geraten in eine noch nie da gewesene Krise.

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Das Universitätskrankenhaus von Letterkenny in der Grafschaft Donegal beispielsweise war am Sonntag kurzzeitig so überlastet, dass Patienten in einer Krankenwagen-Schlange auf die Einlieferung warten mussten. Und laut der Irish Hospital Consultants Association verdoppelt sich die Zahl der Krankenhauseinweisungen jede Woche.

Noch liegt Irland trotz des Anstiegs der positiven Tests bei der Zahl der Covid-19-Todesfälle im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung weit hinter den meisten anderen Ländern zurück. Fast 14 von einer Million Menschen in Großbritannien starben in der vergangenen Woche täglich an der Krankheit, in Irland waren es etwa zwei.

Doch das könnte sich bald ändern. Philip Nolan, Vorsitzender der Epidemiological Modelling Advisory Group, betonte auf einer Pressekonferenz am Montagabend, die alarmierende Zahl der Neu-Erkrankungen mit Covid-19 sei absolut beispiellos. „Wir sehen Fälle pro Tag und Krankenhauszahlen, die wir uns vor Weihnachten schlicht nicht hätten vorstellen können.“

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