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Vorzeitige Bilanz. Kanzlerin Angela Merkel am Ende ihrer Rede zum Jahrestag der Deutschen Einheit. Foto: Jan Woitas/AFP
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Rede zur Einheitsfeier Angela Merkel - und ihr kleines Vermächtnis

In ihrer Rede zum Tag der Einheit kommt Merkel auch auf ihre eigene Biografie zu sprechen – und hält gelernten Westdeutschen den Spiegel vor.

Zum letzten Mal hat Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) am Sonntag eine Ansprache zum Tag der Deutschen Einheit gehalten. Das nahm die Kanzlerin zum Anlass, auch näher auf ihre persönlichen Erfahrungen vor und nach der Wende einzugehen. Gleichzeitig setzte sie sich im Nachhinein kritisch mit denjenigen auseinander, die ihr während ihrer Kanzlerschaft direkt oder indirekt ihre DDR-Biografie vorgehalten haben.

Merkel war 35 Jahre alt, als die Mauer fiel. „Als Bürgerin aus dem Osten“ stellte sie in ihrer Rede eine kritische Frage, die sich vor allem an gelernte Westdeutsche richtete: „Müssen nicht Menschen meiner Generation und Herkunft aus der DDR die Zugehörigkeit zu unserem wiedervereinigten Land auch drei Jahrzehnte nach der Deutschen Einheit gleichsam immer wieder neu beweisen?“

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Als Beispiel führte die Kanzlerin ein Ende des vergangenen Jahres von der CDU-nahen Konrad-Adenauer-Stiftung herausgegebenen Buch zur Geschichte der CDU an. Dort ist mit Blick auf Merkel unter anderem davon die Rede, sie sei in der Wendezeit „mit dem Ballast ihrer DDR-Biografie“ zur CDU gekommen. Die Formulierung wirke so, als zähle „dieses Leben vor der Deutschen Einheit nicht wirklich, Ballast eben“, der als „unnütze Last abzuwerfen“ sei, kritisierte Merkel.

Bekanntlich tat Merkel während ihrer steilen Karriere in der CDU ab 1990 alles dafür, keinesfalls eine Art „Ost-Stempel“ aufgedrückt zu bekommen. Ihre Rede zum 31. Jahrestag der Einheit bei der zentralen Feier in Halle an der Saale bot ihr aber nun noch einmal die Gelegenheit, sich mit einigen aus ihrer Sicht ungerechtfertigten Zuschreibungen auseinanderzusetzen.

Friedliche Revolution. Jubelnde Menschen sitzen am 11. November 1989 mit Wunderkerzen auf der Berliner Mauer. Foto: picture alliance/dpa Vergrößern
Friedliche Revolution. Jubelnde Menschen sitzen am 11. November 1989 mit Wunderkerzen auf der Berliner Mauer. © picture alliance/dpa

So ging sie auf die Kritik ein, die sie nach ihrem legendären Ausspruch auf dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise hatte einstecken müssen. Im September 2015 hatte sie in einem seltenen Gefühlsausbruch erklärt: „Wenn wir jetzt anfangen, uns noch entschuldigen zu müssen dafür, dass wir in Notsituationen ein freundliches Gesicht zeigen, dann ist das nicht mein Land.“ Jahre später wurde ihr deshalb bilanzierend vorgehalten, nur eine „angelernte Bundesdeutsche und Europäerin“ zu sein.

Merkel wies dies mit deutlichen Worten zurück: „Gibt es zwei Sorten von Bundesdeutschen und Europäern – das Original und die Angelernten, die ihre Zugehörigkeit jeden Tag aufs Neue beweisen müssen?“ Die Kanzlerin, das wurde in Halle nebenbei auch deutlich, arbeitet nach 16 Jahren an der Spitze von vier verschiedenen Regierungen auch schon an ihrem persönlichen Vermächtnis.

Im Rückblick auf die Einheit erklärte Merkel, bis heute werde zu wenig gesehen, dass das Leben nach der Wende für die allermeisten Menschen in Westdeutschland weiterging wie zuvor, „während sich für uns Ostdeutsche fast alles veränderte – Politik, Arbeitswelt, Gesellschaft“. Viele Ostdeutsche hätten sich nach 1989 in einer beruflichen Sackgasse wiedergefunden. Der „Respekt vor persönlichen Biografien“ gebiete es, dies nicht zu ignorieren oder zu vergessen.

Merkel: Aus verbalen Attacken wird allzu schnell Gewalt

Gleichzeitig setzte sich Merkel dafür ein, die demokratischen Errungenschaften, für welche die DDR-Bürger seinerzeit auf die Straße gegangen waren, nicht leichtfertig aufs Spiel zu setzen. Gegenwärtig gebe es Angriffe auf die Pressefreiheit. Gleichzeitig würden in der Öffentlichkeit „ohne Hemmung und ohne Scham“ Lügen und Desinformation verbreitet sowie Ressentiments und Hass geschürt. Angesichts der Ermordung des Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke, der Anschläge von Halle und Hanau oder die Ermordung eines 20-Jährigen in Idar-Oberstein sagte Merkel, dass „allzu schnell verbale Attacken in Gewalt“ mündeten.

Ministerpräsident Haseloff zieht positive Bilanz der Einheit

Zuvor hatte der Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) als amtierender Bundesratspräsident  eine positive Bilanz der Einheit gezogen. „Hinter uns liegt eine enorme Aufbauleistung“, sagte Haseloff. Dafür dankte er auch Merkel, die ihre Erfahrung als ehemalige DDR-Bürgerin in den gesamtdeutschen Kontext eingebracht habe. Gleichzeitig wies er auf Versäumnisse beim Vereinigungsprozess hin: „Mental und strukturell ist die Einheit noch nicht vollendet.“ Nach wie vor bestünden große Unterschiede zwischen Ost und West. „Das hat sich zuletzt beim Wahlverhalten bei der Bundestagswahl gezeigt“, so Haseloff.

Der sachsen-anhaltinische Ministerpräsident erklärte, dass die friedliche Revolution von 1989 „durchaus zum Gründungsmythos des vereinigten Deutschlands“ tauge. Er bedauerte allerdings, dass die Erfolgsgeschichten aus der Wendezeit zu wenig „unser Selbstbewusstsein“ prägten. Dies hänge auch damit zusammen, dass die Brüche in den Biografien vieler Ostdeutscher bis heute nachwirkten. „Darüber haben wir viel zu wenig gesprochen“, beklagte Haseloff, der an seine eigenen Erfahrungen als Direktor des Arbeitsamts von Wittenberg in der Zeit von 1992 bis 2002 erinnerte.

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