Bombendrohung: Polizeibeamte stehen vor dem Hauptbahnhof Lübeck Foto: dpa/Carsten Rehder
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Rechtsextremismus Wenn "Wehrmacht" und "NSU 2.0" per E-Mail drohen

Ein offenbar wirrer Rechtsextremist verschickt seit einem Jahr bundesweit Hassmails. Die Berliner Staatsanwaltschaft ermittelt.

Ein oder mehrere mutmaßlich rechte Täter verschicken bundesweit E-Mails mit Hasstiraden, bis hin zur Ankündigung von Bombenanschlägen. Betroffen sind Bundestagsabgeordnete, der Axel-Springer-Verlag, Anwälte, auch Prominente wie die Sängerin Helene Fischer, dazu Oberlandesgerichte und Verkehrseinrichtungen wie der Lübecker Hauptbahnhof. Dieser wurde am Montag nach einer Bombendrohung geräumt. Am Dienstag ging bei der Linken-Bundestagsabgeordneten Martina Renner eine Mail ein, in der Briefbomben angekündigt werden.

Es gebe mehr als 300 Fälle, sagten Sicherheitskreise dem Tagesspiegel. Seit einem Jahr würden die Hassmails in drei Wellen verbreitet. Der oder die Absender nennen sich „Nationalsozialistische Offensive“, „Elysium 2.0 & NSU 2.0“, „Wehrmacht“, „Wehrmacht/Elysium“, aber auch „RAF/Wehrmacht“ und „Rote Armee Fraktion“. Mehrere Mails enden mit „Sieg Heil und Heil Hitler!“

Die Staatsanwaltschaft Berlin hat im Januar die bundesweiten Ermittlungen in ein Sammelverfahren überführt. Das Bundeskriminalamt ist eingebunden. Offiziell spricht die Generalstaatsanwaltschaft Berlin von „derzeit 78 Drohschreiben“. Zum Verfahren gehört ein Fall, den der Tagesspiegel im Dezember 2018 der Staatsanwaltschaft Köln übermittelte. Es ging um eine Mail von „Wehrmacht“, die an mehrere Personen geschickt worden war und dem Tagesspiegel vorlag.

Zehn Millionen Euro in Bitcoin verlangte der Täter

In dem wirren Schreiben wird von der Bundesregierung verlangt, zehn Millionen Euro in der Kryptowährung Bitcoin zu zahlen. Das sei „die einzige Chance, uns los zu werden“, heißt es. Die Mail enthält ekelerregende Sprüche über Migranten und Juden. Diffamiert wird auch die Frankfurter Anwältin Seda Basay-Yildiz. Sie ist schon seit August 2018 rassistischen Drohungen ausgesetzt, allerdings per Fax und womöglich von einem anderen Täter. Basay-Yildiz vertritt im Verfahren zu den Verbrechen der Terrorzelle NSU Angehörige eines Mordopfers.

Sicherheitskreise vermuten, dass es sich um zwei verschiedene Szenarien handelt, auch wenn der Absender der Faxe sich ebenfalls „NSU 2.0“ nennt. Doch er dringt tief ins Privatleben der Anwältin ein. In den gefaxten Drohungen wurden die Adresse der Anwältin und familiäre Details genannt. Offenbar Daten aus einem Polizeicomputer. Der Verdacht richtet sich auf Frankfurter Polizisten aus einer rassistischen WhatsApp-Gruppe.

Angesichts der vielen Medienberichte über die Drohungen gegen Basay-Yildiz dürfte der Absender „Wehrmacht“ im Dezember 2018 in die Hetze gegen die Anwältin eingestiegen sein, sagen Sicherheitsexperten. Aus ihrer Sicht könnte für die bundesweite Serie mit den mehr als 300 irren Mails ein „junger rechter Computer-Nerd“ verantwortlich sein. Ähnlich dem im Januar gefassten, 20-jährigen Hacker aus Hessen, der sich private Daten von fast 1000 Politikern angeeignet und online gestellt hatte.

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