Die Versprechungen der Nationalisten

Teilnehmer einer Demonstration von Pro Chemnitz ziehen durch die Stadt. Foto: dpa
Rechte auf den Straßen Woher kommt die Wut in Ostdeutschland?

Vom Thüringer Wald bis ins Erzgebirge, nach Limbach-Oberfrohna, sind es knapp 200 Kilometer. Man fährt an Jena vorbei, an Weimar, über das Hermsdorfer Kreuz. Vor fünfzehn Jahren traf ich hier Gitta Schüssler, eine Frau Mitte vierzig, Mutter und auch schon Oma. Gelernte Buchhändlerin, dann arbeitslos, kleine Jobs: ganz normale Biografie für jemanden aus dem Osten.

Schüssler war frustriert, sie trat in die NPD ein. Auch hier, nur ein paar Kilometer von Chemnitz entfernt, bestimmten damals der Niedergang der Wirtschaft und der Rückzug des Staates die Stimmung. Schulschließungen, Zuwanderer aus Russland: Bei Gitta Schüssler und ihren Nachbarn fielen die Heilsversprechen der Nationalisten auf fruchtbaren Boden. Die NPD-Frau zog in den sächsischen Landtag ein.

Spaziergang durch das Zentrum von Limbach-Oberfrohna: Blumengeschäfte, Restaurant, Bankfilialen, gepflegte Plätze. Die Stadtverwaltung logiert in einem schlossähnlichen Gebäudekomplex. Ein paar Ecken weiter verfallen Häuser. Man spürt, dass es noch lange dauern wird, bis Limbach-Oberfrohna so etwas wie einen „selbsttragenden Aufschwung“ erreicht haben wird. Einige Flüchtlinge leben auch hier, in der örtlichen Polizeistation sagt ein Beamter, man sei „besonders wachsam, damit es nicht zu Ärger kommt“. Gewalt, von welcher Seite auch immer, sei kein Thema. Die Zustimmung der Menschen zur AfD ist dennoch hoch.

Gleich neben der Stadtverwaltung steht auf dem Bonhoeffer-Platz die evangelische Kirche von Pfarrer Johannes Schubert. Männerstammtisch, Lady-Time, Seniorentreffen: In sein Gemeindehaus lädt Schubert die Limbacher regelmäßig zu Gesprächen und Lesungen. „Tja“, sagt er, „die Menschen fühlen sich schon sehr lange allein gelassen von der Politik.“ Dann kamen die Flüchtlinge, und noch immer hatte man nicht das Gefühl, dass jemand zuhören will.

Auch er, der Pfarrer, der sich um Flüchtlinge kümmert, bekennt, dass er manchmal Angst davor hat, in der Öffentlichkeit laut zu sagen, was er falsch und gefährlich findet an der Flüchtlingspolitik. „Man steht doch sofort in der rechten Ecke“, sagt er. Oder wird gezwungen, sich „links“ einzuordnen.

Auch ein Argument, das ich häufig höre in diesen Tagen. Frage ich, wer zu Demonstrationen geht, wenn es darauf ankommt, gegen Rassismus Flagge zu zeigen, wird abgewunken. „Bin doch kein Linker“, heißt es zur Begründung. Der Osten scheint zum Schauplatz von Auseinandersetzungen der politischen Extreme geworden zu sein. Und die Mitte der Gesellschaft, sie entscheidet sich eher für den Rückzug hinter den eigenen Gartenzaun.

"Trauermarsch" in Chemnitz

Auf der Landstraße geht es weiter nach Chemnitz. Chemnitz, wo ein Asylbewerber einen Deutschen erstochen haben soll und die Rechten innerhalb von Stunden einen „Trauermarsch“ von Tausenden organisierten, der das ganze Land zum Beben gebracht hat. Hitlergrüße, Steine auf ein jüdisches Restaurant, „Ausländer raus“-Parolen.

Das ist jetzt drei Wochen her, und Familienministerin Franziska Giffey aus Berlin hat nach ihrem Besuch in Chemnitz ein Gesetz zur Förderung von Demokratie ins Gespräch gebracht. Haben die Ostdeutschen da Nachholbedarf? Identifizieren sie sich noch immer nicht wirklich mit dem Grundgesetz?

Das Restaurant „Cortina“ im Stadtzentrum von Chemnitz ist ein Ort, an dem man sich gern trifft. Es gibt Gemüseteller, frittierte Garnelen, und schicke Schirme schützen die Besucher vor der heißen Sonne. Die arbeiten in der Umgebung, in den Banken, Kanzleien oder in der Stadtverwaltung, Leute also, die von sich sagen könnten, dass sie es „geschafft“ haben, kommen zur Mittagspause her.

Ich bin verabredet mit einem Bankangestellten, er ist Mitte vierzig, trägt Anzug und Krawatte, ist CDU-Mitglied. Und mit einer Lehrerin, Gymnasium, kurz vor der Rente. Es war nicht leicht, auch diese beiden zu einem Gespräch zu überreden. Erst die Information, dass ich in Dresden studiert habe, also „von hier“ bin, löste die Spannung. „Okay“, sagt der Banker, „dann wissen Sie ja, wie’s uns so geht.“

Auch, wenn die DDR lange zurückliegt: Sozialforscher beobachten bis heute, dass Ostdeutsche die Gemeinschaft suchen. „Zu Friedenszeiten“ (das meint: vor der Wende), „aufreißen wie ein Westpaket“ oder „Kaufhalle“ sind typische Codes, die in Gespräche eingestreut werden und signalisieren, dass man zusammengehört. Abgrenzung gegen Fremde sehen die Wissenschaftler darin, wobei die Fremden „Wessis“ sind.

Die Alten, in der DDR Geborenen, sie benutzen die Codes quer durch alle sozialen Schichten. Aber auch unter den Jugendlichen ist es üblich. Sogar in Berlin, wo man annehmen sollte, dass es längst eine Durchmischung von Ost und West gibt. „Na klar weiß ich, wer aus dem Osten ist“, sagt zum Beispiel die 18-jährige Julia aus Köpenick über ihren Bekanntenkreis.

Warum die 13 Jahre zum Abitur brauchen und nicht 12, wie es in der DDR üblich war? – natürlich kennt Julia diesen bitteren Ostwitz über die „von drüben“, die man als selbstbewusster und wortgewandter kennengelernt hat. „Ist doch klar: 12 Jahre Abi, dann ein Jahr Schauspielunterricht.“ Wenn sich Julia mit Gleichaltrigen trifft, zum Chillen oder Feiern oder zu Seminarfahrten, dann, sagt sie, „fragt man meistens: Ost oder West?“ Warum das auch in ihrer Generation so ist, darüber hat sie noch nicht wirklich nachgedacht. „Es ist einfach so, wir sind anders als die.“

Stimmen aus dem Osten

Als Wolfgang Böhmer, später Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt, 1991 in die dortige Landesregierung eintrat, zählte er in seinem Ministerium 272 Mitarbeiter. 51 davon waren wie er selbst im Osten aufgewachsen. Die meisten Sekretärinnen und Referenten. Das Sagen hatten die anderen, die Westler.

Wie sich das anfühlt? Sie selbst habe sich gleich mehrfach intensiver Befragung aussetzen müssen, sagt die Lehrerin in Chemnitz. Darüber, wie weit sie in das sozialistische System verstrickt gewesen war, und sie musste Bekenntnisse ablegen zur freiheitlich demokratischen Grundordnung. „Das war erniedrigend“, sagt sie. Zumal zur gleichen Zeit ihre Kollegen, die aus dem Westen hierher gekommen waren, mühelos die nächste Karrierestufe erklommen. „Ich werde noch immer wütend“, sagt die Pädagogin, „wenn ich daran zurückdenke.“

Bis heute ist der Anteil von Führungskräften mit Ostbiografie erschreckend niedrig. 80 bis 95 Prozent der Führungskräfte in Verwaltung, Justiz, Wirtschaft und Gewerkschaften im Osten kommen aus dem Westen, hat die Uni Leipzig vor einigen Jahren ermittelt. In der Politik ist die Zahl der Ostdeutschen sogar wieder rückläufig. Noch nicht mal einer unter zehn Vorsitzenden Richtern in den neuen Ländern kommt „von hier“.

Schürt das ein andauerndes Gefühl der Fremdbestimmung? Erst brachten die Eliten aus dem Westen die unbekannte Rechts- und Wirtschaftsordnung, dann mutet dieser Staat, der noch nicht wirklich ihr Staat geworden war, ihnen auch noch die Herausforderung der Flüchtlinge zu.

Man kann das abtun. Sollen sich die Ossis mal nicht so haben! Man kann in diesem Zustand aber auch die Demütigung und Überforderung ganzer Landstriche sehen. Eine Überforderung, die zu Abwehr, Rückzug und schließlich zu Protest in den Wahlkabinen führt. Wie soll Demokratie auch funktionieren, wer soll ihre Werte tragen, wenn es an „selbstbewussten Bürgern“ fehlt, von denen der einstige Bundespräsident Joachim Gauck sagte, sie seien das Zentrum jeder freiheitlichen Gesellschaft?

Auch er habe „massenhaft Fragen“, sagt der Banker und Christdemokrat aus Chemnitz. Es geht um Sicherheit und Gerechtigkeit, den Umgang mit Russland, mit den Migranten. Doch sie zu stellen, das traue er sich nicht. Aus Angst, sich zu artikulieren, sich zu bekennen und dadurch Schwierigkeiten zu bekommen, auch im Job. „Es heißt doch gleich, man wolle das ganze System kritisieren“, sagt er. Da ist es wieder, dieses Gefühlsgebräu des Fremden: erst Fremd-Bestimmung, dann Über-Fremdung, schließlich Ent-Fremdung.

Multikulturelles Dresden

Das Dresden der frühen achtziger Jahre eine Stadt zu nennen, in der unterschiedliche Kulturen zusammenleben, wird der Realität nicht gerecht. An der Technischen Universität studierten zwar Bulgaren, Tschechen und auch Angolaner. Zumindest mit den Osteuropäern saßen wir Studenten gemeinsam in den Hörsälen und tranken im „Bärenzwinger“, dem weit über die Stadtgrenzen bekannten Studentenclub an den berühmten Brühlschen Terrassen abends unser Bier.

Bei den Dresdnern hingegen, die meist kaum etwas mit unserem Studentenleben zu tun hatten, spielte der gemeinsame Alltag mit den Ausländern, eine Integration, kaum eine Rolle. „Mädchen“, sprach mich mal eine ältere Dame in der Straßenbahn besorgt an, „es gibt so nette deutsche Männer.“ So einen sollte ich mir suchen und nicht mit den dunkelhaarigen Kerlen aus Südeuropa herumziehen. Ich habe das nie vergessen, weil es meine Erfahrungen, mit einem von den Dunkelhaarigen in Dresden zusammengelebt zu haben, treffend beschreibt.

Die DDR der Völkerverständigung und des Internationalismus, es gab sie eigentlich nur in den Überschriften der Zeitungen. Der Alltag war ein anderer. Die deutsch-sowjetische Freundschaft hatte wenig mit Zwischenmenschlichkeit zu tun, sondern war eine Massenorganisation. Sie lebte in kleinen Mitgliedsbüchlein, in die man regelmäßig für ein paar Pfennige erworbene Marken geklebt hat.

Und als in den achtziger Jahren nicht nur die Technische Universität Dresden in der Mensa Essensräume für „Kommerzstudenten“ einzurichten begann – die DDR hatte das Wissen ihrer Wissenschaftler für Devisen an arabische Herrscherhäuser verkauft –, reichte man ihnen an weiß gedeckten Tischen Bananen und Apfelsinen zum Nachtisch. Nachts feierten sie in den Bars der Stadt, und tagsüber saßen diese Studenten in eigenen Lehrveranstaltungen. Wir haben sie nur aus der Entfernung erlebt.

Die Begegnung mit dem Fremden, mit anderen Kulturen und Hautfarben, ist für die allermeisten in Ostdeutschland Aufgewachsenen eine Erfahrung der Abschottung. Der Bundeswehrstandort in Ohrdruf beherbergte bis 1990 sowjetische Soldaten. Die Offiziere durften Familien mitbringen. Sie lebten separiert in eigenen Wohnblocks, ihre Kinder gingen nicht in unsere Schulen. Die einfachen Soldaten waren strengstens kaserniert. Kontakt mit der einheimischen Bevölkerung war nicht erwünscht.

Wo Vietnamesen und Angolaner lebten, waren sie zum Arbeiten gekommen. Ausschließlich. Sie kamen, weil die DDR Aufbauhilfe leistete in ihren Heimatländern. Mit Geld, mit Maschinen, mit Saatgut. Diese Hilfe musste bezahlt werden, mit Arbeit.

Systemwechsel. Für viele Läden in Ostdeutschland war nach der Wiedervereinigung Schluss. Foto: imago/Winfried Rothermel Vergrößern
Systemwechsel. Für viele Läden in Ostdeutschland war nach der Wiedervereinigung Schluss. © imago/Winfried Rothermel

Tausende vietnamesische Frauen und Männer schufteten in der Textilindustrie und anderswo. Sie wohnten in eigenen Plattenbauten, sie mussten einen großen Teil ihres Verdienstes dem heimatlichen Staat überlassen. Menschliche Verbindungen waren ihnen sogar untereinander verboten. Wer schwanger wurde, musste sofort ausreisen. Die meisten Deutschen wussten um diese Zustände nahe an der Zwangsarbeit. Wir nahmen es hin.

Unter uns allerdings entwickelte sich eine Kultur der Diskriminierung und der Herablassung gegenüber Schwächeren, Minderheiten. „Fidschi“, „Kanake“, „Neger“. Für all diese erniedrigenden Begriffe und ihre Wirkung gab es kaum ein Bewusstsein. Und ich höre sie bis heute im alltäglichen Sprachgebrauch.

Wer in die Archive steigt, findet auch reihenweise Belege für offen rassistische Übergriffe vor 1990. Die Täter waren meist enthemmte und gefrustete junge Männer. Der Staat hat sie kurzerhand von der Straße geholt, ansonsten schwiegen die Genossen darüber.

Natürlich sind die Ostdeutschen, sind wir, keine Nazis, die alles Fremde aus unserem Land tilgen und die demokratischen Strukturen aus den Angeln heben wollen. Wer so pauschalisiert, erntet noch mehr Distanzierung, noch mehr Wut. Man wird vielmehr zur Kenntnis nehmen müssen, dass sich viel angestaut hat in den „fünf neuen Bundesländern“. Persönliche Zurücksetzung, wirtschaftliche Ängste, der Staat auf dem Rückzug. Und dann kommt eine Kanzlerin, die im fernen Berlin entscheidet, Millionen von Leuten einzuladen und eine demokratische Abstimmung über diesen gravierenden Einschnitt in das Leben der Menschen für nicht nötig ansieht.

Wer die Not nicht erlebt hat...

In Rostock-Lichtenhagen sitzt an seinem Schreibtisch, nur ein paar Straßen entfernt vom Sonnenblumenhaus, Rainer Fabian. Ein ruhiger Mann, Mitte 60. Bis er in Rente geht, kümmert er sich um die Leute, die hierher, ins „Haus der Begegnung“ kommen, das das katholische Kolpingwerk seit Jahren betreibt. Früher war hier ein Kindergarten, aber so viele davon braucht man in Lichtenhagen nicht mehr. Jetzt gibt es Seniorensport, Kaffeetafeln und Tipps für die, die Behördenkauderwelsch nicht verstehen und Strafen fürchten, wenn sie auf den Brief vom Amt nicht reagieren.

Fabian ist einer, der die Sorgen der Leute versteht. „20 Euro können ganz schön viel Geld sein“, sagt er. Typische ostdeutsche Nachwendekarriere auch bei ihm: Betrieb pleite, Job gefunden, wieder pleite, ABM, dann endlich Sozialarbeit. Fabian kennt einige in der Nachbarschaft, deren Renten oder Verdienste so klein sind, dass sie sich Obst und Gemüse und Waschmittel von der „Tafel“ holen.

In den nächsten Jahren wird es wahrscheinlich von diesen Menschen nicht nur in Lichtenhagen viel mehr geben. Denn die Renten derer, die ihr Arbeitsleben größtenteils in der DDR verbrachten, mögen meist auskömmlich sein, vor allem die der Frauen, die zu fast hundert Prozent gearbeitet haben. Doch längst kommen auch die Jahrgänge ins Rentenalter, deren jährliche Bescheide wegen der langen Arbeitslosenzeiten und Minijobs in den Nachwendejahren keine Beträge mehr ausweisen, mit denen es sich im Alter leben lässt. Über die „Angst vor Konkurrenz mit den Flüchtlingen“, sagt Fabian, „können nur die den Kopf schütteln, die Not nicht erlebt haben“.

Er meint damit die Berufspolitiker mit ihren Diäten und die Besserverdienenden im Westen. Und wahrscheinlich auch mich: fester Job, Wohnung im teuren Prenzlauer Berg, Wende-Gewinnler. Was wissen wir eigentlich wirklich von den Nöten eines „Tafel“-Betreibers, dem Leute wie ich fehlende Moral vorwerfen, weil er Asylbewerber nicht mehr mit Lebensmitteln versorgen will?

Als der gewalttätige und gewaltbereite Mob von Lichtenhagen im August ’92 endlich vertrieben war, hat es nach langem Hin und Her Rücktritte von Verantwortlichen gegeben und auch einige Strafverfahren. Kleine Ahndungen, Jugendstrafen, Geldstrafen. Nichts, was wirklich weh getan, was abgeschreckt hätte.

Zwanzig Jahre später stand Joachim Gauck, Rostocker und Bundespräsident, auf der Wiese vor dem Sonnenblumenhaus und nannte das Geschehene ein „Kapitel des Bösen“, das sich nie wiederholen darf. Die Nachbarn, die seinerzeit applaudierten, sahen ihrem Staatsoberhaupt skeptisch aus ihren Fenstern zu. An Gespräche der örtlichen Politik mit ihnen kann sich der Sozialarbeiter Fabian nicht erinnern. Erst sehr viele Jahre nach den Ereignissen habe er mal versucht, die Leute dazu einzuladen. Es kam nur eine Handvoll. Es war wohl zu spät zum Reden.

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