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Kardinal Reinhard Marx verlässt nach seinem Pressestatement die Mikrofone und Kameras. Peter Kneffel/dpa
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Reaktionen auf Marx-Rücktrittsangebot „Ein außerordentlich wichtiges Zeichen“

Das Angebot des Kardinals stieß auf Respekt und Bedauern. Bei Kirche, Verbänden und Politik.

Das Rücktrittsangebot des Münchner Kardinals Reinhard Marx ist innerhalb und außerhalb der katholischen Kirche mit Respekt aufgenommen worden. Marx hatte Papst Franziskus gebeten, seinen Verzicht auf das Amt des Erzbischofs von München und Freising anzunehmen und über seine weitere Verwendung zu entscheiden. In einem Brief vom 21. Mai an den Heiligen Vater legte der Kardinal seine Gründe für diesen Schritt dar. Papst Franziskus teilte Kardinal Marx mit, dass dieses Schreiben nun veröffentlicht werden könne und dass der Kardinal bis zu einer Entscheidung seinen bischöflichen Dienst weiter ausüben solle.

In seinem Brief an den Papst schreibt Marx: „Im Kern geht es für mich darum, Mitverantwortung zu tragen für die Katastrophe des sexuellen Missbrauchs durch Amtsträger der Kirche in den vergangenen Jahrzehnten.“ Die Untersuchungen und Gutachten der zurückliegenden zehn Jahre zeigten für ihn durchgängig, dass es „viel persönliches Versagen und administrative Fehler“ gegeben habe, aber „eben auch institutionelles oder systemisches Versagen“. Auch Marx wird Fehlverhalten im Umgang mit möglichen Missbrauchsfällen vorgeworfen.

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Es sei seine „ganz persönliche Entscheidung“ gewesen, erklärte Marx. Diese habe er mit seinem Gewissen getroffen und nur mit einem kleinen Kreis beraten. Zugleich betonnte r : „Ich bin nicht amtsmüde, ich bin nicht demotiviert. Sicher nicht.“ Diese Gesellschaft brauche das christliche Evangelium, aber dazu brauche es auch eine Kirche, die sich immer wieder erneuere.

Mit seinem Schritt wolle er nicht auf andere Mitbrüder im bischöflichen Amt einwirken, so Marx. Jeder müsse seine Verantwortung auf seine Weise wahrnehmen; „da kann ich keinem Vorschriften machen und möchte es auch nicht“.

Der 1953 in Geseke/Westfalen geborene Marx gehört zu den international bekanntesten Vertretern des deutschen Episkopats. Er war ab 2001 Bischof von Trier und wurde 2007 zum Erzbischof von München und Freising ernannt. 2010 folgte die Erhebung zum Kardinal. Von 2012 bis 2018 war er Präsident der EU-Bischofskommission COMECE und von 2014 bis 2020 Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz. Seit 2014 ist er Koordinator des vatikanischen Wirtschaftsrates.

Das Rücktrittsgesuch des Kardinals stieß bei Vertretern von Kirche und Verbänden auf Respekt und Bedauern. Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Bischof Georg Bätzing, sagte, Marx habe für die Kirche in Deutschland und weltweit Wegweisendes geleistet. Er werde auch weiter gebraucht. Er sei sich mit Marx einig, dass die Kirche fundamentale Reformen statt „Schönheitsreparaturen“ brauche. Der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), Thomas Sternberg, zeigte sich „tief erschüttert“ und meinte: „Da geht der Falsche.“ Das bestätigte Bätzing im ZDF-Spezial (Freitagabend).

Der Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki betonte: „Ich habe großen Respekt vor der Entscheidung von Kardinal Marx, die er in diesen für die katholische Kirche schweren Zeiten als seine persönliche Konsequenz gezogen hat.“ Er selbst habe bereits im Dezember den Papst gebeten, die Aufarbeitung sexualisierter Gewalt im Erzbistum Köln sowie seine persönliche Verantwortung zu bewerten. Damit habe er sein Schicksal „vertrauensvoll in die Hände des Papstes gegeben“.

Der Trierer Bischof Stephan Ackermann, der auch Missbrauchsbeauftragter der Bischofskonferenz ist, sieht in dem Rücktrittsangebot eine Aufforderung an andere Geistliche. „Es ist offensichtlich, dass sein Schritt erneut alle deutschen Bischöfe herausfordert, sich mit der Frage nach der Verantwortungsübernahme und dem Angebot eines Rücktritts auseinanderzusetzen“. Ihm selbst sei diese Frage auch nicht fremd.

Kardinal Reinhard Marx ist auch Erzbischof von München und Freising. Peter Kneffel/dpa Vergrößern
Kardinal Reinhard Marx ist auch Erzbischof von München und Freising. © Peter Kneffel/dpa

Der Osnabrücker Bischof Franz-Josef Bode erklärte: „Dieser Schritt wird, weil der Kardinal so eine wichtige Figur in der Kirche in Deutschland ist, seine Wirkung haben.“ Für Erneuerung brauche es starke Menschen. Die Kirche befinde sich an einem Wendepunkt, kein Stein werde auf dem anderen bleiben, so Bode. Der Augsburger Bischof Bertram Meier sieht ein „Ausrufe- und Fragezeichen zugleich“. Der „Augsburger Allgemeinen“ sagte er: „Ausrufezeichen: Bemüht euch auf dem Weg der geistlichen Erneuerung voranzuschreiten! Fragezeichen: Inwieweit gelingt es uns, angesichts der zahlreichen Herausforderungen, vor denen die Kirche in Deutschland steht, die Einheit zu wahren.“

Der deutsche Kinderschutz-Experte Hans Zollner von der Päpstlichen Gregoriana-Universität in Rom bezeichnete Marx' Angebot als „ein außerordentlich wichtiges Zeichen, das große Hochachtung verdient“. Dieser zeige damit, „dass die Botschaft und die Glaubwürdigkeit der Kirche und ihrer Amtsträger wichtiger sind als die persönliche Stellung“. Der Sprecher der Betroffeneninitiative „Eckiger Tisch“, Matthias Katsch, sagte, er habe Marx als einen Geistlichen erlebt, „der bereit war zuzuhören“. Marx habe verstanden, dass man nur durch eine Übernahme von Verantwortung einen Neuanfang machen könne.

Die Katholische Frauengemeinschaft Deutschlands (kfd) bekundete zwar ebenfalls Respekt. „Wir sagen aber auch ganz klar: Kardinal Marx hat seine Mitverantwortung an den Vorgängen des Missbrauchs und der Vertuschung in der katholischen Kirche eingeräumt; deshalb ist sein Rücktritt der richtige Schritt“, sagte die kfd-Bundesvorsitzende Mechthild Heil.

Auch aus der Bundespolitik gab es Stimmen. So erklärte der religionspolitische Sprecher der FDP-Fraktion, Benjamin Strasser, das Gesuch könne ein Weckruf sein. Es könne die Zielsetzung und Gestaltung der weiteren Aufarbeitung auslösen. Der Religionsbeauftragte der SPD, Lars Castellucci, äußerte sich ebenfalls. Ein Rücktritt sei „respektabel, vielleicht unausweichlich, allerdings auch sicher keine Lösung“. Wichtiger seien Aufklärung und Aufarbeitung.

Der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, Johannes-Wilhelm Rörig, bekundete seinerseits Respekt. Dieser Schritt zeige die Dimension und die Verwerfungen auf, zu denen das Bekanntwerden von Kindesmissbrauch in den eigenen Reihen geführt habe.Der Leiter des Sozialinstituts „Kommende Dortmund“, Peter Klasvogt, erklärte, der Kardinal sei kein „Betonkopf und kein Hardliner“. Er sei „in seinem Glauben angefochten angesichts des unfassbaren Leids“. (kna)

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