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Nicht beschweren, nicht kommentieren - das war bisher das Motto von Queen Elizabeth II. Foto: dpa
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Reaktion des britischen Königshauses Schweigen ist kein Zeichen von Stärke mehr

Nach den Anschuldigungen von Meghan und Harry erwarteten viele eine Antwort. Dennoch ist erstaunlich, dass die Queen sich äußert. Ein Kommentar.

Zwei Tage haben sie im Palast gebraucht, um sich nach dem verstörenden Interview mit den abtrünnigen Sussexes auf immerhin vier Sätze zu einigen, die unter anderem besagen: die angesprochenen Fragen seien besorgniserregend – fortan würden sie in der Familie unter vier Augen besprochen.

Was soviel heißt wie: Jetzt hören wir aber mal auf, uns in der Öffentlichkeit Vorwürfe zu machen!

Schweigen war lange Jahre ein natürlicher Komplize der Macht – und die beste Strategie für die britische Krone. Wer zu etwas schweigt, ist auf keiner der Seiten, die sich ja morgen schon wieder als die falsche erweisen könnten. Und gehen nicht ohnehin die meisten Probleme, verglichen mit Bestand und Bedeutung der britischen Monarchie, schließlich irgendwann von allein wieder weg?

Doch nachdem Meghan und Harry dem Palast im Interview mit Oprah Winfrey Rassismus und Untätigkeit bei Selbstmordgedanken vorgeworfen haben, ist das anders. Eine Antwort wurde erwartet.

Es ist nicht mehr heroisch, Demütigungen zu ertragen

Denn Schweigen wird nicht mehr automatisch als Stärke verstanden, und das Reden über Ungerechtigkeiten auch nicht als Schwäche. Im Gegenteil: Schweigesysteme, in denen es als heroisch gilt, Demütigungen zu ertragen, sind am Ende.

In den vergangenen Jahren bröckelten zahlreiche, etablierte Schweigesysteme weltweit: die katholische Kirche mit ihren über Jahrzehnte beschwiegenen Missbrauchsfällen, die amerikanische Filmindustrie mit ihrem scheinbar serienmäßig eingebauten Weinstein-Sexismus, und zuletzt das französische Intellektuellen-Milieu in Paris-St. Germain nach einem Inzest-Skandal um den mächtigen Olivier Duhamel. Es stellt sich raus: Die ganze Szene wusste davon, aber fast alle hatten sich wortlos zu Komplizen gemacht.

Elternhaus als toxisches Schweigesystem

Im Interview hat Harry sein erweitertes Elternhaus wie eines dieser toxischen Schweigesysteme beschrieben, in denen Probleme jeglicher Art ausgiebig ignoriert werden. Er malte das Bild einer Familie, deren Mitglieder sich gegenseitig im Regen stehen lassen: Die offiziellen Stellen verweigern Hilfe für psychische Probleme seiner Frau, keine Rückendeckung für Angriffe der Presse, der Vater geht nicht ans Telefon. Fast hätte man Meghan, so stellt Harry es dar, im wahrsten Sinne des Wortes totgeschwiegen.

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Doch viele Briten, im Verdrängen versiert, sahen während des Interviews nur zwei Privilegierte, die weinerlich im Garten eines befreundeten Millionärs in dicken, weißen Kissen saßen und aus sicherer Entfernung den Palast mit Dreck bewarfen: Harry und seine Drama-Queen, die nicht bereit waren, den Preis für ihre Privilegien zu zahlen, von dem schließlich jeder wisse, dass er bei Heirat fällig werde: Don’t crack under pressure! Ist es zu stark, bist Du zu schwach! Beide, glaubt die Hälfte der Briten, hätten der Queen persönlich und der Monarchie im Ganzen großen Schaden zugefügt.

In den USA ist Reden heroischer als Schweigen

Doch drüben in der Neuen Welt ist Reden heroischer als Schweigen. Viele Amerikaner applaudieren also zwei Menschen, die sich aus einem absurd verkrusteten System befreiten: Meghan wird gelobt, weil sie über Selbstmordgedanken sprach, sogar von der Sprecherin des Weißen Hauses, Jen Psaki. Das Schweigen als vornehme Haltung hat seine Unschuld verloren. Und ist nicht „kein Kommentar“ oft der Kommentar derjenigen, die glauben, sich niemandem gegenüber rechtfertigen zu müssen?

Nun kann man „gegen“ den Palast sein, und noch immer „für“ die Queen. So wie weiter an Gott glauben kann, auch wer von seinen irdischen Vertretern Unrecht erfahren hat. Das gelingt erstaunlich vielen Leuten. Die beiden Abtrünnigen haben sich sehr bemüht, die „Firma“ in diesem Sinne von der Person der Queen zu trennen: Sie persönlich sei immer gut zu ihr gewesen, bleibe immer sein „Chief Commander“, sagte Harry.

Und die Queen selbst? Der Mantel des Schweigens stand ihr lange sehr gut. Er umgibt sie mit einer Aura von Stoizismus und Pflichterfüllung, Leidensfähigkeit und Härte, die sie bekanntlich auch gegen sich selbst anwendet. Das nötigt vielen Respekt ab. Doch ein Machtinstrument ist das Schweigen nicht mehr.

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