Illustration: Martha von Maydell, mvmpapercuts.com
© Illustration: Martha von Maydell, mvmpapercuts.com

Rassismus in Deutschland Ihr Linken seid genauso ausgrenzend wie die Rechten!

Cigdem Toprak

Diskriminierung von Migranten kommt auch von den vermeintlich antirassistischen Linken, die dafür aber blind sind. Das erleben zu müssen, macht stumm. Ein Essay.

Cigdem Toprak ist Journalistin und Autorin. Gerade ist ihr Buch „Das ist auch unser Land! Warum Deutschsein mehr als deutsch sein ist“ (Chr. Links Verlag) erschienen.

Als mich eine türkische Bekannte in Istanbuls Künstlerviertel Cihangir im September 2014 in unserem Stammcafé fragte, wo ich die letzten Wochen gewesen sei, sagte ich: Im Urlaub. „Und wo?“, fragte sie. Ich sagte: In Erzincan. Sie lachte laut auf und sagte zu ihrem Freund: „Gibt es dort überhaupt ein Meer?“ 

Sie, eine westliche Türkin aus Antalya, angehende Schauspielerin, die einen internationalen Lebensstil in Istanbul lebte, machte sich darüber lustig, dass ich als Deutschtürkin das Wort „tatil“ (deutsch: Urlaub) anscheinend nicht verstanden hatte. Damit ist vorrangig Strandurlaub gemeint.

Aber sie machte sich auch lustig darüber, dass ich in Ostanatolien gewesen bin. Nach ihrer Weltanschauung verbrachte man die Sommerwochen auf Beach-Club-Parties in Cesme an der Ägäis, nicht in Lehmhäusern in den Bergen Ostanatoliens.

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Es war eine Herabwürdigung – die ich als Deutschtürkin mit ostanatolischen Wurzeln gleich doppelt spüren sollte. Was sie machte, war so offensichtlich, dass ihr Freund, als sie nicht aufhören wollte, darauf herumzureiten, sagte: „Okay, es reicht jetzt, du weißt ganz genau, was sie meint.“ Er schüttelte seinen Kopf über ihr Verhalten, so wie ich und alle anderen, denen ich das erzählt habe.

Herabwürdigungen, wo man es am wenigsten erwartet

Ihr Kommentar hat mich verletzt, aber ich stand ihm nicht ohnmächtig gegenüber. Denn ich weiß: Sie geht nicht auf Demonstrationen für den Erhalt von Hasankeyf, der antiken Stadtfestung in der Provinz Batman, die von der türkischen Regierung für einen Staudamm unter Wasser gesetzt werden soll. Sie twittert nicht, wie arrogant und ausgrenzend die kemalistische Elite sein kann. Sie gibt nicht vor, etwas zu sein, was sie nicht ist. Sie ist nicht links, sie ist politisch nicht aktiv.

Herabwürdigung, Arroganz, Ausgrenzung und Rassismus dagegen dort anzutreffen, wo man das am wenigsten erwartet – das erlebe ich in meiner deutschen Heimat, seit ich denken kann: bei den politischen Linken. Es geschieht sowohl in meinem persönlichen Beziehungen als auch in meinem beruflichen Umfeld. Und es erschwerte mir lange das Leben, es machte mich machtlos, weil man versuchte, mich davon zu überzeugen, dass mit allen alles stimme, nur mit mir nicht – politisch, sozial und auch persönlich.

Dies ist kein Linken-Bashing. Wenn ich mich zwischen rechts und links entscheiden müsste, dann wäre ich links. Meine Familie definierte sich immer politisch links. Ich habe Verwandte in der Türkei, die der linken Studentenbewegung angehörten. Und ich kenne viele Menschen, die links sind und die sich in Gesprächen über die Doppelmoral vieler ihrer Genossen den Kopf zerbrechen. 

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Ich merke aber, dass ihre Enttäuschung über ihr politisches Lager sie sich davon distanzieren lässt – weil auch sie, so empfinde ich es, sich nicht in der Lage fühlen, die Linken wachzurütteln. Dass sie mal aus ihrem Traum aufwachen, dass sie alle und stets menschlich, gut und korrekt seien. Und dabei übersehen, wie unmenschlich, wie böse und wie inkorrekt auch sie sein können.

Auch Linke reduzieren Menschen auf ihre Herkunft

Die politisch Linken sind nicht besser als das, wogegen sie zu kämpfen glauben. Auch sie reduzieren Menschen auf ihre Herkunft, auch sie diskriminieren, auch sie vertreten einen Klassismus, gerade weil sie die Identitätspolitik der Klassenfrage vorziehen, und auch unter ihnen herrscht ein unglaublicher kultureller Rassismus.

Wenn ich an die AfD, an Rechtspopulismus und -extremismus denke, fallen mir sofort die ganzen Stimmen ein, die sie heftig kritisieren. Einen Moment lang bin ich erleichtert, dass es eine starke Bewegung in Deutschland gibt, die für Menschen wie mich kämpft. 

Die Erleichterung dauert aber nur eine Sekunde, denn dann fallen mir all die Erlebnisse in meinem Leben ein, die mir sagen: Nein, sie kämpfen nicht für Menschen mit Migrationshintergrund, wenn sie die AfD oder Polizeigewalt gegen Menschen mit nicht-deutschen Wurzeln kritisieren. Sie kämpfen für sich.

Der Vorwurf, als Türkin die Kurden zu unterdrücken

Warum sonst habe ich Ausgrenzung, Arroganz und kulturellen Rassismus von Menschen, die sich links verstehen, erleben müssen? Mein linker Klassenlehrer nannte mich nicht weniger Ausländerin als alle anderen auch, und er warf mir zudem vor, dass „wir“ (dabei gehöre ich selbst den alevitischen Zazas an) in der Türkei die Kurden unterdrückten. 

Eine deutsche Kommilitonin in London, die an ihrem Rucksack einen Anstecker mit der Aufschrift „Kein Mensch ist illegal“ hatte, ignorierte mich das ganze Studienjahr über. Ein linker Journalist sagte über mein Studium am King’s College London, dass ich meinem Milieu entflohen sei.

Ich sehe aus wie ein Mädchen von der Straße, unfähig, intellektuell zu sein

An einer Universität übten meine Chefinnen ihre Macht aus und missbrauchten sie, als sie merkten, dass ich andere politische Ansichten habe als sie, obwohl eine von ihnen die Sekretärin anfangs noch laut anfuhr, weil die meinen Vornamen, aus Unwissenheit, falsch aussprach. 

Und auch im Journalismus merke ich, dass ich von linksliberalen Medien lieber gemieden werde, weil ich anders denke, anders spreche und anders aussehe als sie. Und dabei geht es nicht um meine dunklen Haare und braunen Augen, sondern um meine stark geschminkten Augen, meine Creolen und meine Lederjacke. Ich sehe aus wie ein Mädchen von der Straße, unfähig, intellektuell zu sein.

Ach viele Linke sind rassistisch

Und ja, auch viele Linke sind rassistisch. Das habe ich wieder und immer wieder erleben müssen. Es ist ein kultureller Rassismus, der sich daran bemerkbar macht, wie sie mit dem „Anderen“ umgehen. Auch viele von ihnen grenzen Anderes aus, sehen es als minderwertig an, wollen über das herrschen, was nicht so ist wie sie.

Gerade da, wo es den Konsens in unserer Gesellschaft gibt, dass Rassismus ein No-Go ist, beginnen die Sätze vieler Rechter mit der altbekannten Floskel: „Ich bin kein Rassist, aber...“. Und auch die Linken verstecken ihren Rassismus, aber es funktioniert bei ihnen geschickter, denn sie sagen: „Ich bin Antirassist, deshalb kann ich kein Rassist sein.“ So wird es immer schwieriger, Rassismus zu entlarven.

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Jan Böhmermann, der zwar kein Linken-Politiker ist, aber einer der prominenten Gegner der politischen Rechten und finanziert von unser aller Rundfunkgebühren, beleidigt den türkischen Staatspräsidenten rassistisch und will uns weismachen, dass er damit die Rechte der Kurden, Journalisten und Unterdrückten in der Türkei verteidigt, dabei verfolgt er damit eigentlich nur seine eigenen Ziele.

Denn die Probleme von Menschen mit Migrationshintergrund sind für ihn wie auch für viele der Linken nur Hilfsmittel für ihre politischen Ideologien, oder sie dienen ihnen zu ihrer Profilierung. Der Populismus der Linken von heute erhofft sich keine hohen Wahlergebnisse, sondern Likes und Retweets – und damit das höchste Gut und das stärkste Machtinstrument unseres digitalen Zeitalters, die Aufmerksamkeit.

Die Menschen, für die sie zu sprechen vorgeben, sind nur Mittel zum Zweck

Das Gefährliche an vielen Linken ist: Die vermeintlichen Opfer, für die sie zu sprechen versuchen, Schwache und Menschen mit Migrationshintergrund, werden von ihnen dehumanisiert. Sie werden wie Objekte und nicht wie Menschen behandelt. Und auch ihre politischen Gegner sind in ihren Augen keine Individuen, sondern Feindbilder. All diese Konfliktlinien, all diese Probleme, die in unserer Gesellschaft existieren und die wir nur bei den Rechten zu sehen glauben, machen also keinen Bogen um die politisch Linken.

Es geht aber nicht nur darum, zu sagen, dass Rassismus überall zu finden ist, sondern auch darum, dass die Linken dieses Thema für sich beanspruchen und instrumentalisieren und dann noch meinen, die Helden von Menschen mit Migrationsgeschichte in Deutschland zu sein – also von Menschen wie mir. Meine Helden sind sie nicht, das waren sie nie.

Sie glauben, für mich sprechen zu können

Gleichzeitig aber glauben sie, dass sie für mich sprechen könnten, sich für meine Rechte einsetzen – und sie glauben, dass man von meiner Identität, einer von vielen Identitäten, die ich habe, meine politischen Ansichten ableiten könnte.

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Dabei sind die Ansichten von Menschen mit Migrationshintergrund viel differenzierter und komplexer als das, was die politisch Linken als die eine Wahrheit in die öffentliche Debatte über Ausgrenzung und Anerkennung einzuschleusen versuchen. Sowohl in meinem persönlichen Umfeld als auch in meiner journalistischen Arbeit beobachte und erfahre ich das immer wieder.

Nicht alle Menschen mit Migrationshintergrund stören sich an der Frage „Woher kommst Du?“, nicht alle in den Communities wollen auch als „Deutsche“ gesehen werden, und nicht alle von ihnen sehen dieses Land als durch und durch rassistisch an. Ihre Meinungen über ihre Erfahrungen und Probleme hierzulande sind nicht ideologisch motiviert. Sie sind gesellschaftskritisch. Kritischer als die Linken.

Das Böse dort anzutreffen, wo man es nicht erwartet hat, macht einen stumm

Warum dieser Text hier sich an die Linken und nicht an die Rechten richtet?

Weil Menschlichkeit, Toleranz, Respekt und Anerkennung keine Maxime eines politischen Lagers sind. Sie sind universell und zeigen sich, offenbaren sich immer dann, wenn man auf einen vermeintlich „Anderen“ trifft. Und gegenüber „Anderen“ sind viele Linke alles andere als tolerant und respektvoll. Sie können autoritär, ausgrenzend, arrogant und gewalttätig sein. 

Das Böse aber dort anzutreffen, wo man es am wenigsten erwartet, das lässt einen stumm werden, gerade wenn man sich am lautesten wehren sollte. Es ist auch deshalb wichtig, dies aufzuschreiben, denn ich hatte Diskriminierung und Arroganz dort am wenigsten vermutet – bei den Linken.

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