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Nur Verlierer:innen: Im Prozess Amber Head gegen Jonny Depp. Foto: Jim Lo Scalzo/REUTERS
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Prozess Amber Heard gegen Jonny Depp In den sozialen Medien tobt der Mob - und richtet noch immer die Frau

Max Tholl

Trotz Metoo-Bewegung ist es nicht leichter geworden, sexuelle Gewalt öffentlich zu machen. In diesem Prozess gibt es nur Verlierer:innen. Eine Kolumne.

Es sind grausige und verstörende Anschuldigungen, die Amber Heard unter Tränen im Gerichtssaal im US-Bundesstaat Virginia äußerte. Details einer Ehe, die scheinbar von physischer und psychischer Gewalt geprägt war. Seit Wochen läuft der viel diskutierte Prozess zwischen der Schauspielerin und ihrem Ex-Mann, Hollywoodstar Johnny Depp.

Dieser verklagt Heard wegen Verleumdung auf 50 Millionen Dollar Schadensersatz und behauptet, die Aggressionen seien von ihr ausgegangen. Heard wiederum hat Gegenklage wegen „ungezügelter physischer Gewalt“ eingereicht.

2018 hatte die Schauspielerin in der „Washington Post“ einen Beitrag verfasst, in dem sie ihre Erfahrung als Betroffene von sexueller Gewalt schilderte. Für ihr Anprangern, habe sie als Reaktion den „Zorn unserer Kultur“ zu spüren bekommen, schrieb Heard. Die öffentliche Reaktion auf den Prozess zeigt nun, dass sich daran vier Jahre später nicht viel verändert hat. Vielmehr werden altbekannte Muster bestätigt und gefördert.

Depps Fanlager macht vor Todesdrohungen nicht halt

Im Prozess wurde noch kein Urteil gefällt, in den sozialen Medien hingegen schon. Vor allem Amber Heard wird als psychisch kranke Lügnerin dargestellt, die sich nur in die Rolle des Opfers begibt, um daraus Profit zu ziehen. Depps Fanlager macht auch vor Hassnachrichten und Todesdrohungen nicht halt.

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Ausschnitte des Prozesses, der live im Fernsehen übertragen wird, fluten als geschmacklose Memes die sozialen Medien, in denen sich Hashtags wie #JusticeforJohnny millionenfach verbreiten.

Unter dem Scheinwerferlicht der Öffentlichkeit wird der Prozess als Hollywood-Rosenkrieg voyeuristisch ausgeschlachtet und avanciert so zu einer Reality-Seifenoper, die viel über den gesellschaftlichen Umgang mit häuslicher und sexueller Gewalt verrät. Die MeToo-Bewegung hat gezeigt, wie allgegenwärtig diese ist, aber ist es für Betroffene einfacher geworden, ihre Erfahrungen öffentlich zu machen?

Die feindselige Mobmentalität, mit der auf diesen Rechtsstreit reagiert wird, lässt daran zweifeln und nährt misogyne Rachemythen: die gekränkte Frau gegen den erfolgreichen Mann. Gerade wegen der großen medialen Aufmerksamkeit hätte dieser Prozess zu mehr gesellschaftlicher Sensibilisierung für sexuelle und häusliche Gewalt führen können, stattdessen retraumatisiert er womöglich Betroffene und zementiert somit das Schweigen. Ein fatales Signal.

In diesem aufgeheizten Klima ist es fast unmöglich, den Diskurs mit der nötigen Feinfühligkeit voranzutreiben. Vielmehr zeigt sich, wie groß die Hürden immer noch sind, auf wie viel Hass, Häme und Unglauben Betroffene sich oftmals einstellen müssen. Wenn eine Frau öffentlich von ihrer Pein und Todesangst berichtet, geht es immer auch um das strukturelle Problem dahinter, das nicht von der Hand zu weisen ist und den nötigen Respekt verdient.

Noch vor Urteilsverkündung Heard ihr Leid reflexhaft abzusprechen und ihre Glaubhaftigkeit prinzipiell anzuzweifeln, zeugt nicht von einer Gesellschaft, die es verinnerlicht hat zuzuhören, ohne direkt zu verurteilen. Wer diesen Prozess gewinnt, muss die Justiz entscheiden. Es scheint aber, als könne es hier nur Verlierer:innen geben. Im Gerichtssaal – und außerhalb.

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