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Widerstand. Demonstranten haben am Wochenende eine Barrikade errichtet, um den Weg nach Cetinje zu versperren. Foto: Savo Preljevic/AFP
© Savo Preljevic/AFP

Protest in Montenegro Weihrauch und Tränengas

Der Protest um einen serbischen Kirchenfürsten eskaliert – doch der Konflikt reicht tiefer. Es geht um den Führungsanspruch Belgrads.

Mächtige Bagger räumten am Montag die Steine und ausgebrannten Gummireifen der verlassenen Barrikaden. Doch die Folgen der heftigen Krawalle bei der Amtseinsetzung des neuen Metropoliten Joanikije der Serbisch-Orthodoxen Kirche (SPC) im montenegrinischen Cetinje erschüttern nicht nur das Land der Schwarzen Berge, sondern hallen auch im benachbarten Serbien noch immer nach.

Von einem von Staatschef Milo Djukanovic gesteuerten „Putschversuch“ sprechen aufgebracht Regierungspolitiker in Montenegros Hauptstadt Podgorica. Dessen oppositionelle DPS habe mit den von ihr angezettelten Protesten keineswegs Staatsinteressen, sondern „ihre von den Bürgern geklauten Milliarden, Tonnen an Kokain und Zigaretten verteidigt“, so Milos Konatar, der Fraktionschef der mitregierenden URA.

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Als „Schande für die SPC und Montenegros Regierung“ bewertete hingegen Präsident Djukanovic die bürgerkriegsähnlichen Szenen bei der Amtseinführung des Kirchenfürsten. Nur mit dem „brutalen Missbrauch staatlicher Ressourcen“ und „völlig unangebrachter Gewaltanwendung“ gegen friedliche Demonstranten habe die Regierung „gegen den Willen der Bürger“ die Abhaltung der Zeremonie abgesichert und einen Phyrrusieg errungen.

Molotow-Cocktails und Steine flogen: Schwere Tränengasschwaden raubten den Menschen am Sonntag in dem sonst so beschaulichen Cetinje den Atem. Nur per Helikopter, hinter einer kugelsicheren Decke und unter dem Schutz von schwer bewaffneten Einsatzkräften vermochte der 62-jährige Joanikije zu seiner Inthronisierung in der von den Gegendemonstranten abgeriegelten Fürstenresidenz gelangen.

Starke Bindung an die serbische Kirche

Die von der oppositionellen DPS unterstützten Protestkomitees warfen der Kirche die „Okkupation“ des Nachbarlandes sowie die „Entweihung montenegrinischer Heiligtümer“ durch die Zeremonie vor. Wie die serbische Kirche stelle auch Serbien durch eine „Politik des großserbischen Nationalismus“ Montenegros Kultur, Identität und Eigenstaatlichkeit in Frage.

Zwar macht die starke serbische Minderheit in Montenegro nur ein knappes Drittel der Bevölkerung aus. Doch eine deutliche Mehrheit der Gläubigen in dem 620 000 Seelen zählenden Küstenstaat fühlt sich der SPC statt der 1993 von ihr abgespaltenen Montenegrinisch-Orthodoxen Kirche zugehörig. Die Spannungen in Montenegros vermeintlich ethnisch motivierten Kirchenkampf, bei dem auch Belgrad kräftig mitmischt, sind aber weniger religiös, sondern vor allem politisch gespeist.

Jahrzehntelang teilte Dauerregent Djukanovic in dem für Korruption, Auftragsmorde und einflussreiche Narko-Clans berüchtigten Kleinstaat nahezu ungestört die Karten aus. Vor Jahresfrist verlor seine DPS indes erstmals die Parlamentswahl und wurde in die Opposition verbannt. Außer dem Verlust der Macht machen der DPS auch die anlaufenden Justizermittlungen gegen die Mafiamachenschaften in ihrem Dunstkreis zu schaffen.

Schutzherr aller Serben

Nicht nur Regierungspolitiker, sondern auch unabhängige Analysten werfen Djukanovic vor, die Einsetzung von Joanikije nur als Vorwand genutzt zu haben, um das Land zu destabilisieren und die labile Regierungskoalition in Podgorica weiter unter Druck zu setzen.

Kräftig Öl ins Feuer gegossen hatte in den letzten Wochen aber auch Serbiens regierungsnahe Boulevardpresse. Die werfen Belgrader Postillen Montenegros Premier Zdravko Krvokapic den „Verrat“ an der Kirche vor. Regierungskritische Analysten in Belgrad argwöhnen, dass auch Serbiens allgewaltigen Präsident Aleksandar Vucic insgeheim an instabilen Verhältnissen im Nachbarland gelegen sei. Einerseits könne er mit ihnen von Missständen im eigenen Land ablenken, andererseits könne er seine Lieblingsrolle als Schutzherr aller Serben in der Region spielen.

Hinter den Krawallen in Cetinje wittert Serbiens nationalpopulistischer Präsident denn auch den Versuch, „Serbien zu schwächen“ und „die serbische Kirche auzulöschen“: „Das, was heute dem serbischen Volk in Montenegro geschieht, ist das, was den Serben in den 90-er Jahre in Kroatien passierte“, behauptet Vucic.

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