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Eine Testcenter-Mitarbeiterin in Norddeich nimmt einen Abstrich. Foto: Hauke-Christian Dittrich/dpa
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Pro und Contra kostenloses Testen Sollen Corona-Tests gratis bleiben?

Vor dem Bund-Länder-Gipfel an diesem Dienstag streitet die Politik über einen Strategiewechsel. Und ebenso unsere Redaktion.

Sobald im Herbst alle Bürgerinnen und Bürger ein Impfangebot bekommen haben, könnten die kostenlosen Corona-Schnelltests wegfallen. Das haben mehrere Länderchefs schon offen gefordert. Und auch die CDU-Spitze ist dafür. Wäre diese Entscheidung richtig? Ein Pro und Contra aus der Tagesspiegel-Redaktion:

Wenn es kostet, werden sich weniger testen lassen. Das schadet allen

Ein Pro von Malte Lehming.
Corona-Schnelltests sind eine Momentaufnahme. Sie schützen nicht vor einer Infektion. Auch bei einem negativen Ergebnis sollten sich Menschen an die Abstands- und Hygieneregeln halten. Insbesondere bei der Delta-Variante sind einige Verfahren außerdem nicht sehr treffgenau.

Allerdings können Infizierte mit einer sehr hohen Viruslast – sogenannte „Superspreader“ – mit einem Schnelltest recht zuverlässig erkannt werden. Im Vergleich zu den PCR-Tests, die die Erbsubstanz von Sars-CoV-2 nachweisen, sind Corona-Antigentests einfach, kostengünstig und praktisch, weil das Ergebnis direkt vor Ort ermittelt werden kann.

Vor allem aber sind sie sinnvoll. Grundsätzlich gilt in einer Pandemie: Je mehr Menschen getestet werden, desto besser. Denn je umfangreicher die Informationen über die Verbreitung der Krankheit, desto gezielter kann sie bekämpft werden. Nur Tests helfen, Infektionsketten zu erkennen und zu unterbrechen.

Testen, testen, testen: Das klingt zwar wie ein Mantra, ist aber unerlässlich, solange die Bevölkerung eines Landes nicht in ausreichendem Maße genesen ist oder vollständig geimpft wurde. Die Deutschen sind noch weit von einer Herdenimmunität entfernt.

Nun wird darüber nachgedacht, die Schnelltests kostenpflichtig zu machen. Der Staat soll finanziell entlastet werden. Als Nebeneffekt soll der Druck auf Ungeimpfte erhöht werden, sich impfen zu lassen. Die Befürworter fragen: Warum sollen die „Vernünftigen“ sich an den Kosten beteiligen, die die „Unvernünftigen“ verursachen? Hingewiesen wird auch auf den massenhaften Betrug, den es vielerorts bei der Abrechnung von Schnelltests gegeben hatte.

Doch die Erfahrung lehrt: Würden Schnelltests kostenpflichtig, würden sich weniger Menschen testen lassen – sei es aus Trotz gegenüber als anmaßend empfundenen staatlichen Regularien oder sei es, weil sie arm sind. Weniger Tests aber heißt: weniger Informationen über die Ausbreitung der Krankheit, weniger Möglichkeiten, Informationsketten zu unterbrechen.

Das zu riskieren, ist in einer Zeit steigender Inzidenzen schlicht fahrlässig. Beim Testen zu sparen, wird sich bald durch höhere Arzt- und Behandlungskosten rächen. Bedacht werden muss ebenfalls die Möglichkeit, dass auch vollständig Geimpfte sich infizieren und ansteckend sein können.

Hinzu kommt: Wer als Ungeimpfter künftig bestimmte Rechte in Anspruch nehmen oder Alltagsdinge verrichten möchte – vom Konzert- über den Museums- bis zum Restaurantbesuch –, muss dafür bezahlen. Das aber privilegiert Geimpfte und Genesene gegenüber negativ Getesteten in einem Maß, das den Begriff einer Zweiklassengesellschaft rechtfertigt.

Ein Teil der Bevölkerung will sich partout nicht impfen lassen. Die Gründe dafür mögen noch so schlecht und egoistisch sein, aber die Annahme, weiterer Druck auf diese Menschen werde sie einsichtig machen, ist naiv. Weitaus wahrscheinlicher ist ihre weitere Radikalisierung. Daran dürfte die Politik kein Interesse haben.

Antigen-Schnelltests kostenpflichtig zu machen, wäre daher doppelt falsch. Zum einen würde der Kampf gegen die Pandemie erschwert, zum anderen die gesellschaftliche Spaltung vertieft.

Das Corona-Testzentrum am Berliner Flughafen. Foto: dpa/ Fabian Sommer Vergrößern
Das Corona-Testzentrum am Berliner Flughafen. © dpa/ Fabian Sommer

Wer sich nicht impfen lassen will, soll die Tests selbst bezahlen

Ein Contra von Christoph von Marschall.
Es gab eine Zeit, da hatte das staatliche Angebot kostenloser Corona-Tests trotz all seiner Schwachstellen einen Sinn: solange es nicht genug Impfangebote gab, aber für weite Bereiche des öffentlichen Lebens die Formel „3 G“ galt. Man musste geimpft, getestet oder genesen sein. Diese Phase ist vorbei.

„3 G“ bleibt natürlich. Aber dass Bürger sich nicht impfen lassen können, ist zur Ausnahme geworden. Generelle Vorgaben sollten sich jedoch nicht nach der Ausnahme, sondern nach dem Regelfall richten. Staat und Gesellschaft haben das Ziel, dass möglichst viele sich impfen lassen und niemand die Ausrede hat, es gehe dank kostenloser Tests auch ohne. Für die Fälle, in denen gute Gründe, etwa medizinische, gegen die Impfung sprechen, finden sich Lösungen.

Zudem verstärkt die Bilanz der kostenlosen Corona-Tests die Zweifel am Nutzen der Aktion. Sie haben geholfen, die Wirtschaft wieder zum Laufen zu bringen, als nicht genug Impfstoff zur Verfügung stand; aber zugleich den Staat mal wieder als Dummkopf dastehen lassen, den man betrügerisch abzocken kann. Einen „niedrigen bis mittleren dreistelligen Millionenbetrag“ hatte der Bund aufgrund internationaler Vergleiche mit solchen Programmen für 2021 eingeplant. Ende Juli waren bereits 3,7 Milliarden Euro zusammengekommen, rund das Zehnfache. Testzentren waren Gelddruckmaschinen.

Da ist wohl wesentlich mehr abgerechnet als getestet worden. Es sind auch kaum positive Fälle herausgefiltert worden. Und von den wenigen war ein Drittel falsch positiv. Das relativiert die Warnung, es würden gefährlich viele Erkrankte unentdeckt bleiben, wenn die kostenlosen Tests enden.

Warum soll man fortsetzen, was präventiv wenig gebracht hat, Milliarden kostet, zum Betrug einlädt und das Ziel konterkariert, dass sich möglichst viele impfen lassen?

Das Ende des kostenlosen Testens wäre ein generell wichtiges Signal an die Gesellschaft: Wir alle müssen uns innerlich umstellen auf einen nachhaltigen Umgang mit der Pandemie, auf einen Alltag mit Covid-Risiko. Der beste Schutz ist selbstverantwortliches Handeln – ähnlich wie sonst im Alltag, vom Radfahren bis zu den wiederkehrenden Grippewellen. Es ist eine Illusion, dass ein allmächtiger, für alles sorgender Staat uns von allen Gefahren freistellen kann.

Sich impfen zu lassen, ist im Regelfall zumutbar. Wer das aus medizinischen Gründen nicht kann, erhält eine ärztliche Bescheinigung und kann sich von den Testkosten freistellen lassen. Wer die Impfung ohne zwingende Gründe ablehnt, soll für seine Tests zahlen. Die Situationen, in denen sie als Ersatz für die fehlende Impfung verlangt werden, sind ohnehin begrenzt und betreffen zum Großteil Vergnügungen, für die Menschen gern bereit sind, Geld auszugeben: Clubs und Diskotheken, Kinos, Theater, Restaurants im Innenbereich, Flugreisen.

Die Pandemie und die Herausforderungen, die sie für die Bürger und ihren Staat bedeutet, haben sich seit ihrem Ausbruch phasenweise verändert. So auch jetzt. Das Zeitfenster, in der kostenlose Tests die Gesellschaft voranbrachten, schließt sich. Und wenn dieses Ende manchen Menschen hilft, ihre Impfzweifel zu überwinden, umso besser.

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