Bischöfe bei der Herbst-Vollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz. Foto: Arne Dedert/dpa
p

Prälat Karl Jüsten zum Missbrauchsskandal "Wer sich an Kindern vergeht, vergeht sich an Gott"

17 Kommentare

Im Missbrauchsskandal der katholischen Kirche fordert der Leiter des Kommissariats der deutschen Bischöfe: Die Täter müssen zur Verantwortung gezogen werden.

Der Leiter des Kommissariats der deutschen Bischöfe, Prälat Karl Jüsten, hat im Zusammenhang mit dem Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche klare Konsequenzen gefordert. Beim jährlichen Sankt-Michael-Empfang in Berlin, an dem unter anderem Kardinal Reinhard Marx, Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner sowie der frühere Unionsfraktionsvorsitzende Volker Kauder teilnahmen, bezeichnete Jüsten den Missbrauch an Kindern als ein "Vergehen an Gott". Täter, sowie diejenigen, die solche Taten decken würden, müssten "zur Verantwortung gezogen werden".
Wir dokumentieren im Folgenden die Rede in Auszügen:

Meine sehr verehrten Damen und Herren,

an dieser Stelle sind Sie von mir gewohnt, dass ich ein paar einleitende Bemerkungen zur politischen Großwetterlage mache.

Dazu wäre sicher auch einiges zu sagen, aber - in diesem Jahr ist alles etwas anders:
Vor gut zwei Wochen wurde im Rahmen der Herbst-Vollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz eine große Studie zum sexuellen Missbrauch von Kindern und Jugendlichen im Bereich der katholischen Bistümer in Deutschland vorgestellt. Ihre Ergebnisse waren für diejenigen, die sich seit Jahren mit dem Thema befassen, keine Überraschung. Doch haben sie der Gesellschaft und ganz besonders uns als Kirche ein weiteres Mal vor Augen geführt, in welchem Ausmaß Priester, Diakone und Ordensleute über Jahrzehnte hinweg Kinder und Jugendliche sexuell missbraucht haben und welche Konsequenzen die Verantwortlichen daraus gezogen haben und welche notwendigen auch nicht! Die neue Phase der Auseinandersetzung mit diesen Verbrechen rückt nun die Frage in den Mittelpunkt, welche Strukturen, Zugangsvoraussetzungen zu Diensten und Ämtern, Mentalitäten und Einstellungen von Verantwortungsträgern in unserer Kirche diese Taten begünstigt haben.

Viele haben gedacht, dass wir es hier mit einem Skandalgeschehen zu tun haben, dass im Modus der Krisenbewältigung einmalig abgearbeitet werden kann. Wer so denkt, irrt sich grundlegend. Wir müssen lernen, dass die Aufarbeitung dieser Schandtaten eine dauerhafte Aufgabe und Verantwortung für uns ist, die wir an vielen Stellen Verantwortung für Kinder und Jugendliche übernehmen. Kein Bischof darf, wenn der mediale Druck gewichen ist, zur Tagesordnung übergehen. Dazu haben sie sich selbst verpflichtet und haben dies mit einer Vielzahl von konkreten Maßnahmen hinterlegt, die es nun umzusetzen gilt.

"Vergeht sich ein Priester an einem Kind, missbraucht er den Namen Gottes"

Einen biblischer Schlüsseltext zum richtigen Umgang mit Kindern und Schutzbefohlenen hörten wir am vergangenen Sonntag. Jesus fordert die Menschen seiner Zeit gemäß dem Markusevangelium zu einem radikalen Perspektivwechsel auf. „Lasset die Kinder zu mir kommen, hindert sie nicht daran, denn ihnen gehört das Reich Gottes“ und weiter: „Wer das Reich Gottes nicht so annimmt wie ein Kind, der wird nicht hineinkommen.“ Das war und ist nach wie vor eine unerhörte Provokation. Die Zeit Jesu war geprägt von einem patriarchalischen System, in dem die Kleinsten der Kleinen weder Status, Rechte noch Prestige hatten, in dem es abwegig war, Kindern auf Augenhöhe zu begegnen, geschweige denn, ihre Sichtweise einzunehmen. Betroffenen zu begegnen, wie Jesus es uns hier vormacht, ist anstrengend. Betroffenen zuhören, ihr erlittenes Leid erspüren und erahnen, ihre Erfahrungen mit den Tätern und der Kirche hören, das ist gemäß dem Evangelium geboten.

Egal in welchen Kontexten sexueller Missbrauch geschieht, im Kontext der Kirche ist er so perfide, weil die Kirche sich als Verkünderin des Reiches Gottes sieht, um das es hier eben auch immer geht. Deshalb vergeht sich derjenige, der sich an Kindern vergeht zugleich an Gott. Kindesmissbrauch ist nicht nur ein Verstoß gegen das sechste Gebot, sondern auch gegen die beiden ersten Gebote. Das Verbrechen des Kindesmissbrauchs muss vor weltliche Gerichte, das ist klar. In der Perspektive Jesu und damit auch in der Kirche ist es aber auch ein Krimen gegen Gott. Wenn ein Priester, der in die Nachfolge Christi ein getreten ist, der nach sakramentalem Verständnis in der Person Jesu Christi handelt, sich an einem Kind vergeht, missbraucht er den Namen Gottes. Deshalb muss ein solcher Täter in jedem Fall auch von der Kirche mit aller Konsequenz zur Rechenschaft gezogen werden. Und deshalb müssen sich auch diejenigen, die solche Täter geschützt haben, heute ihrer Verantwortung stellen. Das Markusevangelium als Urquelle für Leitlinien zum Umgang mit sexuellem Missbrauch galt früher genauso wie heute. Das Vertuschen der Taten und das Decken der Täter in der Vergangenheit ist für uns heute inakzeptabel. Genauso inakzeptabel ist es, wenn diejenigen, die dazu beigetragen haben, dass Täter Ihr schändliches Handeln fortsetzen konnten, nicht zur Verantwortung gezogen werden.

Diesen Perspektivwechsel, den Jesus im Evangelium durch sein Beispiel von uns einfordert, in allen Konsequenzen zu vollziehen - von den Erwachsenen zu den Kindern, von den Tätern zu den Opfern, von der Institution zu den Betroffenen – das ist die Aufgabe der Stunde, die keinen weiteren Aufschub, keine Relativierungen und keine Ablenkungen mehr duldet!

"Unsere Glaubwürdigkeit hängt davon ab, wie wir als Kirche mit dieser Verantwortung umgehen"

Sicher wird Kardinal Marx hierzu gleich noch etwas sagen, aber es ist auch mir ein ganz persönliches Anliegen, Ihnen deutlich zu machen, dass der Umgang mit diesen Verbrechen für unsere Arbeit hier im politischen Berlin an der Nahtstelle von Kirche und Politik prägend ist. Unsere Glaubwürdigkeit in allen noch so wichtigen Fragen, die für unser Land anstehen, hängt entscheidend davon ab, wie wir als Kirche mit dieser Verantwortung umgehen. Denn wenn wir es nicht schaffen, endlich die Perspektive der Betroffenen einzunehmen, wie wollen wir denn da bei anderen wichtigen Themen etwa die Perspektive der Armen und Entrechteten in der Einen Welt, der vom Klimawandel Betroffenen, der vor Krieg und Menschenrechtsverletzungen Geflohenen, der gebrechlichen Alten, Kranken, Ungeborenen, beim Lebensschutz oder der sozial Ausgegrenzten authentisch vertreten?

Ich kann Sie alle, die Sie heute gekommen sind und mit denen wir im Alltag so gut und vertrauensvoll zusammenarbeiten, nur bitten, uns bei allen anstehen den Aufgaben kritisch zu begleiten und sich mit uns auseinanderzusetzen. Wir können diesen Prozess nur als Teil dieser Gesellschaft in großer Offenheit und Ehrlichkeit meistern.

Sehr verehrter Herr Kardinal Marx, lieber Reinhard, Wir freuen uns, dass Du in diesem Jahr erneut zu uns zu sprechen wirst. Du hast für unseren Empfang Deine Teilnahme an der Jugendsynode unterbrochen und bist heute aus Rom zu uns gekommen. Wir sind gespannt auf die Eindrücke, die Du uns mitbringst. Du hast das Wort.

Zur Startseite