Demonstranten in Lagos protestieren gegen Polizeigewalt. Foto: Temilade Adelaja/REUTERS
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Polizeigewalt in Nigeria eskaliert Wie ein Handyvideo von einer Tötung Massenproteste auslöste

Johannes Dieterich

Seit Tagen erschüttern Nigeria Proteste gegen Korruption und Brutalität der Polizei. Besonders ein Video löst Empörung aus.

Man nennt sie „Yahoo boys“: die jungen Nigerianer, die ihr Geld in der lebhaften IT-Szene des bevölkerungsreichsten afrikanischen Staates verdienen. Schon von weitem sind sie an ihren Piercings oder Rasta-Locken zu erkennen: Viele von ihnen stylen sich wie ihre Vorbilder aus dem Silicon Valley und tragen Nikes und löchrige Jeans.

Meist sind sie im eigenen Fahrzeug oder mit einer Laptop-Tasche unterwegs, wodurch sie leicht erkennbar sind. Schon seit Jahren klagen sie über Übergriffe der Polizei, vor allem durch die berüchtigten Mitglieder der „Special Anti-Robbery-Squad“ (SARS), die ihnen das Leben zur Hölle machen.

Die „Yahoo boys“ sind keineswegs die einzigen, aber die begehrtesten Opfer der korrupten Polizisten: Diese pflegen die Smartphones der Techno-Yuppies zu konfiszieren, werfen ihnen dann irgendwelche vermeintliche Delikte vor und verlangen dafür horrende Bußgelder. Verweigern die Opfer die Zahlung, wenden die „Ordnungshüter“ Gewalt an. Anfang dieses Monats erschossen SARS-Mitglieder einen jungen Mann in der Hafenmetropole Lagos, den sie zuvor aus einem Hotel gezogen und auf die Straße geworfen hatten. Die Szene wurde mit einem Handy gefilmt und auf sozialen Netzwerken veröffentlicht. 

In den vergangenen dreieinhalb Jahren seien mindestens 82 junge Nigerianer von SARS-Beamten getötet worden, gab „Amnesty International“ kürzlich bekannt: Der Menschenrechtsorganisation lägen Beweise für Folterungen, Erpressung und sogar Hinrichtungen vor. Kein einziger Polizist sei bisher zur Verantwortung gezogen worden.

Welle der Empörung

Unter #ENDSARS löste das gepostete Video aus Lagos auf Twitter eine Welle der Empörung aus – doch der Protest blieb dieses Mal nicht auf den virtuellen Raum beschränkt. Tausende von Yahoo boys und deren Altersgenossen gingen in den vergangenen zehn Tagen in zahlreichen Großstädten des Landes auf die Straße: Sie forderten die Auflösung der Spezialeinheit, blockierten Verkehrsschlagadern oder die Zugänge zu Flughäfen.

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Derartige Proteste sind in Nigeria ungewöhnlich: Zum letzten Mal kam es vor acht Jahren zu einem Bürgeraufstand, nachdem die Regierung die Subventionen für Kraftstoff aufgehoben hatte. Damals scheiterte der Protest ausgerechnet an den Gewerkschaften, die sich auf einen Deal mit der Regierung einließen. Den Yahoo boys kann das nicht passieren: Sie organisieren ihre Aktionen spontan und online und sind als Bewegung ohne erkennbare Führung nicht korrumpierbar.

Die Polizei reagierte auf die Proteste zunächst auf ihre Weise: Sie setzte Wasserwerfer und Schlagstöcke ein, verhaftete hunderte Demonstranten und erschoss mindestens zehn junge Menschen. Angefeuert von der weltweiten Black-Lives-Matter-Bewegung nahmen auch in der Diaspora lebende Nigerianer den Kampf der Yahoo boys auf: Aus London meldete sich der Afropop-Sänger Wizkid zu Wort, in den USA stellte sich Rapper Kanye West hinter sie.

Armee soll aufräumen

Selbst der Fußballer Mesut Özil machte sich ihre Sache zu eigen. Der 77-jährigen Staatspräsidenten Nigerias, Muhammadu Buhari, ließ die weltweite Protestwelle nicht unbeeindruckt: Er ordnete seinen Polizeichef Mohammed Adamu an, die umstrittene Polizei-Einheit aufzulösen.

Anfang dieser Woche gab Adamu die Bildung einer neuen Einheit namens Special Weapons and Tactics Team (SWAT) bekannt: An der Entschlossenheit der Demonstranten änderte das allerdings nichts. Selbst die versprochene Freilassung aller im Verlauf der Proteste Verhafteten sowie die Einrichtung einer Kommission, die die Übergriffe aufklären soll, vermochte die Demonstranten nicht zum Zuhause-Bleiben zu bewegen. 

Sie wandelten ihren Hashtag lediglich von ENDSARS zu ENDSWAT und wollen ihre Proteste fortsetzen. Ob der Wille zur Veränderung in der Staatsspitze tatsächlich da ist, darf bezweifelt werden: Inzwischen bot die Armeeführung an, mit den „subversiven Elementen und Störenfrieden aufzuräumen“.

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