Wolfgang Schäuble Foto: picture alliance / dpa / Kay Nietfeld
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Sammelband "Staatserzählungen" Seelentrost für Bildungsbürger

Konstantin Sakkas
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Wolfgang Schäuble und Herfried Münkler machen sich in dem Sammelband "Staatserzählungen. Die Deutschen und ihre politische Ordnung" für aufgeklärten Konservatismus stark.

Das Thema Heimat ist in aller Munde. Politiker und Intellektuelle streiten um die Selbstvergewisserung Deutschlands als Nation. In diesen Kontext schaltet sich auch der Sammelband Staatserzählungen ein, den Grit Straßenberger und Felix Wassermann bei Beck herausgegeben haben. Es handelt sich eigentlich um eine Festschrift mit Vorträgen, die anlässlich des 65. Geburtstages von Herfried Münkler vor zwei Jahren gehalten wurden – doch das macht in dem Fall nichts, denn das Buch verfolgt einen pädagogischen Zweck: nämlich das deutsche Bildungsbürgertum bei der demokratischen Stange zu halten.

Hierin liegen zugleich Verdienst und Makel dieses Buches. Verdienst, weil sich im deutschen Bildungsbürgertum eine immer stärkere Rechtsdrift beobachten lässt. Was die ostdeutsche Intelligenz betrifft, wird das niemanden wirklich überrascht haben – aber wenn sogar Thea Dorn behauptet, „mit dem, was 2015 in diesem Land passiert ist, nicht glücklich“ gewesen zu sein (wieso eigentlich nicht?), zeigt das eine tiefe Verunsicherung an, der hier begegnet werden soll.

Makel, weil die zehn Essays eben doch von Hochschullehrern für Hochschullehrer geschrieben wurden, die mehrheitlich weit jenseits der fünfzig sind – die Generation Berghain und Böhmermann kommt in dieser Diskursschicht nicht vor, was das Ganze dann doch weltfremd macht, zumal sich gerade in dieser Generation ja proportional am meisten Akademiker finden. Wäre das Buch nicht bei Beck erschienen, würde vermutlich niemand darüber reden. Aber gut.

Es geht um Köpfe und Herzen

Es sind drei alte Meister deutscher konservativer Intelligenz, die auf dem Buchcover prangen: Wolfgang Schäuble, Herfried Münkler und Jürgen Kaube, und insbesondere Schäuble und Münkler, die häufig Prügel von der Linken einstecken müssen, erweisen sich als weitsichtige, aufgeklärte Befürworter einer liberal-konservativen politischen Erzählung.

So gehörte Münkler zu den Befürworten der Merkel’schen Flüchtlingspolitik und bekräftigt diese Sicht in seinem Beitrag, der die „abendländische“ der „global-player-Erzählung“ gegenüberstellt und sich für letztere entscheidet: „Die Global-Player-Erzählung ist in jeder Hinsicht anspruchsvoller und obendrein auch komplexer als die Abendlanderzählung, die in ihren jüngsten Ausgestaltungen auf ein Sich-Zurückziehen auf das vermeintlich Eigene und das Fernhalten des Fremden hinausläuft. Was wir derzeit beobachten, ist ein Ringen dieser beiden Haupterzählungen mitsamt ihren zahlreichen Varianten um die Köpfe und Herzen der Europäer, und dieses Ringen wird nicht nur zwischen den Mitgliedsländern, sondern auch zwischen den Generationen sowie zwischen ländlichen und städtischen Räumen ausgetragen.“

Herfried Münkler Foto: Thilo Rückeis
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Wer die rechtsintellektuelle Szene kennt, weiß um das hohe Ressentimentlevel dort, das eine zumeist sehr aufgesetzt wirkende Intellektualität mehr schlecht als recht kaschiert. Vor allem für diese Kreise wohl wurde dieses Buch veröffentlicht, in dem sich in der Wolle gefärbte Bildungsbürger für ein Deutschland der Westbindung, des liberalen Internationalismus und der Toleranz einsetzen. Verklammert werden diese „linken“ Werte durch eine aufgeklärt „konservative“ Haltung, die sich humanistischer Universalismus nennen ließe. Die bierdeutschen Rechtsintellektuellen haben ihn nie besessen, die dogmenfixierten und weltlosen Linken können nichts mit ihm anfangen – jedoch ist er die eigentliche Haltung der Mitte, ist ideologischer Stabilitätsgarant in Deutschland und Europa, gegründet in einem progressivistischen Bildungsbürgertum.

Die Aussagen bleiben allzu abstrakt

Am besten verkörpert diese Haltung vielleicht Wolfgang Schäuble. Der gelehrte Protestant, dem als Badener das Weltbürgertum quasi in die Wiege gelegt wurde, findet es „bedenkenswert, dass ein Affekt gegen transnational konstituierte Religionen nicht nur zum Antikatholizismus geführt hat, sondern auch eine Wurzel des Antisemitismus war“, und bezieht sich damit natürlich auf den wachsenden Antiislamismus, der auf der politischen Rechten Konsens ist.

Es sind diese Gedankenblitze, die die Lektüre fruchtbar machen. Vieles andere fällt dagegen ab, etwa Kaubes sehr bildungshuberndes Impromptu über „Fürstenberatung“, Wilfried Nippels mühsame Studie über die Wirkungsgeschichte von Marxens Kritik der politischen Ökonomie oder der unvermeidliche Horst Bredekamp, der in keinem Sammelband fehlen darf. Schreiben diese Herren eigentlich für das 21. Jahrhundert – oder für das 19.? Einzig Steffen Martus’ interessante Einordnung der Grimmschen Märchen als Vehikel zur politischen Mythenbildung im Zeitalter der Industrialisierung sticht hier heraus, verharrt die herkömmliche Märchenhermeneutik doch überwiegend im Sexualpsychologischen.

Insgesamt müssen sich die Beiträgerinnen und Beiträger vorwerfen lassen, in Duktus und Aussage viel zu abstrakt geblieben zu sein. Den AfD-„Protestwähler“ mit Hochschulabschluss werden sie damit kaum erreichen, den klassischen Bildungsbürger mit technischem Brotberuf überfordern und die eigentliche Zielgruppe, die deutschen Intellektuellen, eher langweilen. Schade – denn aus dem Topos Staatserzählungen hätte man viel machen können – und in der heutigen Zeit nachgerade auch müssen.

Grit Straßenberger, Felix Wassermann (Hrsg.): Staatserzählungen. Die Deutschen und ihre politische Ordnung. Rowohlt Berlin, Berlin 2018. 320 S., 26 €.

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