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Napoleon-Memorabilia des russischen Sammlers Alexander Vikhrov in Moskau. Foto: Natalia KOLESNIKOVA / AFP
© Natalia KOLESNIKOVA / AFP

Polemik zum 200. Todestag War Napoléon I. nun ein Rechter oder ein Linker?

Sein Wirken wird in Frankreich seit 200 Jahren kontrovers debattiert – möge dies so weiter gehen. Denn die Wirklichkeit ist meist uneindeutig. Eine Kolumne.

Es war kein Streit, eher ein kleiner Disput bei uns am Frühstückstisch: Wird das französische Schmorgericht "Marengo", das nach der Schlacht Napoléons I. nahe dem gleichnamigen italienischen Örtchen vom 14. Juni 1800 benannt ist, nun mit Huhn oder Kalbsfleisch zubereitet?

Der Legende nach musste Napoléons Küchenchef Dunant nach dem Sieg über Österreich improvisieren, weil der Versorgungstross verloren gegangen war – und zauberte aus allem, was die Soldaten ranschaffen konnten - Hühner, Tomaten, Eier, Flusskrebse - ein neues Gericht. Später soll das Huhn durch Kalbfleisch ersetzt worden sein, und heute existieren „Poulet Marengo“ und „Veau Marengo“ friedlich nebeneinander.

Weniger versöhnlich geht es bei der Debatte um das Geschichtsbild des französischen Feldherren und Kaisers zu, die im Jubiläumsjahr 2021 wieder aufflammt: Sie fing direkt mit Napoléons Tod vor 200 Jahren, am 5. Mail 1821 im Exil auf St. Helena an. Die Frage ist: War er nun ein Revolutionär, der die Werte der Aufklärung und Revolution gesichert und die Modernisierung des Staaten vollendet hat – oder ein frauenfeindlicher Despot und Kriegstreiber?

„War er rechts oder links?“, bringt die französische Zeitung „Le Monde“ es auf den heutigen Punkt, ohne eine eindeutige Antwort geben zu können. Und das ist gut so! Geradezu eine Wohltat in diesen Zeiten der Polarisierung, dieser neuen Sucht nach dem Eindeutigen, das so wenig dem menschlichen Wesen entspricht.

Alle Männer sollten gleich sein – aber nicht die Frauen

Napoléon hat den Code Civil bis in deutsche Lande gebracht, die Gleichheit aller Männer vor dem Recht – und die Frauen hinter die Errungenschaften der Revolution zurückgestoßen.

Er hat die Religionsfreiheit festgeschrieben – und im wirtschaftlichen Konkurrenzkampf mit Großbritannien in den Kolonien die Sklaverei wieder eingeführt. Er hat in Frankreich nach der Revolution wieder einen Kaiser an die Spitze gesetzt – und in deutschen Landen, Italien und Polen die liberalen Kräfte und im besiegten Preußen die Reformer inspiriert.

Diese Ambiguität gegenüber Napoléons Wirken dauert nun schon 200 Jahre – und es wäre zu begrüßen, wenn sie noch 200 weitere Jahre andauern könnte und nicht im Jahre 2021 endgültig so oder so geklärt würde. Denn das würde der historischen Person nicht gerecht.

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Die französische Staatssekretärin für Gleichberechtigung, Elisabeth Moreno, macht vor, wie das gehen kann: „Napoléon war einer der größten Frauenfeinde“, kritisierte sie in der TV-Sendung „Le Grand Jury“. So war im Code Civil wurde festgeschrieben, dass Frauen ihrem Mann gehorchen müssen im Gegenzug für seinen Schutz. Und die Ermordung der Ehefrau, sollte sie in flagranti beim Ehebruch erwischt werden, galt demnach als straffrei.

Dennoch wollte Elisabeth Moreno an den Jubiläumsfeiern teilnehmen. Napoléon sei gleichzeitig eine „große Figur der französischen Geschichte“ gewesen und „das Leben ist nicht immer schwarz-weiß“, fügt sie hinzu.

So geht kritischer Umgang mit historischen Figuren, ohne sie ausschließlich aufgrund heute vorherrschender Werte zu verurteilen. Komplett unkritisch darf dagegen der Umgang mit dem kulinarischen Erbe sein: „Huhn Marengo“ ist ebenso wie "Kalbsragout Marengo" bis heute einfach ein wunderbares Wintergericht.

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