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Menschen laufen durch Hildburghausen und protestieren gegen die neuen Infektionsschutzregeln in dem Kreis. Foto: Steffen Ittig/dpa
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Update „Persönliche Betroffenheit, Angst vor dem Impfen“ Hildburghausens Bürgermeister erklärt den Anti-Corona-Protest in seiner Stadt

Am Mittwoch protestieren 400 Menschen im Corona-Hotspot gegen den Infektionsschutz. Die Polizei setzt Pfefferspray ein. Ein Anruf bei Bürgermeister Tilo Kummer.

Am Mittwochabend versammelten sich rund 400 Menschen in Hildburghausen in Thüringen, um gegen die Infektionsschutzrichtlinien und strengen Corona-Regeln in ihrem Landkreis zu protestieren. Die Polizei löste die Menschenansammlung mit Hilfe von Pfefferspray auf. Seit Donnerstag steht der Landrat von Hildburghausen unter Polizeischutz – er wurde bedroht, nachdem er den Protest gegen die Corona-Maßnahmen kritisiert hatte.

Auf die Nachfrage, ob er auch bedroht worden sei, sagte Bürgermeister Tiko Kummer (Die Linke), dass er zwar einen „aggressiven Ton in den sozialen Netzwerken“ wahrnehme, bislang aber keine Drohung gesehen habe. Er habe Verständnis für die Betroffenheit einzelner, „aber Drohungen gehen gar nicht“. Im Gespräch erzählt er, wie er den Versammlungsabend erlebt hat und was sich ändern muss.

Seit Mittwoch gilt im Landkreis Hildburghausen eine Allgemeinverfügung mit strengen Ausgangsbeschränkungen sowie geschlossenen Schulen und Kitas. Wie konnte es am Mittwochabend zu der Demonstration kommen?

Es war keine Demonstration, es wurden auch keine Reden gehalten. Seit Anfang der Woche wurde anonym in den sozialen Netzwerken dazu aufgerufen, spazieren zu gehen, um gegen die Allgemeinverfügung zu protestieren. Aber es gab keinen unmittelbaren Absender und keine Versammlungsanmeldung. Als Demonstration hat die Polizei das nicht gewertet. Wer hinter den Aufrufen in den sozialen Netzwerken steht, kann ich nicht sagen, ich bin nicht die Polizei.

Sie waren an dem Abend selbst kurz vor Ort: Welche Personen sind dort mitgelaufen?

Viele haben gesagt, sie wollen nur spazieren gehen. Es waren Menschen, die offenbar gegen die Allgemeinverfügung sind und die aus einer persönlichen Betroffenheit kamen, etwa weil sie berufliche Einschränkungen erleben oder Schwierigkeiten bei der Betreuung ihrer Kinder haben. Auch sagten manche, dass sie Sorgen vor einer Zwangsimpfung hätten. Es waren aber auch Menschen vor Ort, die sich einfach nur ein Bild von der Lage machen wollten und die das sehr negativ fanden, was da passiert ist und das auch geäußert haben.

Hildburghausens Bürgermeister Tilo Kummer. Foto: Timm Reichert/Reuters Vergrößern
Hildburghausens Bürgermeister Tilo Kummer. © Timm Reichert/Reuters

Der Landkreis Hildburghausen hat derzeit bundesweit das größte Infektionsgeschehen bei Neuinfektionen pro 100.00 Einwohnern. Woran liegt das? Ist bekannt, wo die Infektionen stattfinden?

Im Frühjahr hatten wir eines der niedrigsten Infektionsgeschehen, deswegen haben viele wohl gedacht, dass es keine reale Bedrohung gäbe. Der Ausgangspunkt für die vielen Neuinfektionen waren dann private Feiern. Für sie gab es sogar Hygienekonzepte.

Doch Menschen, die gar nicht wussten, dass sie infiziert waren, haben bei diesen Festen viele andere angesteckt. Und das wurde dann auch erst recht spät festgestellt. So konnten sich die Infektionen wie ein Schrotschuss im ganzen Landkreis verteilen. Es gab auch massive Probleme bei der Nachverfolgung, da wurden Fehler gemacht. Doch inzwischen gibt es bei der Nachverfolgung Unterstützung durch die Bundeswehr.

Außerdem waren 50 Prozent der Kindertageseinrichtungen von Quarantänemaßnahmen betroffen, drei Feuerwehren waren abgemeldet, eine Rettungswache mit Krankenwagen konnte wegen den Quarantänemaßnahmen nicht fahren. Das macht im ländlichen Raum schon etwas, wenn die Erreichbarkeit nicht gewährleistet ist. Deswegen waren die Maßnahmen dringend geboten. Es geht darum, Menschenleben zu retten.

Es fehlen offenbar Kräfte zur Durchsetzung der Regeln. Wie wollen Sie dem entgegenwirken?

Der Landkreis hat ein Amtshilfeersuch gestellt, um Hilfe von den Gemeinden zu erhalten. Die Teams des Landratsamtes reichen offenbar nicht. Wir sind ein sehr großer Landkreis, haben aber nur 66.000 Einwohner. Wenn da jemand beschließt, eine Garagenparty mit Nachbarn zu feiern, lässt sich das kaum verhindern.

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Sie haben selbstkritisch gesagt, „die Information war bisher nicht die Beste“. Was wollen Sie nun an der Kommunikation ändern?

Der Ministerpräsident berät mit den Landräten, die Landräte treffen die Entscheidungen. Ich habe am Montag erst durch eine weitergeleitete Meldung vom Mitteldeutschen Rundfunk von den Neuregelungen erfahren. Dienstagmorgen habe ich dann Anträge für die Eltern in den Kitas ausdrucken lassen, um zu informieren, wer ab Mittwoch Notbetreuung bekommen kann.

So haben die Eltern nur wenige Stunden gehabt, um die Kinderbetreuung am nächsten Tag zu organisieren. Da kommt es dann vor, dass manche sagen: „Mensch, das überfordert uns, das könnt ihr nicht machen!“

Was würde helfen?

Ein Tag mehr zwischendurch wäre schon hilfreich. Aber auch die Verwaltung der Landkreise ist für den Normalbetrieb gebaut. Deswegen dürfen wir uns jetzt nicht streiten, sondern müssen uns gegenseitig unterstützen. Das ist das A und O.

Ich habe nun darum gebeten, dass das städtische Personal alle Eltern anruft und über die Regeln informiert. Wir müssen das gut begründen. Sie müssen sich vorstellen, viele Menschen auf dem Land lesen keine Tageszeitung, sie wissen nicht, wie viele Corona-Fälle es schon in den Kitas gab oder in den Altenpflegeheimen.

Hinweis: Der Vorspann dieses Interviews wurde entsprechend der Nachrichtenlage aktualisiert.

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