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Australien verfügt über die drittgrößten Kohlereserven der Welt und ist der zweitgrößte Exporteur, etwa über den Hafen von Newcastle. Dass die Regierung umschwenken will, nehmen ihr viele Beobachter nicht ab. Foto: AFP
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Nullemissionsziel bis 2050 Warum Australien trotzdem nicht von der Kohle lassen kann

Bisher hat Australien als zweitgrößter Kohleproduzent den Kampf gegen den Klimawandel boykottiert. Nun will das Land 2050 emissionsfrei sein. Kann das klappen?

Hinter verschlossenen Türen wurden in den vergangenen Tagen in Australien viele Deals gemacht. Nach langem Hin und Her hat sich Premierminister Scott Morrison nun doch noch mit dem bisher störrischen Koalitionspartner – den erzkonservativen Nationals – geeinigt. Und so wird der Kohleunterstützer Australien mit einem Nullemissionsziel bis 2050 im Gepäck zur Klimakonferenz in Glasgow anreisen. Am mittelfristigen Ziel – die Treibhausgase bis 2030 um 26 bis 28 Prozent unter das Niveau von 2005 zu senken –, will Australien jedoch nichts verändern. Obwohl die jüngsten Prognosen zeigen, dass das Land die Emissionen bis dahin um 30 bis 35 Prozent senken könnte.

Morrison gab das Nullemissionsziel am Dienstag offiziell bekannt und sagte, dass bis 2030 fast 13 Milliarden Euro in „emissionsarme Technologien“ investiert werden sollen. Zu diesen sollen Kohlenstoffspeicherung, die Produktion von grünem Stahl, grüner Wasserstoff und günstiger Solarstrom gehören.

Hoffnung auf ein Nullemissionsziel gab es bereits seit Tagen. Zunächst hatte Morrison nach anfänglichem Zögern bekanntgegeben, doch selbst zur UN-Klimakonferenz reisen zu wollen. Dies könnte mit einer Rüge aus dem britischen Königshaus zu tun haben, nachdem Prinz Charles sich in einem BBC-Interview überrascht über Morrisons vorheriges Zaudern gezeigt hatte. Oder mit Umfragen, die zeigten, dass der Großteil der 25 Millionen Australier sich mehr Engagement beim Kampf gegen den Klimawandel von seiner Regierung wünscht.

Eine weitere positive Entwicklung deutete sich mit dem überraschenden Sinneswandel der Murdoch-Medien im Land an. So fuhr der „Daily Telegraph“ die Kampagne „Mission Zero“. Dabei geht es darum, wie Australien auf den Weg in Richtung null Emissionen gebracht werden kann. Der Sinneswandel, den die Zeitung zeitgleich mit anderen Medien aus dem Imperium von Rupert Murdoch vollzogen hat, hatte Beobachter überrascht. Denn bisher zweifelten die rechtskonservativen Medien den Klimawandel eher an.

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Als die bisher schlimmsten Buschfeuer große Teile Australiens um die Jahreswende 2019/20 verwüsteten, versuchten Murdochs Blätter, die wahre Krise zu verschleiern und berichteten über belanglose Nachrichten. Ein Kommentator beim Sender „Sky News Australia“ verspottete einen ehemaligen Feuerwehrchef, der die Brände mit dem Klimawandel in Verbindung brachte, als jemanden, der wohl „einem Kult beigetreten“ und „einer Gehirnwäsche unterzogen worden“ sei.

In vielen Punkten verharrt die Regierung in ihrer Pro-Kohle-Politik

Wirklich überzeugend ist der Sinneswandel Down Under aber noch nicht. In vielerlei Hinsicht verharrt die liberalkonservative Spitze des Landes nach wie vor in ihrer Pro-Kohle-Politik. Erst vergangene Woche zeigten durchgesickerte Dokumente, wie Australien – ähnlich wie auch Saudi-Arabien, Brasilien, Japan und Argentinien – Lobbyarbeit geleistet hat, um den wichtigen IPCC-Bericht zum Klimawandel abzuschwächen. Dabei ist das Land besonders stark vom Klimawandel beeinträchtigt: Buschfeuer, Extremtemperaturen, Dürren und Korallenbleichen haben in den vergangenen Jahren zugenommen und zu hohen Schäden geführt.

Klimaschutz und Kohle sind in Australien beides brisante Themen. Morrison war bisher nicht als Freund der Klimabewegung bekannt. Legendär ist, wie er 2017 ein Stück Kohle ins Parlament brachte, um die Energiepolitik der sozialdemokratischen Opposition mit den Worten zu verhöhnen: „Das ist Kohle, haben Sie keine Angst.“ Der Koalitionspartner - die National Partei hat der Kohle- und der Gasindustrie jahrzehntelang treu die Stange gehalten und stand Klimaversprechungen bisher ebenfalls misstrauisch gegenüber. Zuletzt führte der Einfluss der Partei sogar dazu, dass Australien beim Freihandelsabkommen mit Großbritannien die Klimaziele völlig aus dem Text streichen ließ.

Zudem macht das Land nach wie vor gutes Geld mit der Kohle. 32 Milliarden Euro spült der Brennstoff jährlich in die Kasse. Australien ist der fünftgrößte Kohleproduzent und der zweitgrößte Exporteur und verfügt über die drittgrößten Kohlereserven der Welt. Rund 50.000 Menschen sind in der Industrie beschäftigt.

Als Anfang September eine Studie des University College London feststellte, dass die überwiegende Mehrheit der Kohlereserven der Erde nicht verbrannt werden dürfe, wenn die globale Erwärmung in diesem Jahrhundert auf 1,5 Grad begrenzt werden soll, wies die australische Regierung dies mit großer Verärgerung von sich.

„Die Realität ist, dass die weltweite Nachfrage nach australischer Kohle zunimmt und mindestens bis ins nächste Jahrzehnt weiter steigen wird“, sagte Keith Pitt, Australiens Minister für Ressourcen und Wasser, damals. In den vergangenen Wochen und Monaten hat Umweltministerin Sussan Ley zudem grünes Licht für den Ausbau von drei Kohleminen in Australien gegeben.

Australien bräuchte die Kohle gar nicht

Dabei ist das Land nicht wirklich auf den Rohstoff angewiesen. Denn Australien ist ein Paradies der regenerativen Energiequellen – mit Sonnen-, Wind-, Gezeiten, Wellen- und geothermischer Energie. Im Norden des Landes entsteht eines der ehrgeizigsten Solarprojekte der Welt. Ein Großteil des dort produzierten Sonnenstroms soll nach Singapur fließen. Zudem gibt es ein großes Wind- und Solarprojekt, das für die Südküste Westaustraliens geplant ist. Hier sollen Millionen Tonnen grüner Wasserstoff für Australien wie auch für den Export produziert werden. Und ein weiteres großes Zentrum für Wind- und Solarenergie soll im Nordwesten des Landes entstehen.

Auch führende Industrieköpfe wie der Bergbaumagnat Andrew Forrest sind bereits auf den Zug der erneuerbaren Energien aufgesprungen. Der Milliardär schwärmte vor Kurzem vom Potenzial Australiens bei der Produktion von grünem Wasserstoff. Gleichzeitig warnte er jedoch: Um Investitionen anzuziehen, brauche es positive Signale der Regierung. Das Nullemissionsziel ist nun immerhin ein erstes solches Signal.

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