Zum Corona-Überblick: Alle Zahlen zu SARS-CoV-2 in Deutschland
Frauen und Kinder leiden am meisten unter Not und Armut. Foto: imago/Zuma Wire
© imago/Zuma Wire

Not in Afghanistan „Mangelernährte Kinder machen uns besonders große Sorgen“

Tankred Stöbe von Ärzte ohne Grenzen über Hungernde in Afghanistan und die Furcht vor der vierten Covid-Welle. Ein Gespräch über ein Land in großer Not.

Tankred Stöbe (52) ist Intensivmediziner in Berlin. Seit Jahren hilft er in Krisen- und Konfliktregionen. Von 2007 bis 2015 war er Präsident der deutschen Sektion von Ärzte ohne Grenzen. Derzeit arbeitet er in der afghanischen Stadt Herat. Das Gespräch wurde telefonisch geführt.

Herr Stöbe, Sie arbeiten seit einigen Tagen für Ärzte ohne Grenzen in der westafghanischen Stadt Herat. Wie sind Sie überhaupt dorthin gekommen?
Es war unter den gegenwärtigen Bedingungen logistisch schwierig, auch wenn sich die Sicherheitslage verbessert hat. Der Luftraum über Afghanistan war lange gesperrt, die Grenzen geschlossen. Ich konnte mit etwas Verspätung letztendlich von Duschanbe, der Hauptstadt Tadschikistans, mit einem Flugzeug von Ärzte ohne Grenzen nach Herat fliegen.

War der Weg nach Herat gefährlich?
Na ja, der Luftraum ist leer. Als ich im Flugzeug saß, habe ich aber schon nach unten geschaut und mir gedacht: Hoffentlich kommt da niemand auf dumme Gedanken und will den Flieger vom Himmel holen. Vor der Landung fragte ich mich, wer jetzt zuständig sein wird oder ob mein Visum von der Vorgänger-Regierung noch gültig ist? Das zeigt: Hier ist ein Land im Umbruch. In Herat funktioniert das Leben jedoch wieder halbwegs normal. Wenn man das in einer derartigen Krisensituation überhaupt sagen kann.

Wie gehen die Menschen damit um?
Die Afghanen sind unfassbar schwierige Lebensbedingungen gewohnt – und das über Jahrzehnte. Hier herrscht ein beeindruckender Pragmatismus. Wenn irgendwo geschossen wird, gehen die Menschen kurz in Deckung und dann wieder ihren Geschäften nach.

Zeigen sich die Taliban als neue Machthaber kooperationsbereit?
Ärzte ohne Grenzen ist als neutrale Hilfsorganisation seit Jahren mit den verschiedenen Konfliktparteien im Gespräch, auch mit den Taliban. Die Islamisten haben uns frühzeitig zugesichert, dass wir weiterhin helfen können. Es ist sogar so, dass wir uns wehren müssen, nicht die gesamte medizinische Verantwortung zu übernehmen.

Wo die Not in Afghanistan am größten ist. Grafik: Rita Böttcher Vergrößern
Wo die Not in Afghanistan am größten ist. © Grafik: Rita Böttcher

Was benötigen die Menschen in Herat besonders dringend?
Zum einen versorgen wir in Herat viele Binnenvertriebene. Also Menschen, die ihr Zuhause verloren haben und im Land auf der Flucht sind. In Herat sind das inzwischen Zehntausende, die Schutz vor bewaffneten Konflikten suchen. Aber es sind auch viele darunter, die die Folgen des Klimawandels zu spüren bekommen. Der Regen bleibt aus, die landwirtschaftlichen Felder sind ausgedörrt, es gibt nichts zu ernten, die Lebensmittelpreise steigen. Die Menschen leiden Hunger und kommen deshalb nach Herat. Sie alle sind extrem abhängig von Hilfe.

[Wenn Sie aktuelle Nachrichten aus Berlin, Deutschland und der Welt live auf Ihr Handy haben wollen, empfehlen wir Ihnen unsere App, die Sie hier für Apple- und Android-Geräte herunterladen können.]

Helfer warnen vor einer drohenden Hungerkatastrophe. Zu Recht?
Wir haben hier eine Klinik für mangelernährte Kinder. Die machen uns besonders große Sorgen. Das Krankenhaus ist auf 40 Patienten ausgelegt, wir versorgen aber derzeit 90 Mädchen und Jungen. Und schwer mangelernährt heißt: Die Kinder sind nicht nur abgemagert, sondern haben zum Beispiel zusätzlich eine Lungenentzündung, eine Maserninfektion oder eine Durchfallerkrankung. Die Situation dort ist extrem angespannt. Auch, weil es an Personal fehlt.

Tankred Stöbe ist Intensivmediziner und hilft seit Jahren als Vertreter von Ärzte ohne Grenzen in Krisen- und Konfliktregionen. Foto: imago images/teutopress Vergrößern
Tankred Stöbe ist Intensivmediziner und hilft seit Jahren als Vertreter von Ärzte ohne Grenzen in Krisen- und Konfliktregionen. © imago images/teutopress

Wie kann denn diesen schwerstkranken Kindern geholfen werden?
Es reicht nicht aus, ihnen regelmäßig eine Scheibe Brot und etwas zum Trinken zu geben. Die Kinder benötigen zumeist intensivmedizinische Unterstützung, einen stufenweisen Aufbau mit einer Spezialmilch. Irgendwann können sie dann wieder feste Nahrung zu sich nehmen. Doch das dauert und ist eine komplexe Behandlung.

Wenn die Menschen geschwächt sind, hat das Coronavirus leichtes Spiel, oder?
Gerade im Westen Afghanistans ist die Lage besonders angespannt. Hier endet gerade die dritte Welle, aber die vierte bahnt sich bereits an. Die Sorge ist groß, dass alles noch viel schlimmer wird.

Warum?
Es gibt bei weitem nicht genügend Behandlungsplätze. Wir stocken deshalb in unserer Covid-Klinik gerade die Zahl der Betten auf. Nur wenige Menschen haben eine Impfung erhalten, selbst Mitarbeiter im Gesundheitswesen oder Risikopatienten sind ohne Schutz. Überhaupt genügt die medizinische Versorgung nicht einmal den Mindeststandards. Medikamente, Sauerstoff, Geräte, Benzin für Generatoren, Gehälter für das Personal – es fehlt einfach an allem. Und das gilt nicht nur für Herat, sondern für das ganze Land.

Zur Startseite