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Englische und deutsche Spieler knieen vor dem Anpfiff nieder. Pool via REUTERS/John Sibley
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Niederknien als Protest gegen Rassismus Die Geste der Fußballspieler darf keine Gratis-Geste sein

Niederknien gegen Rassismus - das ist nobel, wenn es Konsequenzen hat. Eine davon muss lauten: Helft Namibia, helft den Herero, jetzt! Ein Kommentar

War es eine starke oder schwache Geste? Die Spieler der deutschen Fußball-Nationalmannschaft haben sich im Achtelfinale gegen England niedergekniet, um gegen Rassismus zu protestieren. Die Kapitäne tragen Armbinden in Regenbogenfarben, um sich für die Rechte der LGBTQ+-Community einzusetzen. Und wenn die Spieler demnächst eine Sonnenblume in der Hand halten, um für mehr Klimaschutz zu demonstrieren, wäre auch das ein Signal. Wer sich über solche Gesten empört, zeigt in der Regel nur, wie notwendig sie sind.

Allerdings dürfen es keine Gratis-Gesten sein, die ohne Konsequenz bleiben, weil sie vor allem eine lautere Gesinnung zum Ausdruck bringen sollen. Es gibt nichts Gutes, außer man tut es, schrieb Erich Kästner. An ihren Taten sollt ihr sie erkennen, steht im Johannes-Evangelium. Taten sprechen lauter als Worte, heißt es im Angelsächsischen.

Die höchste Covid-19-Todesrate von ganz Afrika

Nun denn. Wer es mit Antirassismus ernst meint, sollte folglich die Geschichte seines Landes kennen, diese aufarbeiten und Verantwortung für deren Opfer übernehmen. In ihrer damaligen Kolonie Deutsch-Südwestafrika, dem heutigen Namibia, haben Deutsche zwischen 1904 und 1908 den ersten Völkermord des 20. Jahrhunderts verübt. 65.000 der 80.000 Herero und 10.000 der 20.000 Nama wurden ermordet. Nach fast sechsjähriger Verhandlung wurde Mitte Mai ein Aussöhnungs- und Wiedergutmachungsabkommen zwischen Deutschland und Namibia unterzeichnet. Es liegt zur endgültigen Abstimmung dem namibischen Parlament und der Regierung vor. Allerdings gibt es Unstimmigkeiten. Ob und wie das Abkommen umgesetzt wird, ist offen.

 Namibia hatte in der vergangenen Woche die höchste Covid-19-Todesrate von ganz Afrika. Die 7-Tage-Inzidenz liegt aktuell bei 428,3, in Deutschland liegt sie bei 5,9. Unicef warnt, die Gesundheits-Infrastruktur sei am Rande der Belastbarkeit.

Namibia hat 2,5 Millionen Einwohner

Der namibische Chefunterhändler des Abkommens mit Deutschland, Zed Ngavirue, starb vor einigen Tagen an den Folgen einer Corona-Infektion. Zuvor war an Corona bereits der Chef des Rates der Herero, Vekuii Reinhard Rukoro, gestorben. Viele Länder, die das Robert-Koch-Institut als Virusvariantengebiet ausweist, liegen in Afrika. In Uganda etwa ist die Zahl der Ansteckungen zwischen März und Juni um 2800 Prozent angestiegen.

 Laut Unicef entfallen auf Afrika lediglich 1,5 Prozent der bislang weltweit verabreichten Impfstoffdosen. In Deutschland dagegen reicht die Impfquote bereits an Großbritannien und die USA heran. Zehntausende lassen ihre Buchungen verfallen. In Impfzentren, Kliniken und bei Hausärzten sind viele Termine frei. Teststationen schließen mangels Nachfrage. Impfstoffe sind ausreichend vorhanden.

Deutsche Hilfe ist gefragt

Was also liegt näher für ein Land, das stolz darauf sein möchte, sich seiner Kolonialgeschichte zu stellen, Impfstoffe und Sauerstoffgeräte jetzt sofort in ausreichender Zahl nach Namibia zu liefern (das Land hat 2,5 Millionen Einwohner)? Natürlich sollten sich zu solcher Verantwortung auch andere europäische ehemalige Kolonialmächte bekennen – Großbritannien, Frankreich, Niederlande, Portugal, Spanien, Italien, Belgien. Aber akut ist die Lage vor allem in Namibia. Und da ist Deutschland gefragt.

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 Ja, sie sollen niederknien, die deutschen Nationalspieler, und ein Zeichen gegen Rassismus setzen. Ein Teil der Geschichte des Rassismus ist freilich die Kolonialgeschichte ihres Landes. Wenn ihre Geste keine Gratis-Geste sein soll, müssen die Fußballer aus ihrer Aktion deshalb unmissverständlich die Forderung ableiten: Helft Namibia, helft den Herero, jetzt!

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