Verkehr ist vielfältig in Berlin: vom BVG-Bus über die Stadtautobahn A100 und den Radverkehr bis zu S- und Regionalbahn. Fotos: dpa
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Nicht nur Stau und Streik Berlins Verkehrspolitik versagt an jeder Straßenecke

Autos stehen im Stau, jetzt streikt auch die BVG – und das ist nicht alles. Ob Nah-, Rad- oder Fußverkehr: Das Verbesserungspotenzial ist riesig. Ein Kommentar.

An diesem Mittwoch stehen wenigstens die Lehrer und Erzieher nicht im Stau auf dem Weg zur Arbeit: Verdi ruft zum Warnstreik an Schulen und Kitas. Am Freitag kann auch das pädagogische Personal die Stauzeit nachholen: Verdi ruft zum Warnstreik bei der BVG. Die Forderungen sind hier wie da verständlich: Wer gut arbeitet, soll auch gut davon leben können. Gern in der Nähe der Arbeitsstätte, was in Berlin bekanntlich immer schwieriger wird. Das liegt landläufig an „steigenden Lebenshaltungskosten“, mit denen allerdings nur zum kleinsten Teil das Obst im Laden und das Bier an der Bar gemeint sind, sondern zum allergrößten Teil die Wohnkosten.

Die Zahl derer, die gezwungenermaßen weiter draußen wohnen, steigt und wird weiter steigen. Das mag man beklagen, aber vor allem muss man es managen. Genauer: Die Politik muss die absehbar wachsenden Verkehrsströme so organisieren, dass die Leute auch noch übermorgen zur Arbeit kommen.

Im gerade veröffentlichten Stau-Index eines Verkehrsdatenanbieters schaffen es vier Berliner Magistralen unter die zehn stauträchtigsten Straßen Deutschlands. Sieben Minuten Zeitverlust am Tempelhofer Damm und am Mehringdamm vor dem Halleschen Tor pro Tag im Schnitt, beispielsweise. Diese Erkenntnis taugt für sich genommen wenig, weil der Verlust über den Tag gemittelt ist, also die Wenigen, die nachts staufrei durchkommen, ebenso enthält wie die Vielen, die tags weit mehr Zeit verlieren.

Und doch steht das Beispiel dafür, wie Berlin verkehrstechnisch unter seinen Möglichkeiten bleibt: Der Korken im konkreten Fall ist eine Ampel, an der man sich fragt, warum sie nicht einfach grün wird, wenn der Querverkehr durch ist. Die Technik dafür gäbe es, und man wünschte sie sich für viele andere Ampeln, an denen die Leute noch viel länger sinnlos warten. Das Potenzial für Verbesserungen wäre riesig; weitaus größer übrigens als für Grüne Wellen, die sich in einer amorph gewachsenen Stadt wie Berlin fast nirgends realisieren lassen. Allerdings ändert das nichts an der unbequemen Wahrheit, dass der Autoverkehr mangels Platz nicht mit der Stadt wachsen kann.

Womit wir bei den Alternativen wären. Die S-Bahn schlägt sich leidlich, aber der Job der Lokführer und der BVG-Leute ist härter geworden: Mit dem Gedränge ist der materielle und personelle Verschleiß gewachsen. Es ist in erster Linie ein Versagen der Politik, dass die BVG erst neue U-Bahnen kaufen kann, seit die alten auseinanderfallen. Es wäre auch an der Politik, Busspuren rigoros freiräumen zu lassen: Ohne den Zeitverlust durch Falschparker gewänne die BVG schlagartig Dutzende Busse und hunderte Fahrer.

Mit besserem Management ließen sich 19 Jahre gewinnen – pro Tag

Apropos Zeitverlust: Wenn eine Million Menschen pro Tag dank eines besseren Verkehrsmanagements zehn Minuten schneller würden, wären 19 Jahre gewonnen – pro Tag! Das zeigt, dass das Thema Verkehrsplanung gar nicht ernst genug genommen werden kann. Ansätze gibt es, aber noch immer geht es halbherzig voran.

Allein das verschenkte Potenzial beim Radverkehr, weil sich so viele unter den vorhandenen Bedingungen lieber nicht auf den Sattel schwingen! Wer will es ihnen verdenken angesichts von Verkehrsführungen, die wie eine Einladung zur Organspende anmuten? Wenn nur die Hälfte derer, die aus Angst verzichten, aufs Rad steigen würden – der Gewinn für die verstopfte, zugedieselte Stadt wäre gigantisch, und der BVG-Streik halb so schlimm.

Das gilt ähnlich für den Fußverkehr, der ewig am unteren Ende der Nahrungskette zu kämpfen hat – und sich seinen Weg zwischen Falschparkern und Radrowdys über umtoste Mittelinseln bahnt. Dem Bundesverkehrsminister fällt nichts Besseres ein, als den Fußgängern jenes Elektrorollergemüse in die Hacken zu jagen, das die Polizei bisher zwecks Gefahrenabwehr einkassiert.

Da der Bund Verkehrsprobleme nur schafft, statt sie zu lösen, muss Berlin es allein hinbekommen. Schwer vorstellbar, dass das gelingt. Aber den Versuch ist es wert. Zu gewinnen gibt es Lebensqualität für alle – und bis zu 100 Prozent Wählerstimmen für die Verantwortlichen.

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